Auch mit 93 Jahren ist sein Siegeshunger noch nicht gestillt

ALTDORF ⋅ Adolf Inglin ist der älteste aktive Urner Sportkegler. Doch das ist nicht das einzige Hobby des nach wie vor äusserst rüstigen 93-jährigen ehemaligen Coiffeurmeisters.
15. April 2018, 05:00

Sarah Kempf

redaktion@urnerzeitung.ch

«Nur schon die Tatsache, dass ich dank meiner guten Gesundheit in meinem Alter noch aktiv an Meisterschaften teilnehmen kann, ist für mich ein riesiges Geschenk», sagt der begeisterte Sportkegler Adolf Inglin. Das klingt sehr bescheiden, gerade wenn man weiss, dass der 93-Jährige an der «Kinzig»-Meisterschaft in Bürglen vor wenigen Wochen alle seine zwölf – meist sehr viel jüngeren – Konkurrenten geschlagen und sich den Sieg in der Altersklasse geholt hat.

Dass er nach wie vor auf den Kegelbahnen stehen kann, verdankt er aber sicher auch seinem grossen Willen. Denn vor gut fünf Monaten verletzte sich der rüstige Rentner bei einem Treppensturz. «Es passierte in den Ferien», schildert er sein Missgeschick. «Ich habe die Höhe einer Stufe falsch eingeschätzt, bin eingeknickt und mit dem linken Knie direkt auf dem Asphalt aufgeschlagen. Beide Hauptsehnen waren gerissen». Ob er je wieder würde kegeln können, war ziemlich ungewiss. Doch dank einer neunwöchigen Therapie sei nun «alles wieder, wie es sein sollte», sagt er mit einem Schmunzeln. «Die vierzehn Therapieübungen mache ich seither jeden Morgen. Auch das gut einstündige Walken am See hält mich fit.»

Elf Mal in der Urner Kantonemannschaft

Zum Sportkegeln ist Adolf Inglin eigentlich durch Zufall gekommen. «Zwei Kollegen überredeten mich, diese Sportart auszuprobieren», erzählt er. «Ich war von Anfang an begeistert. 1960 haben wir dann in der ‹Schützenstube› in Flüelen den Kegelklub Rudenz gegründet». Im gleichen Jahr gewann der «Rookie» im «Grüner Wald» in Gurtnellen seine erste Meisterschaft. Den wievielten Kategoriensieg er vor kurzem in Bürglen geholt hat, weiss Inglin nicht. «Es war der -zigste Erfolg», sagt er ganz bescheiden - und schmunzelt. Elf Mal stand der Altdorfer im Verlaufe seiner fast 60-jährigen Karriere in der Urner Kantonemannschaft, für die sich jeweils nur die besten acht Kegler qualifizieren, und konnte so diesen prestigeträchtigen gesamtschweizerischen Wettkampf bestreiten.

Mehrmals wechselte Adolf Inglin in der Vergangenheit infolge Mitgliedermangels den Klub, vom «Rudenz» zum «Avanti» und danach zum «Gotthard». Inzwischen trifft er sich einmal pro Monat mit rund 20 Senioren des Urner Sportkeglerverbands zur Ausübung seines Hobbys. Sie alle sind über 60 Jahre alt. Inglin ist mit Jahrgang 1925 der älteste noch aktive Urner Kegler. Bei den Wettkämpfen, muss er ein Programm mit 60 Würfen in die Vollen absolvieren. «Zwei Schüsse sind zum Aufwärmen da, dann gilts ernst», sagt der Altdorfer. «Rechtzeitig anmelden lohnt sich, denn so kann man die passende Uhrzeit wählen», verrät er eines seiner Geheimrezepte. Der Einsatz dauert zirka 20 Minuten.

Auch in der Altersklasse muss man konditionell auf der Höhe sein, denn eine Kugel wiegt immerhin rund 9 Kilogramm. Zudem muss der Kegler jedes Mal in die Knie gehen, damit er zu einem technisch sauberen Wurf ansetzen kann. «Den nächsten Wettkampf hat er bereits im Visier: die Urner Meisterschaften vom 15. Mai im «Kinzig» in Bürglen. Als Vorbereitung hat er dort am 9. April das monatliche Training mit den Senioren absolviert. Das Training ist für Adolf Inglin allerdings nur die eine Seite dieses Treffens. «Die Geselligkeit ist in meinem Alter viel wichtiger», betont der Sportkegler.

Turnen, Schiessen, Singen und vieles mehr

«Ich war von Kindheit an sportlich», erzählt Inglin, der in Cham aufgewachsen ist. Als Knabe widmete er sich dem Geräteturnen. Wegen «Überbeinen» an den Handgelenken musste er diese verheissungsvoll gestartete Karriere jedoch schon früh beenden. Er wechselte zur Leichtathletik – und war dort nicht minder erfolgreich. Der Gewinn seines ersten Kranzes am Eidgenössischen 1951 in Lausanne ist ihm noch heute sehr präsent. Inglin ist aber auch seit Jahrzehnten ein äusserst treffsicherer Schütze. Noch heute ist er in diesem Kreis anzutreffen, «vor allem der Kameradschaft wegen», sagt er. Mit berechtigtem Stolz erzählt er vom Kopfkranz, den er 1995 beim Grenzlaufschiessen auf dem Urnerboden gewonnen hat. An Wettkämpfen nimmt der sportliche Rentner inzwischen zwar nicht mehr teil, aber bei den wöchentlichen Trainings gibt er nach wie vor ein paar Schüsse ab. «Ich mache das ohne Brille», betont der Sturmgewehrschütze, «denn mein Augenlicht ist noch immer tipptopp.» Die Geselligkeit pflegt Inglin zudem auch im Männerchor Altdorf, in dem er jahrelang aktiv war. «Leider lassen die Stimmbänder das Singen heute nicht mehr zu», bedauert er. Doch als Ehrenmitglied steht er dem Verein nach wie vor sehr nahe.

Der gelernte Coiffeur ist 1957 in den Kanton Uri gezogen. «Meine Frau und ich hatten die Möglichkeit, einen Damensalon in im Mietverhältnis zu übernehmen.» Dank der Meisterprüfung konnte er bis zur Pensionierung Anfang der 1990er-Jahre total 36 Damen- und Herrencoiffeur-Lehrlinge ausbilden. Zudem war er über 30 Jahre lang in der Lehrlingskommission und 15 Jahre als Präsident der Vereinigung der Urner Coiffeure tätig.

Täglich ein selbstgekochtes Mittagsmenü

Inglins Sohn lebt mit seiner Frau am Genfersee, seine Tochter mit ihrer Familie im Zürcher Oberland. Sie schaut regelmässig vorbei und ermöglicht damit, dass Adolf Inglin weiterhin allein in seiner Wohnung leben kann. Seine 88-jährige Frau, mit der er seit über 63 Jahren verheiratet ist, lebt seit einem Jahr im Pflegezentrum Höfli. «Sie war eine vielseitig interessierte Frau und eine einzigartige Köchin» schwärmt Inglin. «Diese Leidenschaft hat sie mir weitergegeben.» Täglich kocht er ein Mittagsmenü für sich allein. «Heute gibt es Fisch», verrät der Hobbykoch beim Besuch in seiner Wohnung. Früher war er ein begeisterter Fischer. «Da gab es noch zu Hauf Fische im Ägerisee», gerät er ins Schwärmen. «30 bis 40 Felchen pro Nachmittag habe ich regelmässig rausgezogen». Im Kanton Uri hat Inglin mit Fischen aufgehört, da ein Berufskollege beim Fischen auf dem Urnersee wegen eines Sturms sein Leben verloren hat. Dafür begann in Uri Inglins Kegelkarriere, in der das letzte Kapitel noch nicht geschrieben sein dürfte.


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