Lokführer vergessen zu halten: Neat-Züge rauschen an Flüelen vorbei

URI ⋅ Seit Dezember 2016 stoppen Neat-Züge sechs Mal pro Tag in Flüelen. Doch die Fälle, in denen Lokführer die fahrplanmässigen Halte nicht berücksichtigen, häufen sich. Die SBB suchen nach Erklärungen und entschuldigen sich.
05. März 2018, 18:42

Elias Bricker

elias.bricker@urnerzeitung.ch

«Nächster Halt Flüelen», tönt es aus dem Lautsprecher. Doch statt im Urner Hafenstädtchen den ordnungsgemässen Stopp einzulegen, rast der Eurocity am vergangenen Dienstagmorgen kurz nach 8 Uhr in einem horrenden Tempo durch den Bahnhof Flüelen. Die Passagiere, die aussteigen wollen, stehen völlig perplex vor den Türen und sehen durch das Fenster, wie der Urner Talboden an ihnen vorbeirauscht.

Gleiche Woche, gleiche Szene: Am Freitagabend, 17.10 Uhr, macht der Neat-Zug ins Tessin erneut keine Anstalten, in Flüelen zu halten. Zu diesem Zeitpunkt steht Philippe Romang am Perron, geplagt von Kälte und Schnee. «Unter diesen Umständen musste ich selbstständig nach einer Alternative suchen, die mich schliesslich doppelt so viel Zeit gekostet hat», erinnert sich Romang, der im Tessin wohnt und oft Freunde in der Zentralschweiz besucht. «Das ist mir nun schon sechsmal passiert.»

«Langsam wird es inakzeptabel»

Nach der Einführung des neuen Fahrplans im Dezember 2016 habe er zwar noch Verständnis für die vergessenen Halte gezeigt  (unsere Zeitung berichtete am 3. Februar 2017 von mehreren Vorfällen) . Damals wurden sechs Halte von Neat-Zügen am Morgen und am Abend in Flüelen eingeführt, je drei pro Richtung. «Aber langsam wird es inakzeptabel», sagt Romang, der beruflich viel auf Geschäftsreise ist.

«Diese Vorfälle tun uns leid», sagt SBB-Pressesprecher Daniele Pallecchi auf Anfrage unserer Zeitung. «Dass innerhalb weniger Tage zweimal in Flüelen ein Zug versehentlich durchfuhr, ist doppelt ärgerlich», heisst es bei der Medienstelle, die auch betont: «Die Lokführer, welche auf dieser Strecke unterwegs sind, werden entsprechend sensibilisiert.» In Flüelen liege jedoch eine spezielle Situation vor: «An Standorten, an denen Züge nur teilweise halten, ist die Gefahr von vergessenen Stopps etwas höher. Das beobachten wir beispielsweise auch in Lenzburg und Aarau.» Die Signale könnten trotz eines geplanten Halts immer auf Grün gestellt sein, wenn die weitere Strecke frei ist – dies aus Sicherheitsgründen. Die Lokführer würden per Computer im Führerstand auf die vorgesehenen Bahnhofshalte hingewiesen.

Zudem verweist Pallecchi auf die Statistik: Auf dem ganzen SBB-Streckennetz werde alle zwei bis drei Tage ein Halt vergessen, im Durchschnitt also rund jeder 170 000. Halt. Einem Lokführer passiere laut der Statistik ein solches Missgeschick ein einziges Mal in seiner ganzen Laufbahn.

Nachdem in den ersten Wochen des neuen Fahrplanregimes Ende 2016 respektive Anfang 2017 gleich vier Züge den Halt in Flüelen verpassten, seien die Lokführer stark sensibilisiert worden. «Die Missgeschicke von vergangener Woche werden mit den betroffenen Lokführern besprochen, denen die Sache ebenfalls sehr unangenehm ist.» Dass der Zug statt in Flüelen in Altdorf hätte angehalten werden können, habe keine Alternative dargestellt. «Das war aufgrund der kurzen Distanz zeitlich leider nicht mehr möglich», so Pallecchi.

«Zugbegleiter haben sich bemüht»

Besonders ärgerlich war dies für die fünf Personen, die sich im Zug befanden und aussteigen wollten. Eine davon war Daniel Tinner, Rektor der Kantonalen Mittelschule Uri, der täglich von Zürich nach Altdorf pendelt. «Zuerst habe ich mich aufgeregt», sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. «Denn es hiess, der Zug habe wegen eines technischen Problems nicht anhalten können», was nachweislich nicht stimmt. «Die Zugbegleiter haben sich aber sehr bemüht, um den Zeitverlust für die Betroffenen in Grenzen zu halten», sagt Tinner. So hätten die SBB-Mitarbeiter sofort organisiert, dass der Eurocity in Bellinzona den Gegenzug abwartete und dann für die unfreiwilligen Tessin-Reisenden ausserplanmässig in Flüelen einen Halt einlegte. Immerhin: Die Betroffenen erhielten von den SBB einen Kaffee-Gutschein als Entschädigung.

«Ich habe Verständnis dafür, dass Fehler passieren können», sagt der Kollegi-Rektor. «Ich kam dann halt fünf Viertelstunden später zur Arbeit.» Wie unsere Zeitung aber weiss, befand sich unter den Passagieren auch jemand, der rechtzeitig zu einem Audit hätte erscheinen sollen, sowie jemand, der wegen des vergessenen Halts zu spät zu einem Bewerbungsgespräch kam.


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