Mit «Neubauten» gegen die Wohnungsnot

GESCHICHTE ⋅ Mit der Eröffnung der Gotthardbahn und Fabriken am Ende des 19. Jahrhunderts fehlte es in Uri an Wohnungen für Arbeiter und Familien. Initiative Firmen und später Genossenschaften nahmen sich des Problems an. Die Lösungen wirken bis heute nach.
16. April 2018, 07:46

Walter Bär-Vetsch

redaktion@urnerzeitung.ch

Die eigentliche Industrialisierung begann in Uri erst ausgangs des 19. Jahrhunderts. Die 1882 eröffnete Gotthardbahn schaffte günstige Verkehrswege zu den aufkommenden Wirtschaftszentren im Mittelland. Neben den bestehenden Klein- und Mittelbetrieben trugen die 1896 gegründete Eidgenössische Laborierwerkstätte – sieben Jahre später ging daraus die Eidgenössische Munitionsfabrik Altdorf hervor – und die Übernahme der am Rande des Ruins gestandenen Schweizerischen Draht- und Gummiwerke AG durch Adolf Dätwyler im Jahr 1918 wesentlich dazu bei.

Für die Fabrikarbeit und die Gotthardbahn fehlten damals in Uri die nötigen Arbeitskräfte. Die Urner zeigten lange Zeit weder gegenüber der aufkommenden Industrie noch gegenüber der Eisenbahn eine positive Einstellung. Volk und Regierung waren Neuem gegenüber misstrauisch. Viel lieber blieben junge Erwerbstätige der Landwirtschaft treu, ja sie bevorzugten gegenüber der Fabrikarbeit eine Auswanderung nach Übersee. Die Gotthardbahn-Gesellschaft und die ersten Industriebetriebe sahen sich gezwungen, auswärtiges Personal anzustellen. Die zugezogenen Bahnangestellten und Fabrikarbeiter brauchten Wohnraum, der in Uri nur ungenügend vorhanden war.

Kosthäuser vermietet vom Keller bis unters Dach

Da sich die meisten Fabriken im unteren Reusstal und die Arbeitsplätze der Gotthardbahn in Erstfeld befanden, führte dies vor allem im Unterland zu einer Wohnungsnot. Die vorhandenen Arbeiter- und Kosthäuser, vermietet vom Keller bis unters Dach, vermochten die Arbeitskräfte nicht mehr aufzunehmen. Dabei wurden Häuser mit acht bis neun Zimmern von drei und vier Haushaltungen bewohnt, die erst noch Kostgänger hatten. Um die hohe Miete zu verkraften, brachte eine mehrköpfige Familie in ihrer eigenen Wohnung durchaus noch einen oder zwei Untermieter, die Schlafgänger, unter. Enge, niedrige Schlafzimmer, die mehrere Fabrikler beherbergten, waren nicht selten. In den Stuben hielten sich oft ein Dutzend und mehr Personen – rauchende Männer, bettnässende Kinder – auf. Die Logis- und Hygieneverhältnisse waren äusserst prekär.

In Erstfeld war die Wohnungsnot besonders prekär: Die Gotthardbahn beschäftigte dort über 400 Eisenbahner, bei einer Einwohnerzahl von rund 3000 Personen. 1909 gründeten ein paar mutige Bähnler die Eisenbahner-Baugenossenschaft, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Der genossenschaftliche Wohnungsbau entsprang aus dem gewerkschaftlichen Gedankengut; seine Trägerschaft gehörte der sozialdemokratischen Bewegung an.

Die Behörden brachten dem Vorhaben nicht nur Sympathie entgegen. In der Bevölkerung bestanden Ängste und Befürchtungen gegenüber dieser Ansiedlung von «Auswärtigen». So übernahm die Finanzierung der geplanten Bauten denn auch nicht die damalige Ersparniskasse Uri (aus der 1915 die Urner Kantonalbank hervorging), sondern die Pensions- und Hilfskasse des Kantons Schwyz, eine mit der SBB verbundene Institution. Die ersten 40 Reihen- und Doppelhäuser konnten im Juli 1911 bezogen werden. Diese in der Belloni-Hofstatt gelegenen Häuser nannte man respektvoll «Barcelona». Schon 1929/30 entstanden weitere fünf Blöcke.

Wegen des erhöhten Munitionsbedarfs während des Ersten Weltkriegs benötigte die Eidgenössische Munitions­fabrik für ihren Dreischichtbetrieb Personal aus der ganzen Schweiz. Der Mangel an geeignetem Wohnraum – vor allem an Zimmern für ledige Arbeiter – stieg. Die Eidgenössische Munitionsfabrik nahm sich direkt, das heisst nicht über eine Wohnbaugenossenschaft, der Wohnungsnot ihrer Arbeiter an. 1918 erstellte der Bund im Brestenegg drei Unterkunftshäuser mit einfachen Einzelzimmern, «d’Nyywbüüwdä» genannt. Die Gemeinschaftsküchen waren sehr einfach, genügten aber, denn die Arbeiter verpflegten sich in der betriebseigenen Kantine, der «Schpyysi» oder im Restaurant Walter Fürst. Nach dem Ersten Weltkrieg baute die Eidgenössische Munitionsfabrik ihren Personalbestand wohl nach und nach ab, der Wohnbedarf aber blieb, nicht mehr für ledige Arbeiter, sondern für Arbeiterfamilien. 1923 wurden die drei Wohnhäuser in Wohnungen für Familien umgebaut.

Von «möblierten Herren» und «gefangenen Zimmern»

Die einfachen Wohnungen entsprachen dem Bedarf der meist jungen Familien. Zur Aufbesserung des Einkommens vermieteten einzelne Familien noch Zimmer an Kostgänger. Die vom Treppenhaus direkt zugänglichen Zimmer waren für Untermieter, die «möblierten Herren», geeignet, weniger die «gefangenen» Zimmer, deren Zugang nur über das Elternschlafzimmer möglich war. Hier soll es bei nächtlichen Begegnungen zwischen dem heimkehrenden Untermieter und dem bereits im Ehebett weilenden Ehepaar manchmal zu heiklen Begebenheiten gekommen sein!

Die «Neubauten» lagen auf Bürgler Boden, an der westlichen Grenze im Talboden, das Schulhaus, die Kirche und die Gemeindeverwaltung weit oben im Dorf. So bildeten die «Neubauten» ein Dorf für sich, mit unangenehmen Folgen für die Mietfamilien. Diese besuchten die Kirche in Attinghausen. Die Kinder gingen wegen des bequemeren und kürzeren Weges nach Altdorf oder Attinghausen zur Schule. Dafür forderten diese Gemeinden ein entsprechendes Schulgeld. Verwaltungsgeschäfte mussten in Bürglen erledigt werden. Auch die jährlichen Inspektionen fanden dort oben statt, was den Wehrmännern eine Heimkehr weit über Mitternacht hinaus bescherte! Ein Höhepunkt war alljährlich zur Fasnachtszeit die «Neubauten-Katzenmusik». An Originalität und Grösse konnte sie sich mit den Katzenmusiken der Umgebung messen. Der Schlussball im Gasthaus Walter Fürst endete meist am darauffolgenden Morgen.

In den Jahren 1970/71 wurden die drei Häuser der «Neubauten» zum Leidwesen der Mieterschaft abgerissen. Der Bund als Eigentümer beauftragte die Feuerwehr Altdorf, die Häuser mit einem «Übungsbrand» dem Erdboden zu Gunsten eines grossen Parkplatzes mit 125 Plätzen gleichzumachen.

In Erstfeld herrschte 1930 noch immer grosser Wohnungsmangel. Trotz der zahlreichen neu erstellten Privathäuser beschoss die Eisenbahner-Baugenossenschaft, die Wohnkolonie der Eisenbahner um 30 Wohnungen zu vergrössern. Die Anmeldungen gingen so zahlreich ein, dass man sogar 80 neue Wohnungen hätte erstellen müssen. 1947 und 1954 folgten weitere Bauetappen auf insgesamt 98 Wohnungen.

In Altdorf baute die Dätwyler AG für ihre Mitarbeitenden 1933 die ersten 36 Firmenwohnungen an der Dätwyler­strasse. Doch auch diese private Initiative vermochte die Wohnungsnot im Urner Talboden nicht zu beheben. Die Mieten stiegen weiter.

1940 betrug die durchschnittliche Kinderzahl in Bauen, Bürglen, Gurtnellen und Isenthal sechs, in Attinghausen, Spiringen und Unterschächen fünf, in Andermatt, Bristen, Schattdorf, Seedorf und Seelisberg vier und in den restlichen Gemeinden drei. Der soziale Wohnungsbau für kinderreiche Familien war damals wahrlich kein Luxus.

Staatliche Massnahmen halfen anfänglich wenig

Im Oktober 1941 schilderte der Erstfelder Gemeinderat dem Regierungsrat die misslichen Wohnungsverhältnisse in seiner Gemeinde. Er bat ihn, sich für den staatlich subventionierten Wohnungsbau einzusetzen und eine diesbezügliche Vorlage vor den Landrat zu bringen. Die Gewerbedirektion erkundigte sich bei sämtlichen Gemeinden über die Lage auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt. In keiner Gemeinde bestand Arbeitsmangel, aber fast überall herrschte Wohnungsnot. Im März 1942 verabschiedet der Landrat eine Vorlage, wonach sämtliche Gemeinden in den Genuss von Unterstützungsbeiträgen für den Wohnungsbau kamen. Die staatlichen Massnahmen halfen anfänglich wenig. Die starke Verteuerung der Baukosten um bis zu 50 Prozent der Vorkriegspreise und ein empfindlicher Mangel an Baumaterialien liessen die private Bautätigkeit stark zurückgehen. Nur in Altdorf und Erstfeld wurden neue Wohnungen gebaut, die allerdings die akute Wohnungsnot kaum linderten.

Im Juni 1943 sah sich der Altdorfer Gemeinderat gezwungen, den Zuzug von Familien oder Einzelpersonen, die mehr als ein Zimmer zu bewohnen beabsichtigen, zu verbieten. Die Vermieter wurden unter Androhung einer Busse gezwungen, frei gewordene Wohnungen unverzüglich zu melden.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, im März 1945, gründeten 20 sozialdenkende Personen aus der Not der Zeit in Altdorf die gemeinnützige Baugenossenschaft Pro Familia Altdorf. Sie wollten in Altdorf und Umgebung Wohnungen zu einem tragbaren Zins schaffen. Hauptsächlich Mitglieder der christlich organisierten Arbeiterschaft zeichneten Anteilscheine. Als erste Liegenschaft erwarb die Genossenschaft Land an der Attinghauserstrasse. 1946 entstanden fünf Zweifamilienhäuser, denen bald sechs weitere folgten. 1951 wurden zwei Sechsfamilienhäuser gebaut, 1961 folgte ein Zwölffamilienblock, 1965 ein Wohnblock mit 28 Wohnungen. Zwischen 1945 und 1995 wurden in sechs Bauetappen 124 preisgünstige Wohnungen verwirklicht.

 

Gesammelte Kindheitserinnerungen aus den 1950/60er-Jahren

Das Cervelat-Viertel

Die Mieter der Magigen wurden – vor allem am Arbeitsplatz im «Schächenwald» – immer wieder damit bespöttelt, dass sie im «Cervelat-Viertel» hausen. Der im Verhältnis zum Monatslohn von 350 Franken eines Fabrikarbeiters hohe Mietzins von 76 Franken für eine Dreizimmerwohnung erlaube nur noch den Verzehr von Cervelats. Ja, und ein Cervelat verteile sich sogar auf mehrere Mäuler. 



Das ideale Versteck

Meine erste Freundin, ich war damals im Kindergarten, hiess ... Sie wohnte auch in der Magigen. Wir haben als Kinder x-mal geheiratet – natürlich nur gespielt. Den ersten Kuss, noch scheu auf die Wange, gaben wir uns hinter einem Johannisbeerstrauch. Übrigens, dieser Strauch war später das ideale Versteck zum heimlichen Rauchen der «Niälä» und ersten Zigaretten, bestens geschützt von heimtückischen Blicken. 


 

Das Wettstricken

Eine Zeitlang begeisterten sich die Mädchen für das Wettstricken. Bei schönem Wetter ging die Strickerei draussen auf den Steinplatten um das Haus, bei schlechtem Wetter im Treppenhaus los. Nach jedem gestrickten Gang durfte man eine Steinplatte weiterrücken oder eine Stufe weitersteigen. Siegerin war, wer zuerst das Haus auf den Steinplatten umrundet oder das Treppenhaus zuoberst erreicht hatte. 


 

Das «Geischterlä»

Ein beliebtes Spiel war das «Geischterlä». Wir kauerten uns in ein dunkles Kellerloch und erzählten einander Geistergeschichten. Je «gfirchiger», desto interessanter. Wir bekamen Hühnerhaut, dass man hätte Käse daran reiben können! Erreichte die aufgestaute Angst ihren Höhepunkt, verliessen alle schreiend das Verliess – um in wenigen Minuten wieder dort zu sitzen und mit dem «Geischterlä» fortzufahren. 

(red)


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