Er schreibt seine Bücher noch von Hand

KRIENS ⋅ Walter Wicki (80) schreibt seine Erlebnisse und Gedanken in Büchern nieder. Der gelernte Fernmeldeapparate-Monteur erzählt uns, warum er (bewusst) keine Fremdwörter benutzt und nur Schuhe mit Schnürsenkeln trägt.

17. Oktober 2016, 05:00

Walter Wicki, Sie haben seit Ihrer Pensionierung bisher drei Bücher veröffentlicht. Schreiben Sie noch auf der Schreibmaschine, die neben dem Fenster im Koffer steht – so richtig alte Schule?

Alte Schule schon. Aber nicht mit der Schreibmaschine, sondern von Hand. Ich schreibe mit Tinte oder Kugelschreiber auf einen Zettel. Ein Typograf schreibt die Geschichten auf dem Computer ins Reine. Das, was Sie sehen, ist mein Handörgeli.

Ach so. Richtig, Sie erzählten mir ja, dass Sie täglich Handörgeli spielen. Eine Modelleisenbahn besitzen Sie ebenfalls, und dann schreiben Sie Bücher. Haben Sie Ihr Zimmer seit der Pensionierung überhaupt schon einmal verlassen?

Natürlich. Ich gehe oft aus dem Haus und mache Spaziergänge. Ich will wissen, was im Quartier passiert. Warum fragen Sie?

Weil das Schreiben bestimmt viel Zeit beansprucht.

Nicht so sehr, wie Sie glauben. Es geht mir gut von der Hand.

Haben Sie einen Trick oder eine bestimmte Technik?

Weder noch. In der Schule in Perlen schrieb ich sehr gerne Aufsätze. Damals war ich der Beste. Wenn uns ein Thema vorgegeben wurde, studierte ich zehn Minuten und legte dann los. Ich war immer viel früher fertig als alle anderen.

Waren Ihre Aufsätze damals auch inhaltlich gehaltvoll?

Der Lehrer hat sie zumindest oft vor der Klasse vorgelesen. Vermutlich schon.

Bei allen Ihren drei Büchern steht auf der ersten Seite der Vermerk: «Für Analphabeten ungeeignet». Ist das eine versteckte Aufforderung, dass man Ihre Bücher anderen Leuten vorlesen sollte – vielleicht jenen, die Ihre Geschichten nicht lesen wollen?

Daran dachte ich nicht. Ich will eher Intellektuelle ansprechen beziehungsweise Leute, die lesen können. Das ist als Witz gemeint. Wissen Sie, meine Bücher sind nicht so schwer zu verstehen. Ich benutze nämlich keine Fremdwörter.

Finde ich gut. Man will ja wissen, worüber man liest.

Genau. Im Gegensatz zu Bern. Dort machen sie es immer kompliziert. Bundesrat Schneider-Ammann etwa benutzt anstelle einfacher deutscher Wörter gerne Fremdwörter. Das ist innovativ. Wer soll das verstehen? (Wicki lacht – wie so oft im Gespräch)

Sie benutzen also keine Fremdwörter, sagen Sie. Wieso heisst Ihr neues Buch dann «Insatiable»?

(Wicki macht eine Pause, bevor er erneut laut lacht) Jetzt haben Sie mich aber erwischt. Nach meinem ersten Buch «Cacao» kam mit «Supplément» die Nachspeise und als Drittes die Lektüre für Unersättliche – «Insatiable».

Wie ich sehe, machen Sie sich schon Gedanken. Wie viele Exemplare Ihrer Bücher haben Sie eigentlich drucken lassen?

Von den beiden vorhergehenden Werken waren es rund je 150 Stück. Aber jetzt lasse ich nur noch auf Bestellung drucken, sonst wird es teuer. Wer ein Buch will, muss mir eine Postkarte schicken und einen Einzahlungsschein anfordern.

Wie viele haben Sie bis jetzt herstellen lassen?

Erst 26 Exemplare. Davon liegen aber drei in Arztpraxen auf. Die werden schon gelesen. Ich habe einem Arzt vom neuen Buch erzählt, und er kaufte mir sofort eines ab.

Sie gehen auf Marketingtour für Ihre Bücher?

Um Himmels willen nein. Ich erzähle den Leuten zwar, dass ich schreibe. Aber ich würde nie jemandem meine Bücher anpreisen. Das täte mir weh. Ich spiele auch nie von mir aus ein Ständchen, und wenn jemand meine Eisenbahnanlage sehen will, muss er auf mich zukommen.

Warum denn das?

Weil ich nicht gerne einen Stüber oder einen Korb bekomme. (lacht) Und die Wertschätzung für meine Dinge kommt erst dann zum Tragen, wenn mich die Leute um etwas bitten, finde ich.

Bei Ihrem ersten Buch haben Sie zu einer Vernissage ein­geladen. Wann ist die zum aktuellen Werk?

Keine, es gibt keine.

Aber irgendwie müssen Sie doch auf Ihr Buch aufmerksam machen. Beim ersten Werk haben Sie ja sogar dem früheren Gemeindepräsidenten von Kriens und heutigen Regierungsrat Paul Winiker eines verkauft?

Genau. Ich habe bei der Gemeindekanzlei beim Empfang gesagt, dass ich ein Buch geschrieben habe. Die nette Frau machte mir damals Mut und meinte, ich solle ungeniert bei Herrn Winiker vorbeigehen. Dieser hat mir 50 Franken in die Hand gedrückt und wollte ein Exemplar kaufen.

Dann haben Sie ja doch aktiv für Ihr Buch geworben!

Nein. Ich hatte ja gar kein Buch dabei. Ich lief dann zurück ins Heim Grossfeld und holte ein Buch für Herrn Winiker.

Hat er auch schon eine Ausgabe von «Insatiable»?

Noch nicht. Leider noch nicht.

Um noch einmal auf meine erste Frage zurückzukommen. Warum schreiben Sie von Hand?

Ich mag Handarbeit. Ich trage zum Beispiel auch immer Schuhe mit Schnürsenkeln. Weil ich meine Schuhe schnüren will. Die Leute, die immer Zoggeli oder Sandalen tragen, verlernen das vielleicht eines Tages.

Das ist schon etwas weit hergeholt, nicht?

Nicht unbedingt. Ich trainiere meine Schrift mit dem Schreiben von Hand, und ich trainiere das Schuhebinden. Auch Kopfrechnen übe ich fast täglich. Solche Dinge sind wichtig.

In Ihren Büchern erzählen Sie ausschliesslich von früheren Begegnungen. Flüchten Sie damit in die Vergangenheit?

Nein, gar nicht. Ich bin interessiert am aktuellen Geschehen. Ich sehe fern und lese jeden Tag Ihre Zeitung.

Im zweiten Buch haben Sie Ihren Lesern verraten, warum Sie nie geheiratet haben. Für all jene, die «Supplément» nicht gelesen haben ...

Im Buch beschreibe ich es so: «Ich scheute stets das Scheiden, darum Beschürzte wollte meiden ...» Aber das ist jetzt schon vorbei, man kann nicht alles haben.

Lesen Sie Bücher?

Nein. Nur Zeitung.

Ist ein viertes Buch geplant?

Ich weiss es noch nicht. Das Schreiben geht ja noch, aber das Herstellenlassen ist schon aufwendig.

Vor Jahren sagte ein Bekannter zu Ihnen: «Du musst keine Geschichten schreiben, die kannst du auch erzählen.» Ich meine, Sie könnten die auch vorsingen und mit dem Handörgeli dazu spielen.

Aha, Sie meinen wie Peach Weber. Ja, das wäre noch eine Idee. Danke für den Tipp.

Hinweis

Adresse für eine Bücherbestellung: Walter Wicki, Grossfeld­strasse 6, 6010 Kriens. Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: www.luzernerzeitung.ch/serien

Interview Roger Rüegger


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