Nach Felssturz: Hoffnung auf Überlebende schwindet

UNTERSCHÄCHEN ⋅ Ohne Felssicherungen darf vorerst nicht nach den beiden verschütteten Männern auf der Ruosalp gesucht werden. Auf Spekulationen um die Ursache des Felsabbruchs will sich die Polizei zurzeit nicht einlassen.
Aktualisiert: 
11.10.2017, 15:00
11. Oktober 2017, 15:14

Florian und Bruno Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Einsatzkräfte gefährden, um nach Überlebenden zu suchen – oder Verschüttete ihrem Schicksal überlassen? Vor diesem Dilemma stand die Einsatzleitung auf der Ruosalp, wo sich am Dienstag rund 2000 Kubikmeter Felsen gelöst und zwei Urner Bauarbeiter (62- und 26-jährig) verschüttet haben. Aufgrund von geologischen Abklärungen kam die Leitung zum Schluss, dass die Suche für die Retter zu gefährlich wäre, sodass diese am Dienstag um 19 Uhr eingestellt wurde.

«Erst wenn die Stelle sicher ist, kann die Suche nach den Vermissten weitergeführt werden», sagte Polizeikommandant Reto Pfister an der gestrigen Medienkonferenz. Und das wird länger dauern als zuerst vermutet: Die Felssicherungsarbeiten dürften voraussichtlich eine Woche in Anspruch nehmen. «Solange wir die beiden Vermissten nicht gefunden haben, bleibt Hoffnung bestehen, auch wenn sie mit jeder Minute kleiner wird», sagte Pfister. «Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.» Mit den Angehörigen sei man im Kontakt. Wärmebildkameras oder Handyortung funktionierten bei derartigen Gesteinsmassen nicht. Vermutet werden die Verschütteten auf Höhe der Felsstrasse, obwohl sich der Sturzkegel bis rund 80 Meter unterhalb der Unfallstelle hinzieht.

Felspartien werden von Spezialisten gesäubert

Geologe Daniel Bieri, der die Lage vor Ort beurteilen musste, sagte gestern: «Insbesondere der Ausbruchbereich macht uns Sorgen.» Die Abbruchstelle befindet sich in extrem steilem Gebiet und ist rund 60 Meter hoch, 20 bis 30 Meter breit und 1,5 Meter tief. Man habe bei den Sichtungsflügen viele lose Felspartien ausgemacht, worauf entschieden wurde, dass eine Spezialfirma den Felsen säubern solle. Gestern Morgen wurde mit diesen Arbeiten begonnen. Die Firma musste sich vorerst einen sicheren Zugang zum Gebiet verschaffen. Nun sind die Arbeiter, jeweils gesichert an zwei Seilen, daran, von Hand das unsichere Gestein zu lösen. «Es gibt keine andere Möglichkeit, als das Material ins Tal stürzen zu lassen», so Bieri. Auch einzelne Sprengungen könnten nötig sein. Erste Begutachtungen hätten dem Geologen Recht gegeben, dass die Einschätzungen am Dienstagabend richtig gewesen seien, so Bieri.

Arbeiter haben auch gesprengt und gebohrt

Die beiden verschütteten Männer waren damit beschäftigt, den Felsenweg zu sanieren. Wie Einsatzleiter Ruedi Huber bestätigte, sind am Dienstag auch Spreng- und Bohrarbeiten ausgeführt worden. «Ob diese Arbeiten in Zusammenhang mit dem Felsabbruch gebracht werden können, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen», betonte Huber. Momentan sei dies reine Spekulation. Entsprechende Gutachten werde man einholen.

Der verletzte dritte Mann, der sich am Dienstag selber befreien konnte und per Rega ins Spital geflogen wurde, ist mittlerweile befragt worden. Er hat sich Verletzungen an Kopf und Schulter zugezogen, schwebte jedoch nie in Lebensgefahr. Den Zusammenhang zwischen Bauarbeiten und Felsabbruch habe er nicht bestätigt, so Huber. Die Vermissten zu finden habe zurzeit Priorität, ergänzte Polizeikommandant Pfister. Die Ursache werde später zur zentralen Frage. Auch zu den Besitzverhältnissen respektive zur Verantwortung für die Bauarbeiten äusserte sich die Polizei gestern nicht.

Keine Baubewilligung nötig gewesen

Fest steht: Die Strasse liegt auf Boden der Korporation Uri. Wie unsere Zeitung weiss, tritt die Hirteverwaltung Fiseten-Alplen der Korporationsbürgergemeinden Unterschächen und Spiringen als Bauherrschaft auf. Nach Auskunft des zuständigen Unterschächner Gemeinderats wurden die Arbeiten am Felsenweg nach Absprache mit der Korporation Uri und der Gemeinde Unterschächen vorgenommen. Weil es sich um eine Sanierung handle, sei keine Baubewilligung nötig gewesen und deshalb grünes Licht erteilt worden.

Laut Geologe Daniel Bieri ist es nicht üblich, dass ausserhalb des Siedlungsgebiets eine geologische Gefahrenkarte existiere. Das Gebiet gelte weder als besonders gefährlich noch ungefährlich. Permafrost sei auf dieser Höhe eher auszuschliessen.

Video: Felssturz in Uri: Hoffnung auf Überlebende schwindet

Am Tag nach dem Felssturz bei der Ruosalp im Kanton Uri schwindet die Hoffnung die zwei verschütteten Arbeiter lebendig zu bergen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte der Einsatzleiter der Kantonspolizei Uri, Ruedi Huber, im Interview mit sda-Video. (David Kunz/sda, 11. Oktober 2017)



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