Dörfer stossen an ihre Grenzen

ZU- UND ABWANDERUNG ⋅ Die eine Gemeinde hat innert 20 Jahren am meisten Einwohner verloren, die andere wächst unaufhörlich. Ein Rundgang durch zwei Dörfer, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch die gleichen Probleme haben.

27. November 2016, 05:10

In Gummistiefeln paddelt sie über den Urnersee. Heidi Meier, Gemeindepräsidentin von Bauen, geht zur Arbeit. Eine Strasse von ihrem Wohn- ins Gemeindehaus gibt es nicht – nur einen Säumerweg. Ob es «seicht» oder schneit: Meier kommt immer übers Wasser, legt ihr Kanu an, läuft zu Fuss zum ehemaligen Schulhaus. Die Gemeindekanzlei ist hier untergebracht – seit es keine Schüler mehr gibt.

Gut 77 Kilometer und zwei Kantonsgrenzen entfernt montiert der Hauswart gerade Schlösser in neue Schulhaustüren. Auf dem Landstück dahinter fahren Bagger auf. Arbeiter erstellen die Umgebung eines neuen Quartiers. «Man muss investieren und darf nicht stehen bleiben», sagt Ernst Roth, seit 9 Jahren Gemeindepräsident in Oberkirch.

«Wenn jemand ausfällt, haben wir keinen Ersatz»

Oberkirch und Bauen – die eine Gemeinde wächst unaufhörlich, die andere verliert stetig an Einwohnern. Zwischen 1995 und 2015 ist in Oberkirch die Wohnbevölkerung um satte 76,1 Prozent gestiegen, in Bauen um 32,8 Prozent geschrumpft. Keine der 162 Gemeinden in der Zentralschweiz hat eine solche Zu-/und Abwanderung mitgemacht – und die Folgen der Bevölkerungsentwicklung derart zu spüren bekommen.

158 Einwohner, ein paar Dutzend Häuser, ein kleiner Friedhof, eine öffentliche WC-Anlage, ein Infokasten, ein Blatt Papier darin: «Dringend gesucht eine Person für den Gemeinderat.» So geht das schon seit Jahren: In Bauen will niemand mehr öffentliche Ämter besetzen, weil beinahe jeder im Dorf schon eines hat oder hatte. «Wenn jemand ausfällt, haben wir keinen Ersatz», sagt Meier. Man laufe am Limit. Und nicht nur personell – auch finanziell. Die Gemeinde komme zwar über die Runden. Aber wehe ein Einwohner wird zum Sozialhilfeempfänger oder die Kosten für die Pflegefinanzierung steigen – in Bauen braucht es wenig, um die Gemeinde in einen Engpass zu führen. Damit der Worst Case nicht eintritt, hat die Gemeindeversammlung jüngst beschlossen, eine Fusion zu prüfen, allenfalls mit Seedorf. Auch auf die Gefahr hin, dass die kleinste Urner Gemeinde vom gut 1800 Einwohner zählenden Nachbardorf geschluckt wird.

In Oberkirch haben die Einwohner vor einigen Jahren Fusionspläne bachab geschickt. Zu riskant wäre es, den niedrigen Steuerfuss von 1,65 Prozent aufs Spiel zu setzen, befanden sie. Seit Jahren nimmt dank der Zuwanderung die Steuerkraft zu – aber auch die Ausgaben steigen. Gerade erst hat die Gemeinde für 16 Millionen Franken die Schulanlage erweitern müssen. Ein Stockwerk lässt man vorerst leer – Reserven für noch mehr Kinder.

«Das Potenzial liegt im Verdichten»

In Bauen liegt die letzte Geburt schon Monate zurück. Noch gut ein halbes Dutzend Familien leben in der idyllisch gelegenen Seegemeinde. Die durchschnittliche Haushaltsgrösse liegt deutlich unter dem kantonalen Durchschnitt. «Früher gab es in jedem Haus grosse Familien», sagt Meier. Heute wohnen nur noch einzelne Personen drin – wenn überhaupt. Bei vielen Häusern sind die Storen runtergelassen, die Vorhänge gezogen oder der Eingang mit einem Schild versehen: «Zu verkaufen».

Rund ein Drittel der Häuser in Bauen sind Ferienwohnungen, sagt Meier. Die Bewohner somit keine Vollbürger, keine vollwertigen Steuerzahler und folglich nicht für ein öffentliches Amt geeignet. Während man sich in Bauen über die Abwanderung den Kopf zerbricht, stampfen Investoren in Oberkirch ganze Siedlungen aus dem Boden. Die Wohnungen sind hier schon verkauft, bevor sie gebaut sind. Das einstige kleine Bauerndorf ist auf 4316 Einwohner angewachsen, wegen der Nähe zu Sursee zieht es Pendler an, junge Familien und das Gewerbe. Langsam aber ist das Land in der Bauzone ausgeschöpft. «Das Potenzial liegt im Verdichten und Umnutzen», sagt Roth. Und sonst halt in Umzonungen. «Es gibt noch viel Landwirtschaftsland. Für die nächste Generation hat es schon noch Reserven.»

Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum

Auch in Bauen gibt es Bauland. Das Problem ist nur, die Besitzer wollen es nicht hergeben – sie warten ab, um es an Auswärtige zu verkaufen, die bereit sind, einen Millionenbetrag für die Idylle am Urnersee zu bezahlen. Gemeindepräsidentin Meier ist überzeugt: «Wenn es hier schöne, neue und bezahlbare Wohnungen gäbe, kämen die Leute wieder.» Die Jungen aus dem Dorf würden gerne hier wohnen bleiben, aber sie finden nichts, das sie bezahlen können, sagt Meier. Ähnliches erlebt auch Roth in Oberkirch. Die Eigentums- und Mietwohnungen werden immer teurer. Nicht jeder ist ­finanziell in der Lage, sich in der See­gemeinde niederzulassen.

In Oberkirch kommt hinzu: Neben neuen und teuren Wohnungen haben die Investoren auch Mehrverkehr geschaffen. Die Kantonsstrasse durchs Dorf ist massiv überlastet. Zusammen mit dem Kanton, der Stadt Sursee und den umliegenden Gemeinden von Sursee Plus sucht der Gemeindepräsident nun ­Lösungen. Wie diese aussehen, ist noch unklar. «Der Verkehr ist die Schatten­seite der Zuwanderung», sagt Roth.

Kein Postauto – «Das ist eine Schweinerei»

In Bauen hingegen würde man sich über mehr Verkehr freuen – vor allem über eine öffentliche Verbindung. Weil die Postautolinie nicht rentierte, hat die Post sie vor einigen Jahren eingestellt. «Das ist eine Schweinerei», sagt Meier. Und sei mit ein Grund für die stetige Abwanderung. «Man lässt uns einfach allein.» Eine Strategie, wie man der schwindenden Bevölkerung entgegenwirken kann, hat die Gemeinde nicht. «Wir haben weder Land noch Kapital. Wir bräuchten mehr bezahlbaren Wohnraum», sagt Meier und setzt sich auf die Bank im ehemaligen Wartehäuschen der Postautohaltestelle. Gut 77 Kilometer und zwei Kantonsgrenzen entfernt sitzt Ernst Roth im ehemaligen Schulhaus. Seit es für die Schüler zu eng wurde, hat man es zum Gemeindehaus umfunktioniert. Ein Handwerker montiert gerade eine neue Türe ins Sitzungszimmer. Roth sagt: «Wir haben Land und viele Investoren, aber die Leute haben langsam genug vom Wachstum.» Das Zauberwort für die nächsten 20 Jahre heisst in Oberkirch konsolidieren – stabil bleiben. Das versucht man in Bauen auch.

Eine Liste zur Bevölkerungsentwicklung der Zentralschweizer Gemeinden finden Sie hier

Christian Hodel


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