Schlechteres Wetter, bessere Ausrüstung: Weniger Tote in den Bergen

UNFÄLLE ⋅ In den Zentralschweizer Bergen sind in den ersten neun Monaten dieses Jahres 19 Menschen umgekommen. Das sind sechs weniger als im Vorjahr – auch dank des technischen Fortschritts.

01. Dezember 2016, 05:00

Rechts eine Felswand, links ein Abgrund. Der Weg ist rutschig, steinig, steil. Ein falscher Tritt kann schon genügen. Skitourenfahrer, Kletterer und Wanderer geraten immer wieder in prekäre Situationen am Berg. Auch bei uns: Von Januar bis September mussten Rettungsorganisationen in den Zentralschweizer und Glarner Alpen 302 Mal ausrücken. Das geht aus den neusten Erhebungen des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC) hervor. In der gleichen Periode im Vorjahr waren es sechs Notfälle mehr. Auch die Zahl der Bergtoten ging zurück: Verstarben von Januar bis September 2015 noch 25 Personen, waren es dieses Jahr 19. Zu den meisten tödlichen Unfällen kam es beim Wandern: Neun Personen verstarben dabei.

Dass die Zahl der Bergtoten dieses Jahr tiefer ist, liegt in erster Linie am Wetter. Das sagt der Sicherheitsexperte des SAC, Ueli Mosimann: «Es waren weniger Personen in den Bergen unterwegs als 2015. Damals war das Wetter sensationell, was heuer ja nicht wirklich zutrifft.» Besonders der verregnete Mai und Juni hätten dafür gesorgt, dass weniger Verkehr auf den hiesigen Wanderwegen herrschte.

Das sieht Andres Bardill auch so. Für den Geschäftsführer der Alpinen Rettung Schweiz ist der Rückgang in diesem Jahr nur eine Momentaufnahme: «2015 war ein Rekordjahr. Dass die Zahlen jetzt zurückgehen, muss nicht bedeuten, dass der Zustand dauerhaft so bleibt.»

Die meisten Unfälle passieren im Sommer

Schweizweit kam es bis Ende September zu 115 tödlichen Bergunfällen. Insgesamt waren es 2417 Einsätze. Über die Hälfte davon registrierte der SAC im Sommer. Dieser schlug auch in der Zentralschweiz obenaus. Mosimann: «Im Sommer ist erstens das Wetter besser, und zweitens haben viele Ferien und gehen deshalb in die Berge.»

Und das sind nicht wenige: Wandern ist in der Schweiz Volkssport Nummer eins. Gemäss dem Bundesamt für Sport schnüren über 44 Prozent der Bevölkerung regelmässig die Wanderschuhe. Zur Jahrtausendwende gab derweil nur knapp ein Viertel der Schweizer an, in der Freizeit zu wandern. Auch deshalb standen die Rettungsorganisationen in den letzten Jahren öfter im Einsatz. Bardill bestätigt das: «Wir haben seit Jahren eine konstant hohe Auslastung. Wandern ist eine Trendsportart.»

Doch auch die technische Entwicklung sorgt dafür, dass die Rettungsorganisationen öfter ausrücken müssen: «Der Handyempfang ist heutzutage um ein Vielfaches besser als vor wenigen Jahren. Wenn jemand in eine Notsituation gerät, kann er heute viel besser Hilfe anfordern», sagt Mosimann vom SAC. Deshalb könnten viele Fälle entschärft werden, die vor wenigen Jahren möglicherweise tödlich geendet hätten: «Wenn sich früher Wanderer verlaufen hatten und niemanden alarmieren konnten, haben sie eher versucht, selber den Abstieg zu schaffen. Das ist viel gefährlicher, als wenn der Rettungsdienst aufgeboten wird.»

Oft geraten Wanderer in Notsituationen, weil sie erschöpft sind oder das Wetter unverhofft umschlägt. Zudem spielt laut Mosimann die Zeit eine Rolle: «Es kommt immer wieder vor, dass Wanderer zu spät losgehen, sich verlaufen und am Schluss in der Dunkelheit den Weg nicht mehr finden.» Dann sei es ratsam, die Bergrettung zu alarmieren. «Diese entscheidet, ob ein Flug erforderlich ist oder die Retter den Betroffenen am Boden den Weg zeigen können.»

Gute Vorbereitung ist wichtig

Um gar nicht erst in eine Notsituation zu geraten, ist eine gute Vorbereitung wichtig. Andres Bardill rät unerfahrenen Wandern: «Sie sollten sich nicht überschätzen, mit einfachen Touren anfangen und sich dann Schritt für Schritt steigern.»

Elmar Anliker ist Sport- und Bewegungswissenschaftler am Luzerner Kantonsspital. Er empfiehlt, an der Fitness zu arbeiten: «Dies geht bei körperlichen Aktivitäten, die auf den ersten Blick wenig anspruchsvoll erscheinen, gerne vergessen – also wie beim Wandern zum Beispiel.» Eine gute Ausdauer helfe aber, die Konzentration aufrechtzuerhalten: «Zusammen mit guten koordinativen Fähigkeiten wird so das Risiko für Stolper- und Sturzunfälle minimiert.» Damit ein falscher Schritt in Zukunft nicht zu einem Unglück führt.

Kilian Küttel

So holen Sie Hilfe

Die Bergrettung ist in der ganzen Schweiz am besten unter der Notrufnummer der Rega (1414) erreichbar. Ausser im Wallis: Dort ist die kantonale Rettungsorganisation zuständig, welche über die Nummer 144 alarmiert werden kann. Vor allem bei schlechtem Handyempfang können Betroffene auf die internationale Alarmnummer 112 ausweichen. «Zudem ist die Rega-App für Smartphones sehr zu empfehlen», sagt Ueli Mosimann vom Schweizerischen Alpen-Club. Die App übermittelt bei einem Notfall der Rega den genauen Standort.


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