Wenn der Schrauben-Behälter mitdenkt

DIGITALISIERUNG ⋅ Intelligenter Bestellungsvorgang für Schrauben und unbemannte Gabelstapler in den Fabrikhallen: In der Zentralschweiz ist die Industrie 4.0 angekommen. Mit ihr verändert sich die Arbeit der Angestellten.

13. Oktober 2016, 05:00

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie intelligente Technik der Industrie 4.0 funktioniert, bietet die Firma Bossard in Zug. Die Bossard-Gruppe ist als Anbieterin von Verbindungstechnik weltweit an über 70 Standorten vertreten und zählt über 2000 Mitarbeitende. Die als Schraubenhändlerin bekannte Firma aus Zug bietet schon seit einiger Zeit den Kunden das System «Smart Bin» an. Es handelt sich um eine Box, die Informationen zwischen den Kunden und der Firma Bossard austauscht.

«Die Vernetzung zwischen Lieferant und Kunde trägt erheblich dazu bei, Kosten und Zeit für administrative Arbeiten einzusparen», sagt Urs Güttinger. Er ist zuständig für die Kundenlogistik und Leiter von Smart Factory Logistics bei der Bossard-Gruppe.

Gehen die Schrauben aus, kommt automatisch Nachschub

So funktioniert Smart Bin: Die Box misst im Lager der Kunden das Gewicht der Teile, die in dem Behälter sind. «Wir wissen dadurch immer genau, welche Bestände der Kunde hat. Anhand seiner Verbräuche berechnen wir die Bestellpunkte und Bestellmengen», sagt Güttinger. Bevor die Schrauben ausgehen, organisiert Bossard den Nachschub und garantiert so die lückenlose Versorgung.

«Der Vorteil für den Kunden ist die erhöhte Sicherheit seiner Bestände – und er hat mit dem Bestellvorgang nichts mehr zu tun», sagt Güttinger. Bossard entlastet den Kunden quasi von dieser Aufgabe. Wichtigstes Ziel sei es, mögliche Versorgungsengpässe an den verschiedenen Montageplätzen des Kunden zu vermeiden. «Denn ein noch so kleines fehlendes Teil kann schnell teuer zu stehen kommen», sagt Güttinger. Schweizer Industriefirmen wie Komax, Stadler Rail und weitere Unternehmen der Maschinenindustrie oder im Apparatebau nutzen diesen Service von Bossard.

Bossard wandelt sich zum Dienstleister

Industrie 4.0 verändert das traditionelle Geschäftsmodell von Bossard. Heute bietet die Zuger Firma nicht nur Verbindungselemente an, sondern berät und betreut die Kunden zusätzlich mit weiter gehenden Dienstleistungen in den Bereichen Anwendungsengineering und Kundenlogistik. Zudem gehen die Bossard-Mitarbeiter immer häufiger zu den Firmen und füllen die Behälter mit Nachschub auf.

«Wir waren früher ein reiner Schraubenlieferant. Heute wandeln wir uns immer mehr zu einem Dienstleistungsunternehmen», sagt Güttinger. In diesen Wandel wurden über die letzten Jahre «erhebliche Investitionen» getätigt. Arbeitsplätze hat der Sprung ins Zeitalter 4.0 nicht gekostet. Sie haben sich aber verschoben: Mitarbeitende, die zuvor im eigenen Lager beschäftigt waren, arbeiten heute vor Ort bei den Kunden oder hinter PC-Bildschirmen.

Industrie 4.0 bringt in den Produktionsunternehmen ein Trimmen auf Effizienz mit sich, das man vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Einmal abgesehen vom technologischen Fortschritt macht in der Schweiz allein schon der starke Franken die ausgeklügelte Abfolge von Produktionsschritten notwendig. Ein Beispiel dafür ist B. Braun Medical. Der Hersteller von Medizinalgütern hat in den zurückliegenden beiden Jahren sein Werk in Escholzmatt umfassend um- und ausgebaut. Die Produktionsfläche wurde verdoppelt und der Weg zu präzise aufeinander abgestimmten Arbeitsschritten frei gemacht, die bis ins kleinste Detail geplant sind. 32 Millionen Franken hat der international tätige deutschen Familienkonzern in seinen Standort im Entlebuch investiert, die Bauarbeiten wurden Mitte September abgeschlossen.

Das Ziel ist ambitiös. «Wir erwarten, dass unsere Produktionszahlen bis 2020 verdoppelt werden», liess sich Produktionsleiter Reinhold Gasper an der Eröffnungsfeier zitieren. Dass in vier Jahren doppelt so viele Einweg-Kunststoffteile für Infusionspumpen und Mehrwegehahnsysteme für Infusionstherapien den Betrieb in Escholzmatt verlassen werden, hat auf die Anzahl Mitarbeitende keinen Einfluss. Dank Robotertechnik und schlauer Technologie produzieren die 250 Angestellten bald doppelt so viel wie noch vor ein paar Monaten. «Die Digitalisierung ist ein wichtiger Teil der operativen Tätigkeiten der Produktionsstätten von B. Braun geworden. Sie ist umso bedeutender, als die Schweiz ein teurer Produktionsstandort bleiben wird», sagt Madeleine Stöckli, CEO von B. Braun Medical Schweiz. Auf die Mitarbeitenden kommen neue Anforderungen zu. Stöckli: «Diese Veränderungen verlangen von den Mitarbeitenden Anpassungsfähigkeit und Flexibilität.» B. Braun Schweiz beschäftigt in Escholzmatt, Sempach, Luzern und Crissier/VD insgesamt 750 Personen.

Voll automatisierte Zigarettenherstellung

Japan Tobacco International (JTI) hat in den zurückliegenden zehn Jahren rund 200 Millionen Franken in den Standort Dagmersellen investiert. «Heute ist der gesamte Produktionsprozess vom Wareneingang des Tabaks bis zur Verladung der Zigarettenkisten in die Container voll automatisiert», sagt Fabrikdirektor Hubert Erni.

Moderne technologische Anlagen prägen das Bild in den Werkhallen des Zigarettenherstellers. Automatisch gesteuerte, unbemannte Gabelstapler kommunizieren über ein Lagerverwaltungssystem untereinander und mit einem Roboter, der selbsttätig Kartons in die bereitgestellten Container lädt.

Von Dagmersellen aus beliefert JTI den Heimmarkt Schweiz sowie unter anderem Länder im Nahen Osten und in Afrika. Die Arbeit eines schönen Teils der seit Jahren konstant rund 300 Mitarbeitenden hat sich mit der Technologie stark verändert. Erni: «Die Automatisierung hat dazu geführt, dass monotone, körperlich schwere Arbeit ersetzt wurde durch Tätigkeiten in der Bedienung und Instandhaltung der Anlagen.»

Rainer Rickenbach und Bernard Marks


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