«Das Leben hat das letzte Wort»

OSTERN ⋅ Er steht dem Kloster Engelberg als Abt vor: Mit uns spricht Christian Meyer über das Fasten und üppige Mahlzeiten, warum man ihn als «gnädigen Herrn» anspricht und darüber, wie seine Papageien auf «fremde Fötzel» reagieren.
16. April 2017, 05:00

Interview: Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

Herr Abt, als ich Sie für das Interview angefragt habe, hatte ich Mühe, die richtige Anrede zu finden. Wie wird der Abt von Engelberg angesprochen – geht auch «Herr Meyer»?

«Abt Christian» oder «Pater Christian» ist richtig. «Herr Meyer» ist mir absolut fremd. Seit ich im Kloster bin, werde ich nicht mehr so angesprochen. Wenn man es ganz richtig machen will – und es gibt solche, die sagen das extra, um mich ein bisschen zu reizen –, heisst es «gnädiger Herr». Das rührt von der alten Talherrschaft her, weil das Kloster bis 1798 auch ein Staatsgebilde war. Der Abt als «gnädiger Herr» hat ausgesprochene Todesurteile in Begnadigungen umgewandelt.

Das Treffen mit Abt Christian findet in der Abtei im Kloster Engelberg statt. Im Hintergrund zwitschern Papageien. Der Abt ist ein grosser Freund der bunten Vögel. Die Älteste, Chicca, war ein Geschenk eines Mitbruders. Inzwischen ist der Bestand in der grossen Voliere auf vier angewachsen. Die Kurzschwanzpapageien machen sich auch während des Gesprächs immer wieder bemerkbar: mal fröhlich trällernd, mal schreiend. Wir ignorieren sie. Vorerst.

Ostern ist der wichtigste Feiertag im kirchlichen Kalender. Wichtiger als Weihnachten. Warum?

Ostern ist das ältere Fest. Es geht auf das jüdische Pessach zurück. Man kann sich das wie eine Zwiebel vorstellen: Der Kern ist Ostern, das Auferstehungsfest. Von da an hat sich dann liturgisch alles andere wie bei einer Zwiebelhaut erweitert. Auf den Ostersonntag wurde der Karsamstag ausgestaltet, dann kamen der Karfreitag und der Hohe Donnerstag, der Palmsonntag. Im 3. Jahrhundert kam schliesslich Weihnachten hinzu.

Wie sieht Ihre Agenda an den Ostertagen aus?

Meine Termine beginnen am Palmsonntag, also eine Woche vor Ostern. Dann wird die Türe für die heilige Woche aufgestossen. Es folgt eine sehr intensive Zeit, in der wir Mönche und all die Menschen, die unsere Liturgien besuchen, ganz bewusst Jesus auf seinem Weg hin zum Kreuz begleiten, bis zum Auferstehungstag. Diese Zuspitzung vom letzten Abendmahl über den Tod bis zum neuen Leben durchzuspielen, ist anstrengend, aber auch schön.

Gibt es etwas, worauf Sie sich jeweils besonders freuen?

Ein einzelnes Ereignis herauszunehmen, ist schwierig. Zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag sind wir viel in der Kirche. Ein besonderer Moment ist sicher die Osternacht von Samstag auf Sonntag, wo sich alles auf das Osterevangelium hin steigert. Wenn man noch einmal die Geschichten aus der Bibel hört, und nach 40 Tagen kommt endlich wieder das Halleluja: Das sind für mich in ihrer Klarheit schöne Rituale.

Was ist speziell an Ostern im Kloster Engelberg?

Wir werden in dieser Zeit auch von Erstkommunikanten und dem Stiftschor unterstützt, was eine sehr eindrückliche Atmosphäre in der Kirche schafft. Dazu trägt auch das Engelberger Stiftskreuz von 1220 bei, mit dem wir am Karfreitag in die Kirche einziehen. Nur schon dieses 800 Jahre alte Kreuz zu sehen, das einmalig in der Kunstlandschaft dasteht, gibt eine bestimmte Stimmung. Da bleibt man nicht unberührt.

Gerade jetzt, nach dem langen Fasten, spielt das Essen eine wichtige Rolle. Was steht bei Ihnen am Ostersonntag auf dem Speiseplan?

Da wird das Osterlamm zubereitet. Speziell dazu gibt es eine Dreifaltigkeitssuppe. Auf einer Platte werden Tartar, Eigelb und Eiweiss serviert. Die drei Zutaten werden zu einer Bouillon – der «Ursuppe» – hinzugegeben. Dieser Vorgang steht für das neue Leben, den Neuanfang. Beim gemeinsamen Essen geniesst man es, man redet auch, was wir Mönche sonst nicht tun. Silentium ist an Ostern aufgehoben, man spricht über die Liturgie, spürt die Erleichterung, aber auch die Anstrengung. Die heilige Woche mit dem gemeinsamen Feiern, aber auch Leiden geben mir viel. Ich wünschte mir, dass mehr Leute diese bereichernde Erfahrung machen dürften.

Und Sie selbst stehen auch hinter dem Herd?

Ja, sehr gerne. Ich koche immer wieder mal etwas für mich, einmal im Monat auch in einer Gruppe. Leider habe ich bei mir auf der Abtei keine Küche, deshalb koche ich dort, wo ich eingeladen werde.

Geht Religion also wie die Liebe durch den Magen?

Das Essen, so meine ich, gehört fundamental zu unserem Glauben dazu. Auch für uns Benediktiner. Das spiegelt sich in der Architektur des Klosters wider. Der Ort der Messe und der Speisesaal sind aufeinander ausgerichtet. So steht die Kirche parallel zum Mönchsrefektorium. Der Tisch der Oberen ist parallel zum Tabernakel, wo die Hostien aufbewahrt werden. Denn nach Benedikt steht der Abt für Christus in der Gemeinschaft. Wir Benediktiner geniessen das Essen – also kein Fast Food. Wenn man Liturgie feiert, dann soll man nachher auch gemeinsam am Tisch die Nahrung teilen. Beim Essen kann auch vieles aufbrechen, auch Streit, aber es entsteht auch Neues.

Kann man das mit einem Beispiel aus der Bibel verdeutlichen?

Das finden wir gerade auch in der Ostergeschichte. Nach der Auferstehung begegnet Jesus immer wieder Menschen, während sie essen. Etwa in der Emmaus-Geschichte (Lukas 24): Zwei Jünger sind unterwegs. Sie sind traurig, weil Jesus tot ist. Und jetzt heisst es, dass er auferstanden sei. Auf dem Weg begegnet ihnen ein Fremder und fragt, was mit ihnen los sei. Sie klagen ihm ihr Leid, ohne zu merken, dass es Jesus ist. Erst als sie ihn zu sich an den Tisch einladen und er das Brot bricht, merken sie, dass der Fremde tatsächlich Jesus ist. Obwohl es gefährlich ist, kehren sie in der Nacht nach Jerusalem zurück und verkünden die Frohbotschaft, dass der Heiland tatsächlich auferstanden sei.

Welche Rolle spielt das Fasten?

Wenn wir immer nur vollgegessen sind, werden wir müde. Das merkt man insbesondere nach einem üppigen Mahl mit vielleicht etwas Wein. Dem heiligen Benedikt war es wichtig, dass wir nicht essen, bis wir vollgestopft sind, sondern im richtigen Mass. So, dass unsere Sinne wach bleiben. Wir sollen merken, was um uns herum passiert. Eigentlich sollte das Leben laut Benedikt ein einziges Fasten sein. Da das aber schwer umsetzbar ist, mahnt er, zu gewissen Zeiten zu verzichten, auf Essen oder Schlaf.

Was bedeutet Ihnen Ostern?

Ostern heisst für mich: Das Leben hat das letzte Wort. Obwohl das nicht immer einfach ist, auch als gläubiger Mensch. Wenn ein Mensch vom Arzt die Diagnose erhält, er habe nicht mehr lange zu leben, dann wischt man das nicht einfach weg. Das zeigt gerade auch der Karfreitag auf. Aber am Schluss steht einfach das Leben bei Gott. Vielleicht bin ich da blauäugig, aber mir hat das schon in mancher Situation geholfen.

Schliesslich kommen wir doch noch auf die Papageien Chicca, Rello, Gismo und Cara zu sprechen. Beim Betreten des Büros, wo auch die Voliere steht, schlagen die Vögel mit schrillen Tönen Alarm.

Reagieren die Vögel immer so, wenn Sie den Raum betreten?

Nein, aber das ist normal, wenn fremde Fötzel im Zimmer sind – wie Sie und der Fotograf. Die Vögel wissen nicht, was Sie hier wollen.

Was bedeuten Ihnen die Papageien?

Der Papagei ist ein Vogel des Lebens, in seinen Farben, in seinen Geräuschen, in seiner Lebendigkeit. Und in seiner Eigenständigkeit – man kann ihm zwar gewisse Sachen beibringen, aber, wenn er nicht will, dann will er nicht. Erst später habe ich herausgefunden, dass der Papagei auch der Vogel der besseren Herren ist.

Sie sind eben doch der gnädige Herr!

Dass das jetzt kommt, habe ich mir gedacht. Als man Amerika entdeckte, schmückten sich dort viele Kardinäle oder Bischöfe mit einem Papagei. Aber das war definitiv kein Grund, weshalb ich Freude an Papageien bekam. Chicca, die Älteste, ist nun 17 Jahre bei mir, ich habe sie damals von Hand aufgezogen. Das gibt schon eine spezielle Beziehung.


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