«Tell hat kein Glück gehabt»

BÜRGLEN ⋅ Zur Saisoneröffnung des Tell-Museums präsentierte David Boller seinen Tell-Comic. Der ist erst der Anfang. Der Zeichner hat mit dem Nationalhelden noch einiges vor.
15. Mai 2017, 04:38

Franziska Herger

franziska.herger@urnerzeitung.ch

David Boller ist kein Patriot. «Ich würde sogar sagen, ich habe ein Patriotismus-Trauma», lacht der bekannte Comiczeichner, der lange in den USA lebte. Und doch hat er einen Comic über Wilhelm Tell gezeichnet, den er zur Saisoneröffnung des Tell-Museums am Samstag und Sonntag in Bürglen vorstellte. Wie passt das zusammen? «Tell ist bereits bekannt», lautet Bollers einfache Antwort. «Einen Helden zu zeichnen, für den schon eine Nachfrage besteht, ist ein Riesenvorteil.»

So entstand «Die Legende von Wilhelm Tell», ein Comic für Leser von 9 bis 99 Jahren. Obwohl Boller die Bezeichnung Comic eigentlich nicht gerne hört. «Ich bevorzuge Graphic Novel, also ein gezeichneter Roman.» Immerhin wurde hier nicht irgendein Stoff in Bilder gegossen, sondern Schiller.

Die Urner Berge sucht man vergebens

Das Theaterstück zu zeichnen, sei eine Herausforderung gewesen, sagt Boller: «Ich wollte der Geschichte treu bleiben, musste sie aber gleichzeitig auf 48 Seiten reduzieren. Schillers Tell ist zudem sehr statisch.» Im Comicband ist Tell dagegen viel im Freien zu sehen, etwa in heldenhafter Pose über dem Vierwaldstättersee. «Swissness» ist Boller sehr wichtig: «Ich wollte, dass die Schweiz auch wie die Schweiz aussieht.» Den Blick auf die Berge des Schächentals sucht man im Comic jedoch vergebens. «Das hätte wohl nur den Urnern etwas bedeutet.» Sein Werk richtet sich an ein grösseres Publikum. Das Skript haben er und Texter Nicolas Meylaender von Anfang an dreisprachig geschrieben – auf Deutsch, Französisch und Englisch. «Wir haben einen Comic für jeden Schweizer Haushalt gemacht, aber auch für Schulen, Bibliotheken und Touristen», erklärt Boller.

Darin unterscheidet er sich von seinen bisherigen beiden Tell-Bänden, in denen Tell im Jahr 2032 als Rächer in eine düstere Schweiz zurückkehrt. «Dieser Tell ist sehr wütend, satirisch und im Stil der amerikanischen Superhelden-Comics gezeichnet», so Boller. «Er verkauft sich vor allem bei jungen Erwachsenen gut. Der klassische Tell als Comic erscheint dagegen bereits in zweiter Auflage und komme überall gut an.

Auch bei den Urnern, sagt Romed Aschwanden, Kurator des Tell-Museums. «Wir hatten zahlreiche Besucher am Eröffnungswochenende, viele auch eigens, um einen Comic signieren zu lassen.» Aschwanden möchte im Tell-Museum zukünftig öfter spezielle Anlässe veranstalten. «Unsere Finanzen sind zwar beschränkt, aber ich möchte das Museum beleben.»

Die Vermarktung des Mythos Tell liegt auch Boller am Herzen. «Tell hat kein Glück gehabt», so der Zürcher. «Die Geschichte ist auf der ganzen Welt bekannt, aber sie wurde kaum je gut aufbereitet. Da liegt noch vieles brach.» Dabei handle es sich aber um die Ruhe vor dem Sturm, glaubt der Zeichner. Er will aus dem Tell-Comic eine Serie machen, die erzählt, wie es mit Tell nach dem Tod von Gessler weiterging. Jedes Jahr soll ein neuer Band erscheinen. «Irgendwann landen wir dann bei der Schlacht von Morgarten.»

Auch eine Kinderbuchreihe zu Tell geplant

In seinem Verlag Tell-Branding wird zudem bereits ab Herbst eine Kinderbuchreihe erscheinen, die auf den Erlebnissen von Tells Sohn Walter basiert. «So haben auch die Kleinen etwas von der Tell-Geschichte», sagt Boller. Die klassische Sage ist ja nicht sehr kinderfreundlich.» Auch eine Serie von Büchern über andere Schweizer Legenden ist angedacht, verrät der Zeichner. «Die Sage von der Teufelsbrücke gäbe zum Beispiel einen guten Comic ab.» Zunächst gilt Bollers Aufmerksamkeit aber noch dem Comic frei nach Schiller. «Die Legende von Wilhelm Tell» soll bald sogar auf Japanisch erscheinen. «Der Symbolismus der TellSage ist universell», sagt der Zeichner. «Schliesslich will jeder frei sein.»

Hinweis

«Die Legende von Wilhelm Tell» ist in Buchhandlungen erhältlich.


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