Pionierarbeit des Sagenforschers Hanspeter Niederberger ist neu aufgelegt

NEUAUFLAGE ⋅ «Geister, Bann und Herrgottswinkel» ist ein Werk des verstorbenen Sagenforschers Hanspeter Niederberger. Buchgestalter und Verleger Christoph Hirtler blickt zurück auf das Leben des Autors und die Entstehungsgeschichte des Buchs.
12. Oktober 2017, 05:00

Christoph Hirtler

redaktion@urnerzeitung.ch

Hanspeter Niederberger, 1952 geboren, wächst als Bauernbub mit acht Geschwistern im Ober Lätten in Dallenwil auf. Er hilft daheim mit, im Stall, beim Heuen. Als Kind ist er manchmal bei seinem Onkel Werner und dessen Vieh auf der Alp Arni-Stalden oberhalb von Engelberg. Werner ruft allabendlich den Betruf, erzählt Hanspeter von unerlösten armen Seelen, zeigt ihm die Muttergottestanne mit dem Bruder-Klaus-Bildnis. Hier wurde wohl der Grundstein gelegt für Hanspeter Niederbergers spätere Pionierarbeit als Volkskundler, Sagensammler und Autor. Es ist ihm gelungen, in die Welt der Volksfrömmigkeit vorzudringen, von der die meisten gar nicht mehr wissen, dass es sie gab und in beschränktem Masse heute noch gibt.

Seine Ausbildung am Lehrerseminar Luzern schliesst er 1974 ab. 1980 kauft er zusammen mit seiner Frau Praxedis das Bauernhaus Kapellmatt im Weiler Kleinteil bei Giswil. Die beiden reisen für ein halbes Jahr nach Peru – eine Reise, die das Leben von Hanspeter Niederberger prägen sollte. Besonders beeindruckt ist Niederberger vom Reichtum der peruanischen Volksfrömmigkeit. In den Abwehrzeichen, Amuletten, Votivtafeln, Heiligen- und Muttergottesverehrung und den religiösen Festen der indigenen Bevölkerung erkennt er Parallelen zur Zentralschweiz. «Hampi hat sich gefragt, warum wir in Peru vom Reichtum der Volksfrömmigkeit überwältigt sind, während sie in der Schweiz kaum beachtet wird», erinnert sich seine Frau Präxi.

Orte in der Nähe werden zu Niederbergers Quellen

Zurück in Giswil, beginnt Hanspeter Niederberger zu forschen: Orte und Menschen in unmittelbarer Nähe werden ihm zur Quelle zahlreicher Geschichten und Sagen. Beim Sagen- und Geschichtensammeln stösst er aber zunächst auf Widerstand. Die Kontaktpersonen reagieren aus religiösen Gründen ängstlich oder misstrauisch, weil sie fürchten, als Spinner zu gelten. Mit dem Buch «Giswiler Sagen» wird Hanspeter Niederberger in Obwalden dann aber bekannt als einer, der Geschichten sammelt. Für das Buch «Menschen – Bilder» porträtiert Niederberger die ehemalige Hausangestellte der Arztfamilie Durrer aus Sarnen, der Familie von Praxedis. Niederberger ist eng mit dem vom Kirchenjahr geprägten Brauchtum verbunden. Für die Älplerchilbi Giswil dichtet er mit seiner Frau Präxi «Älplersprich», an Weihnachten steht jeweils die alte Krippe der Kleinteiler Sankt-Antonius-Kapelle in der Stube. Die Lärmbräuche des «Samiglaistrinklä» faszinieren ihn ebenso wie die Fasnacht. Für den Palmsonntag bindet er mit seinen Schülerinnen und Schülern das Siebnerlei – Palmsonntagsgebinde aus sieben Pflanzen. Stechpalme, Föhre, Eibe, Buchs, Weisstanne, Efeu und Wacholder werden um einen Haselzweig gebunden. Sie sollen vor Blitzschlag und bösen Geistern schützen und werden im Haus, an Scheuneneingängen oder über kranke Tiere aufgehängt. Die immergrünen Pflanzen besitzen im Volksglauben magische Abwehrkräfte. Die Zahl Sieben hat eine Sonderstellung als Glückszahl, sieben Sinne des Menschen, Zahl Sieben im Schöpfungsmythos und so weiter.

Ein talentierter Handwerker

Hanspeter Niederberger ist auch ein talentierter Handwerker: Für seine Kinder baut er Spielzeuge wie ein Windspiel mit Alphornbläser und Fahnenschwinger oder eine kleine Motorsäge aus Holz mit Tricouni-Nägeln als Kette. Die Familie freut sich über seine Tischbomben, Hampi zeigt mir den Mechanismus: «Hier ist eine alte Holzkiste mit eingebautem Federmechanismus. In der Kiste stehen ein paar Becher, die ich mit Zuckersteinen oder Schrauben oder was immer fülle. Das Ganze decke ich mit Seidenpapier. Wenn ich die Schnur anzünde, gibt es einen Riesenknall, die Becher samt Inhalt durchbrechen das Seidenpapier und schleudern hoch in die Luft!» Er vertieft sich in Fachliteratur, ist in Kontakt mit dem Mythenforscher Sergius Golowin, sammelt Sagenbücher aus der ganzen Schweiz und sucht nach magischen Objekten. In den Sagen findet er die Verwendung der magischen Gegenstände in den Geschichten über Toggeli, Dämonen und armen Seelen. So hängt alles zusammen.

Unermüdlich ist Hanspeter Niederberger auf der Suche: Wenn ein altes Bauernhaus abgebrochen wird, sucht er nach Verpflöckungen, Amuletten oder Kultgegenständen. Er ist beteiligt an mehreren Büchern und Publikationen, porträtiert unter anderem den Maler und Weltenerfinder Beda Durrer.

Er schreibt in den Schulferien und am Abend, wenn die Kinder im Bett sind. Für die endgültigen Fassungen seiner Geschichten braucht Hanspeter Niederberger Distanz: An Pfingsten nimmt er sich jeweils eine Auszeit, schreibt in Solothurn, weil ihm die Stadt gefällt. Das Theaterstück «Goldloch», über das ­Leben des Jesuiten, Goldsuchers und Geisterbanners Johann Baptist Dillier, schreibt er 1992 innert dreier Wochen in Spanien.

Geri Dillier, Hörspielregisseur bei Radio SRF, liest seine Texte, fördert ihn und führt Regie bei den Tonträgern «Äs Nätschi» und «Schatzgräber – Sagen um den Wellenberg». Und der damalige Leiter des Freilichtmuseums Ballenberg, Edwin Huwyler, erinnert sich: «Ich habe Hampi um einen Beitrag für die Weiterbildung unserer Führerinnen und Führer auf dem Ballenberg gebeten. Ein schwieriges Unterfangen, habe ich ihn vorgewarnt. Unser alteingesessenes Team verhält sich in solchen Situationen eher skeptisch und manchmal sogar ein bisschen besserwisserisch.» Aber auch hier dauerte es nicht sehr lange, bis er sein anspruchsvolles Publikum ««im Sack» hatte. Es gelang ihm, eine Stimmung zu schaffen, dass seine Zuhörerinnen und Zuhörer nicht nur zuhörten, sondern begannen, viele Geschichten und Erlebnisse aus ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen.

1999 lagern nach 20-jähriger Forschungstätigkeit kistenweise magische Objekte, stapeln sich Ordner, Fachliteratur und Sagenbücher. Ich darf ihn bei seinem neuesten Buchprojekt als Fotograf begleiten. Es trägt den Titel «Geister, Bann und Herrgottswinkel». Hampi erklärt mir seine Idee: Ausgehend von realen magischen Gegenständen, will er deren Bedeutung und Verwendung erklären und mit den entsprechenden Sagen belegen. Es geht ihm darum, zu beweisen, dass magische Praktiken neben der Religion praktiziert werden. Wir treffen uns in seinem Haus im Garten oder am runden Tisch in der Küche. Hampi zeigt mir Bilder von Geisterzimmern, erklärt mir die Bedeutung des «Siebnerlei» und holt zahlreiche Gegenstände wie das «Toggelikreuz», Rosenkränze und Amulette aus grauen Transportkisten. Ich bin fasziniert.

Magische Gegenstände faszinieren den Fotografen

Zusammen reisen wir durch die Innerschweiz, er führt mich in die magische Welt ein. Wir fahren zuerst nach Schötz zur Ronmühle. Rund 7000 Objekte hat der ehemalige Posthalter Paul Würsch gesammelt. Haus und Sammlung bezeichnet er als «Asyl für kulturelles Strandgut». Wir fahren nach Lutherbad zur Wallfahrtskapelle Maria Heilbronn. Ein Beweis für den lebendigen Naturglauben – ebenso wie die Muttergottes Maria wird die Quelle verehrt. Nach der Recherche füge ich die Bilder in Hampis Manuskript ein. Jeder von uns hat einen Ordner, in dem das Buch strukturiert ist. Für mich ist es eine Liste für sämtliche Fotografien, die ich ohne Begleitung von Hampi realisiere. Die magischen Gegenstände lassen mich nicht mehr los. Die Liste der Fotografien ist lang. Einige Gegenstände von Hampi habe ich zu Hause, um sie in der passenden Umgebung fotografieren zu können. Ich zeige sie meinen Kindern, sie fürchten sich davor. Oft bin ich in der Ronmühle in Schötz, in den Zimmern des Erdgeschosses lagern in Glasvitrinen Amulette, Skapuliere, Zauberbücher, geweihte Kerzen, Wachsrodel, geheimnisvolle Pflanzen. An Wänden hängen Dutzende von Rosenkränzen. Stolz bemerkt der Posthalter später, dass der Fotograf es besonders genau genommen habe. Einmal sei er hier gewesen und habe während eines ganzen Tages nur drei Gegenstände fotografiert.

Nachdem Hanspeter Niederberger die letzten Seiten des Buches «Geister, Bann und Herrgottswinkel» gelesen und korrigiert hat, reist er mit seiner Familie am 30. September 2000 in die Ferien. Die Vernissage hat er nicht mehr erlebt.

Werk hat auch gewissen lexikalischen Charakter

«Sein eindrückliches Buch bleibt uns als Vermächtnis erhalten», sagt Edwin Huwyler an der Buchvernissage in Giswil. «Eine Sammlung von mündlichen und schriftlichen Zeugnissen und Informationen, präzise geordnet und nach Themen zusammengestellt. Kapitel für Kapitel erhalten wir eine allgemeine Einleitung und einen kurzen Überblick zu einem bestimmten Thema; es folgen Sagen, Erzählungen und Geschichten dazu, die er selber aufgenommen oder aus unzähligen Büchern zusammengestellt hat. So hat das Werk auch lexikalischen Charakter und sollte als Handbuch immer griffbereit im Regal stehen.»

Ich bin oft allein in den Bergen unterwegs. Manchmal treffe ich auf alte Inschriften von Älplern an einer Hüttentür, stosse auf «Schreibplatten», flache Felsen inmitten von Alpweiden mit Einritzungen von Händen, Jahreszahlen und Initialen oder entdecke an einem Stall – er steht mitten in einem Lawinenzug – eine kleine Madonnenstatue an der Aussenwand, gesichert mit grossen, gekrümmten Nägeln. Hampi wäre bestimmt begeistert gewesen, denke ich oft.


Leserkommentare

Anzeige: