Vom Angus über das Yak bis zum Zebu

AUSSTELLUNG ⋅ In Uri hat es zurzeit mindestens 17 Rindviehrassen. Diese und ihre Halter werden im Historischen Museum Uri in Altdorf mit Bildern von Fotograf Christof Hirtler näher vorgestellt.
12. August 2017, 08:49

 

Rolf Gisler-Jauch

 

redaktion@urnerzeitung.ch

 

Das Rätische Braunvieh war in Uri im 19. Jahrhundert im Urner Oberland und in Ursern heimisch. Es fand jedoch schweizweit keine offizielle Anerkennung und wurde in der Folge durch das Braunvieh verdrängt. Die Rasse überlebte jedoch im Tirol und kehrte von dort in die Schweiz und nach Uri zurück. Die Tiere sind kleiner und widerstandfähiger als die modernen Rinderrassen. Durch ihre Trittsicherheit und ihr geringes Gewicht sind sie zur Beweidung von steilen Alpweiden besonders geeignet. So hielt Robert Herger in der Friter im Schächental Braunvieh. In der Zeitung hatte er dann einen Artikel über Grauvieh gelesen. Darauf hat er sich über die Rasse erkundigt und ist zur Überzeugung gekommen, dass sie für das steile Gelände im Schächental geeignet ist. Er hat seinen Entscheid nicht bereut.

Die Evolèner sind lebendes Beispiel, dass eine ursprüngliche Rindviehrasse, auch ohne staatliche Anerkennung und somit ohne Bundesbeiträge, überleben konnte. Die Rasse ist im Wallis beheimatet. Neben den drei wirtschaftlichen Zuchtzielen (Zugkraft, Milch- und Fleischproduktion) ordnete das Walliser Brauchtum mit dem Kuhkampf dem Rindvieh noch ein viertes zu. In der «Üsserschwyz» war die kleine Walliserrasse allerdings nicht gross geschätzt. Die Anstrengungen für die Bergrasse wurden immerhin belohnt und die Walliser Kühe als Rasse 1884 offiziell anerkannt.

Es gab nun grosse Meinungsverschiedenheiten, wie die Rasse bezüglich Farbe auszusehen hatte. Die Mehrheit wünschte sich eine einfarbige Rasse (Eringer). Züchter um das Dorf Evolène im Val d’Hérens wollten jedoch Tiere mit weissen Zeichnungen. Der zweifarbige Schlag wurde Evolèner genannt, jedoch nicht offiziell anerkannt. Die Walliser Regierung versuchte mit allen Mitteln, die Zucht der gefleckten Tiere zu verhindern und das Aussehen zu vereinheitlichen. So erhielten Tiere mit Flecken keine Prämien! Die Züchter widerstanden den Schikanen und Diskriminierungen. Mit Erfolg: 1998 werden die Evolèner in der Schweiz offiziell anerkannt. Es ist die seltenste einheimische Rasse. Seit 2016 stehen Evolèner auch im Stall von Sebi Gisler auf dem Haldi. Er hat die Rasse bewusst deshalb ausgewählt, weil sie selten ist und er zeigen möchte, dass er mit einer alten Nutztierrasse eine gute Viehwirtschaft betreiben kann.

Auch Tuxer und Hinterwälder

Die Geschichte der Evolèner hat noch einen Seitenzweig. Mit den Walser-Wanderungen gelangten die Walliser Rinder auch in andere Gegenden. Die Tuxer im Zillertal sehen dem Aussehen der Evolèner nicht nur ähnlich, sondern haben auch verwandte Charaktereigenschaften. Paul Aschwanden in Seelisberg hält seit 2012 Tuxer. Er sei der Typ, der gerne etwas habe, das niemand sonst besitze. So hat er fünf Kühe ab Bild bestellt und ist mit ihnen sehr zufrieden. Mit den Hinterwäldern besitzt Andreas Arnold auf seinem Hof in der Weid in Seelisberg seit 1996 eine alte Rasse aus dem Schwarzwald: «Die Hinterwälder passen tipptopp in unsere Bergregion!»

In Frankreich wurden seit mehreren Jahrzehnten Rinderrassen zur Fleischproduktion gezüchtet. Toni Herger in Altdorf wollte vor ein paar Jahren von der Milchkuh- auf die Mutterkuhhaltung umstellen. Er suchte eine mittelrahmige Rasse mit guten Fleischeigenschaften und fand die Limousin. Für ihn ist die Zucht eine Herausforderung: «Diese erfordert viel Zeit, die Selektion geht bei meiner Herde auf zahmes Vieh aus.» Bei den Urner Bauern ist vor allem auch der Limousin-Stier beliebt und wird für die Fleischproduktion zur Kreuzung mit anderen Rassen verwendet. Neben der künstlichen Besamung wird der Natursprung angewendet, der Stier wird dann entweder zugemietet oder ist ständiger Bestandteil der Herde.

Seit 2006 hält Martin Imholz in Seedorf Aubrac-Rinder. Eine Kuh wiegt 500 bis 700 Kilogramm und erreicht eine Risthöhe bis zu 134 Zentimeter. Wie jeder Bauer schwärmt Martin Imholz von seinen Tieren: «Die Aubrac haben einen wunderschönen Gesichtsausdruck, sind genügsam und sehr interessiert.»

Jersey und Dexter – die Kleinsten unter den Grossen

Otto Arnold führt in Bürglen (Eierschwand) sowie auf den Eggbergen («z Graggi) einen Stufenbetrieb. Die Ställe in den Bergen sind naturgemäss nicht gross. Die Tierschutzbestimmungen schreiben jedoch Mindestgrössen für die Liegestellen («ds Läger») der Tiere vor. Arnold sah sich vor die Entscheidung gestellt, entweder zwei Ställe für sein Braunvieh umzubauen oder mit einer kleineren Viehrasse weiterzuwirtschaften. Er entschied sich für Jersey-Rinder, die ursprünglich von der gleichnamigen Kanalinsel stammen. Das Jersey-Rind ist bekannt für seinen hohen Fettgehalt der Milch. Ein Vorteil ist auch, dass die leichten Rinder auf der nassen Weide weniger Landschaden verursachen.

Ein Dexter-Rind galt früher in Irland als die ideale Kuh eines selbstversorgenden Landhausbesitzers, das viel Milch für den Haushalt und jährlich ein Kalb für das Fleisch produzierte. Dexter-Rinder sind klein, sie haben eine Risthöhe von höchstens 1,14 Metern. 2002 hat Wisi Zgraggen durch einen Unfall beide Arme verloren. Bisher hatte die Familie auf dem Bielenhof in Erstfeld Braunvieh gehalten. Nun musste sie auf eine kleinere Rasse umstellen. Es empfahl sich die Mutterkuhhaltung. 2004 wurden die ersten Dexter angeschafft. Heute umfasst die Herde der Familie Zgraggen auf dem Erstfelder Bielenhof rund 130 Stück. Dazu gehören auch fünf Stiere aus der erfolgreichen Eigenzucht.

Weltweit verbreitet und zu Hause vom Aussterben bedroht

Beliebt sind in Uri auch die schottischen Rassen. Sie sind unser Gelände und Klima gewohnt. Das Angus-Rind ist heute über die ganze Welt verbreitet und bildet in der Schweiz die am häufigsten gehaltene Mutterkuhrasse. In Uri gibt es Herden in Altdorf und in Ursern. Franco und Marie-Theres Cattaneo hielten früher Braunvieh als Milchkühe. 1992 wurde auf Fleischproduktion umgestellt. In der Betriebsgemeinschaft mit Rita Monn werden über 100 Tieren gehalten.

Das Hochlandrind (Highland Cattle, Kyloe) zählt in Schottland zu den vom Aussterben bedrohten Rassen. Das kleinwüchsige und leichte Tier gilt als gutmütig, robust und langlebig, es eignet sich für die ganzjährige Freilandhaltung auch auf steilen Böden. Walter Püntener arbeitet zu 100 Prozent als Chauffeur. So brauchte er für den nebenberuflichen Betrieb eine pflegeleichte Rasse. Die «Schotten» haben ihm einfach gefallen. So hält er mit seiner Frau Theres im Erstfeldertal eine kleine Herde.

Das Galloway-Rind stammt aus dem Südwesten Schottlands. Durch sein doppelschichtiges Fell mit langem, gewelltem Deckhaar ist es sehr widerstands­fähig. Wendelin Loretz hält auf seinem Hof im Russli in Silenen noch eine Galloway-Kuh in seiner gemischten Herde. Der Präsident des Bauernverbands Uri begrüsst die heutige Rassenvielfalt in der Viehzucht: «So kann jeder Landwirt diejenige Viehrasse halten, die ihm und seinem Betrieb am besten entspricht!», sagt Wendelin Loretz.

Der «goldene» Tritt und Biss des Yaks

Das Yak stammt aus den Hochlagen Zentralasiens. Sein langes Fell lässt ihn archaisch aussehen. Wegen seiner grunzähnlichen Laute wird er auch Grunzochse genannt. Schweizweit halten rund 55 Betriebe (3 in Uri) gut 1000 Tiere, meist zur Produktion von Fleisch, das an Wildbret erinnert. Früher hielt Adrian Regli in Andermatt Braunvieh. Das wurde stets aufwendiger, die Kühe waren zudem für die Steillagen ungeeignet. 1999 übernahm er eine 17-köpfige Yakherde zur Sömmerung und sah, dass Yaks für die raue Gegend den «goldenen» Tritt und Biss haben. Regli hält heute rund 150 Yaks. «Das Yak ist bergtüchtig und trittsicher wie die Schafe und Gemsen. Sie nehmen es mit Luchs und Wolf auf.»

Aus Asien stammt auch das Zebu. Die Familie Dittli hält das indische Buckelrind seit 2013 auf dem Betrieb in Attinghausen. Martin Dittli hat sich für die Zebus entschieden, da sein Pferdehof auch Western-Reiten anbietet. Hierzu braucht es Rinder.


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