Marionetten zum Leben erwecken

ALTDORF ⋅ Andri Schenardi steht vor einer verbalen Herausforderung. Der Schauspieler gibt den Marionetten des Urner Krippenspiels eine Stimme. Er spricht an den Dezembertagen alle Figuren live.
10. November 2017, 09:10

Angel Sanchez

redaktion@urnerzeitung.ch

Seit er die Schauspielschule vor zehn Jahren verlassen hat, lebt Andri Schenardi vom und für das Schauspiel. Der 37-jährige Altdorfer darf sich über eine Karriere voller Applaus freuen. Er gab im Stadttheater Bern den verrückten Prinzen Hamlet und in Graz den Cyrano de Bergerac. Im nächsten Jahr lebt Andri Schenardi um 20 Uhr in den Schweizer Wohnzimmern auf, dann nämlich ist er wieder in der Krimi­serie «Tatort» zu sehen.

Es läuft gut für den Urner Schauspieler, und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – steht Schenardi im Dezember wieder auf heimischen Bühnen. Er ist in der Neuinszenierung des Urner Krippenspiels zu sehen. Regie im bekannten Marionettenspiel führt sein vier Jahre älterer Bruder Matteo Schenardi. Dieser hat ihm eine besondere Rolle zugedacht: Andri Schenardi gibt den Marionetten live eine Stimme – und zwar fast allen Figuren im Stück: Gott und Teufel, Joder natürlich auch und dessen Frau Zänzä sowie auch dem schutzsuchenden Paar Josef und Maria.

Mensch neben Marionette

Eine Stimme für viele verschiedene Charaktere: «Das wird ex­trem schwierig», sagt Schenardi. Die Abstimmung zwischen ihm und den Puppenspielern muss passen. Redet eine Figur, zieht der Puppenspieler die entsprechenden Fäden, sodass die Marionette zu leben beginnt. Die ständigen Wechsel zwischen den Charakteren, die treffenden Dialoge und die Länge des Stücks – «eine Stunde Vollgas» – werden Schenardi fordern. Natürlich klingt jede Figur anders. «Joder spricht aus der Ruhe heraus, die Stimme seiner Frau ist etwas heller.» Der Teufel bietet ein weites Spielfeld, vom gebildeten Mephisto bis zum wütenden Dämon.

Schenardis Platz an den Aufführungen ist am Bühnenrand. Von da wird er auch mit den Figuren interagieren. Dann gibt er kurzzeitig mehr als nur die Stimme. «Ich werde dann zur Figur.» Er hilft den Holzkameraden, wenn diese an ihre körperlichen Grenzen stossen. «Die Marionetten können mit ihren starren Händen nichts greifen. Das erledige ich dann für sie.»

Danioths Krippenspiel als prägende Erinnerung

Besteht da nicht die Gefahr, dass die Blicke des Publikums am Menschen hängen bleiben, statt den Figuren an den Fäden folgen? «Das glaube ich nicht. Schon bei den Proben merken wir, wie präsent die Marionetten sind, wenn sie sich bewegen.» Auch das Bühnenbild von Burkart & Pfaffen wird dem Publikum helfen, den Fokus auf die Figuren zu richten. Die Bühne ist als Guckkasten gebaut. Das heisst, dass man während der Aufführung den Puppenspielern auf die Finger schauen kann. «Das ist ein optisch sehr spannender Effekt», sagt Schenardi. Zudem spielt Multiinstrumentalist Livio Baldelli im Stück live Musik. All dies trägt zur Lebendigkeit und Spontanität bei.

Blicken wir rund 30 Jahre zurück: Weihnachten stehen vor der Tür. Andri Schenardi erinnert sich gut, wie damals das Urner Krippenspiel von Heinrich Danioth daheim bei den drei Kindern präsent war. «Matteo, Luca und ich waren daheim im Keller. Er goss Zinnsoldaten, und dazu hörten wir das Krippenspiel.» Auf dem Plattenteller lief die Hörspielfassung aus dem Jahr 1963. Zu Papier brachte Danioth das Stück 1944, in einem schneereichen Oktober im Meiental. 1945 war das Krippenspiel in Altdorf zum ersten Mal zu sehen. Dass die Figuren jetzt wieder live gesprochen werden, ist eine Reverenz an die Uraufführung vor 72 Jahren.

Zurück ins Heute: Das Krippenspiel wird an den Dezembertagen nicht alleine in der Vergangenheit schwelgen, sondern auch einen Bezug zum Heute machen. Die Inszenierung wird – ganz nach Danioth – «das Menschliche über das Urnerische stellen». Was also im Urner Schnee passiert, kann sich genauso gut andernorts zutragen. Ein Blick in die Zeitung genügt, um zu merken, dass Danioths Stoff zur Moral auch heute noch viel beizutragen hat.

Hinweis

Die Marionettenbühne Gelb-Schwarz bringt zusammen mit Regisseur Matteo Schenardi ­und bewährten Puppenspielern den Urner Klassiker von Heinrich Danioth im Dezember im Theater Uri in neuer Form auf die Bühne. Im Rahmen der Dezembertage wird das Stück zehnmal aufgeführt. Die Premiere ist am 13. Dezember. Tickets: Ticket Center Uri, Tel. 041 874 80 09, ticketcenter-uri.ch, ticketcenter@uri.info.


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