Urner treibt digitalen Herdenschutz voran

LANDWIRTSCHAFT ⋅ Stefan Aschwanden arbeitet an einer digitalen Lösung, um Herden auf Alpen zu überwachen. Nach einer erfolgreichen Testphase spinnt der Urner die Idee weiter: Bald sollen Hirten den Wolf per Knopfdruck von ihren Herden vertreiben können.
17. September 2017, 05:00

Über 15000 Schafe sind jeden Sommer auf den Urner Alpen. Gemäss dem aktuellsten Bericht zur Schafalpplanung im Kanton Uri aus dem Jahr 2014/15 sind zwei Drittel dieser Nutztiere auf Urner Alpen nicht vor Grossraubtieren geschützt – 10000 Schafe auf den Urner Alpen sind dem Wolf und dem Bären demnach schutzlos ausgeliefert. Ein Grossteil der ungeschützten Alpen kann nachgerüstet werden, gewisse Gebiete sind für klassische Schutzmassnahmen mit Zäunen, Hunden oder Lamas jedoch nicht geeignet. Dies etwa, weil die Topografie keine Zäune zulässt, die Herde weniger als 100 Tiere zählt oder die Massnahmen mit dem Tourismus oder dem Naturschutz in Konflikt geraten.

Vor einem Jahr kam eine neue Herdenschutzmethode auf dem Markt: der sogenannte Alptracker. Das ist ein Sender, der den Tieren mit einem Halsband umgelegt wird und deren Standort und Bewegungen aufzeichnet. Damit kann der Hirte via Smartphone oder am Computer beobachten, wo sich seine Schützlinge gerade aufhalten. Er wird alarmiert, sobald sich die Tiere zu weit von der Herde entfernen oder sich auffällig verhalten.

Langlebiges Produkt weckt internationales Interesse

Erfinderin des Alptrackers ist – zusammen mit drei weiteren Unternehmen aus dem Kanton Schwyz – die Firma Tecsag Innovation AG mit Sitz in Wollerau SZ, deren Gründer und Geschäftsführer ist der gebürtige Urner Stefan Aschwanden. Seine Idee, Nutztiere mit Funksendern auszustatten, war zwar nicht neu. Anders als bisherige Systeme sollte der Alptracker aber leicht und günstig sein. Und da er seine Position nur jede halbe Stunde über ein energiesparendes Funknetz übermittelt, soll seine Batterie einen ganzen Alpsommer durchhalten. Die Meldung über das neue Produkt sei geradezu euphorisch aufgenommen worden, sagt Aschwanden. «Vor allem die langlebige Batterie hat grosses Interesse geweckt, national und international.»

Bevor der Alptracker auf den Markt gelangen konnte, wurde er im Spätsommer 2016 sechs Wochen lang auf der Unteralp im Urserntal getestet. Eine mannshohe Antenne wurde installiert, acht Schafe, ein Esel und ein Hirtenhund der Unteralp wurden mit einem Alptracker ausgestattet. Mit Erfolg: Das System funktionierte – und konnte weitergetragen werden. So wurden im vergangenen Alpsommer insgesamt 450 Schafe, Geissen und Kühe mit dem Alptracker ausgestattet; 160 davon im Urserntal, wo inzwischen drei Antennen stehen. Die restlichen Schafe weideten im Wallis, dem Tessin und dem Südtirol. In diesen Gebieten ist der Alptracker den Hirten eine grosse Hilfe, wie Aschwanden sagt: Wenn in der Schweiz eine Kuh zu Tode stürzt, sei der Besitzer gesetzlich verpflichtet, das Tier zu bergen. «Gerade bei weitläufigen Alpen gestaltet sich die Suche teilweise schwierig. Trägt das Tier einen Alptracker, kann seine Position genau bestimmt werden.» Diese Zeitersparnis komme auch Schafbauern zugute. Wird ein Schaf Opfer eines Raubtieres, muss innerhalb von vier Tagen eine DNA-Probe genommen werden, um das Raubtier zu identifizieren. Normalerweise schauen Hirten einmal pro Woche nach den Tieren – da ist es unter Umständen schon zu spät für eine Untersuchung. «Hier kann der Alptracker zuerst Alarm schlagen und dann die Suche des verletzten Tieres erleichtern.»

Nun kommt der aktive Herdenschutz

Aschwanden will den Alptracker nun auf ein nächstes Level heben: Im Rahmen einer Diplomarbeit untersucht eine Studentin im Riental bei Göschenen die Bewegungsmuster von Schafen bei Panik. Diese Muster werden über den Winter in die Software ­ des Sendegeräts aufgenommen. «Ziel ist es, dass der Alptracker sofort aktiv wird, sobald ein Tier in Panik gerät», so Aschwanden. Dies nicht nur in Form eines passiven Alarms an den Hirten. Vielmehr soll der Alptracker in einem solchen Fall sofort Vergrämungsaktionen auslösen. «Denkbar wären etwa Blitzlichter oder akustische Signale, um den Grund der Panik zu verscheuchen», sagt Aschwanden.

Nach einer Testphase über den Winter soll dieser «aktive» Alptracker ab kommenden Alpsommer in Betrieb genommen werden. Dazu werden die bestehenden Tracker kostenlos durch neue Geräte ersetzt. «Es gibt also noch viel zu tun bis zum nächsten Alpsommer. Aber das sind wir den Bauern schuldig.» Nicht zuletzt will Aschwanden so auch jene Bauern ins Boot holen, die bisher zurückhaltend waren, weil sie eben auf diese aktivere Variante des digitalen Herdenschutzes gewartet haben.

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch


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