Sennen trotzen dem garstigen Wetter

BÜRGLEN ⋅ Anhänger von Brauchtum und Folklore liessen sich von Kälte und Regen nicht abhalten, an die Sennenchilbi in Bürglen zu pilgern. Für die traditionelle Fahnenschwingeinlage legte sich Sennenvater Franz Stadler eine besondere Taktik zu.
09. Oktober 2017, 05:00

Urs Hanhart

urs.hanhart@urnerzeitung.ch

Für jene, die den ersten Höhepunkt nicht verpassen wollten, war gestern nichts mit Ausschlafen. Die festlich gekleidete Sennenfamilie machte sich bereits kurz vor 9 Uhr auf den Weg zur Kirche, um dem von Wendelin Bucheli gehaltenen Festgottesdienst beizuwohnen. Während der Einzug nur vereinzelt Zuschauer anlockte, standen nach der Messe umso mehr Leute bereit, die sich trotz recht kaltem und regnerischem Wetter auf dem Kirchplatz versammelten. Zu sehen gab es das Fahnenschwingen mit dem diesjährigen Sennenvater Franz Stadler aus Altdorf sowie den Beamten Paul Gisler (Hauptmann), Bruno Imhof (Statthalter), Beat Schuler (Vorfähnrich) und Stefan Gisler (Nachfähnrich).

Jeder der fünf wartete mit einer Solodarbietung auf. Zusätzlich performte auch der abgetretene Sennenvater Josef Arnold-Herger. Dabei zeigte sich, dass auch in dieser koordinativ sehr schwierigen Disziplin noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Die Vorführungen waren grösstenteils etwas zaghaft, zumindest im Vergleich mit den absoluten Könnern. Immerhin fiel das Banner nie zu Boden. Alle schafften es, teilweise brenzlige Situationen im Kampf mit der Schwerkraft irgendwie zu meistern. Eigentlich erstaunlich, denn die Bedingungen waren nicht gerade ideal zum «Fähnlen». Insbesondere die nasse Fahne erschwerte das Handling enorm.

Eröffnet wurde der Reigen durch Vorfähnrich Beat Schuler, dem eine beachtliche Darbietung mit recht hohen Würfen gelang. Ähnlich gut schlug sich auch Hauptmann Paul Gisler. Bei der Wurfhöhe konnte er allerdings nicht mit Schuler mithalten. Statthalter Bruno Imhof verblüffte durch Sicherheit. Er geriet nie in Gefahr, das Banner nicht mehr unter Kontrolle zu halten. Ganz im Gegensatz zu Nachfähnrich Stefan Gisler. Dieser wirbelte die Fahne derart mutig und hoch durch die Lüfte, dass er sich mehrmals mächtig strecken musste, um diese wieder zu fangen.

Sennenvater erntet Zwischenapplaus

Eine ganz andere Taktik wählte Sennenvater Franz Stadler. Er verzichtete gänzlich auf riskant hohe Würfe und konzentrierte sich darauf, stets gut im Schwung zu bleiben, was ihm gut gelang. Für seine dynamischen Übersteiger erntete er vom Publikum sogar einen Zwischenapplaus. «Angesichts der Tatsache, dass wir im Vorfeld nur dreimal geübt haben, bin ich eigentlich ganz zufrieden», sagte Stadler. Es sei keine einfache Aufgabe gewesen. «Die nasse und dadurch schwere Fahne hat das Ganze ziemlich erschwert. Deshalb habe ich mich bei der Wurfhöhe bewusst etwas zurückgehalten.» Stadler stand bereits vor 40 Jahren als Fahnenschwinger auf dem Kirchplatz im Bürglen im Einsatz, damals als Sennenbeamter. Von den früheren Erfahrungen konnte er allerdings nicht mehr gross profitieren, wie er verriet: «Ich hatte fast alles verlernt und musste praktisch wieder bei null beginnen.» Der Zeitraum zwischen den beiden Auftritten sei zu gross gewesen, um noch etwas mitnehmen zu können. Zur Ambiance sagte der Sennenvater: «Ich finde es toll, dass trotz der garstigen Witterung so viele Zuschauer gekommen sind. Das war ein wirklich schöner Anlass. Ich habe ihn sehr genossen.» Auf eine Bewertung der Fahnenschwingeinlage wurde wie üblich verzichtet, da das Ganze in erster Linie ein Plausch sein soll. Angesichts der doch sehr ähnlichen Vorführungen hätte eine Fachjury wohl auch ihre liebe Mühe gehabt, einen Sieger zu küren.

Seinen zweiten persönlichen Höhepunkt erlebte der Sennenvater beim nachmittäglichen Einzug mit der Sennenfamilie zum Festgelände, auf dem ein buntes Programm geboten wurde. Die Palette reichte von Trachtengruppen über Alphornbläser und Trychler bis hin zu Auftritten der Sechsermusik und des Musikvereins Bürglen. Die Bürgler Sennenchilbi hat seit jeher den Charakter eines Erntedankfestes. Gedankt wird für die gesunde Heimkehr von Mensch und Vieh von der Alp und für den reichen Ertrag an Käse und Butter.


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