Die Kirche verabschiedet sich

LITERATUR ⋅ Der Benediktinermönch Martin Werlen stellt der Kirche in seinem neuen Buch eine niederschmetternde Diagnose. Für sie sei es zu spät, zu weit habe sie sich von den Menschen entfernt. Ist die Kirche verloren?
09. Februar 2018, 11:45

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

«Es ist fünf vor zwölf», sagt der Volksmund, wenn etwas kurz vor der Eskalation steht. Ist es fünf nach zwölf, so ist alles zu spät. Zu spät ist es auch für die Kirche, für sie ist der Zug abgefahren. Dies aber nicht etwa, weil die Menschen sich von ihr abgewandt haben, sondern weil sie selbst sich von den Menschen abwendet. So stellt es der Autor Martin Werlen fest. Wie dramatisch kann die Lage sein, wenn gar ein Mensch, der selber mitten in diesem verlorenen Konstrukt steht, so eine niederschmetternde Diagnose stellt?

In seinem neuen Buch «Zu spät» geht der Einsiedler alt Abt und nunmehrige Benediktinermönch Werlen mit seiner Kirche hart ins Gericht – einmal mehr. Zu stark habe sie sich entfremdet, zu lange habe sie stagniert und an Altem, Verstaubtem festgehalten. Langweilig sei sie geworden, die Kirche, und alles, was darin stattfindet. Man nehme sie nicht mehr als Ort der Hoffnung wahr. Dass ihr immer mehr Menschen fernbleiben, sei nicht mal ein Zeichen von Ablehnung, sondern – viel schlimmer – von fehlender Wahrnehmung und Gleichgültigkeit.

Traditionen verhindern die Tradition

Die Ursache lokalisiert Martin Werlen – es überrascht nicht – in seinen eigenen Kreisen. Kirchenleute, aber auch Getaufte, die mit allen Mitteln dafür sorgen, dass alles beim Alten bleibt, seien die gefährlichsten Gegner der Kirche, stellt der Autor unverblümt klar. Mit dem krampfhaften Bewahren von vermeintlich unveränderbaren Traditionen stünden sie der wahren Tradition – der Treue zu Jesus Christus im Wandel der Zeit – im Weg. Martin Werlen führt mit dem Ausschluss der Frauen vom Weiheamt, mit dem Zölibat oder mit der veralteten, gestelzten Kirchensprache nur einige dieser zahlreichen destruktiven «Traditionen» an. Die Kirche habe keine Verbindung mehr zu den Menschen – und somit zu Gott. «So lebt sie auch ihre Berufung nicht. Ihr fehlt das Feuer. Sie ist langweilig geworden. Sie verabschiedet sich von den Menschen», zieht Werlen Fazit.

Nun ist es also zu spät. Und was jetzt? Ganz einfach: einen Neuanfang wagen. Zu spät heisst nicht zwangsläufig verloren. Für den glaubenden Menschen bedeutet zu spät auch nicht das Ende, sagt Werlen. Im Gegenteil: Die Erkenntnis, dass es zu spät ist, schafft Raum und Zeit, sich für einen neuen Aufbruch zu sammeln. «Um fünf vor zwölf versuchen wir eifrig und verzweifelt zu retten, was noch zu retten ist. Und hoffen, dass alles wieder so wird, wie es einmal war. Das aber zeugt von Angst – und von Mangel an Glauben.» Anstatt also im letzten Moment noch krampfhaft die paar wenigen kirchentreuen Gläubigen bei Laune zu halten oder althergebrachte Traditionen zu retten, gründet die Zukunft einer lebendigen Kirche in einem Neuanfang, so die Botschaft Werlens. Eine Neuorientierung bedeutet Luft holen, neue Hoffnung schöpfen, aufbrechen und alte Traditionen ablegen, um die Tradition am Leben zu halten.

«Die Kirche würde sich wieder füllen»

Ein lautstarkes Erlebnis mitten in der Nacht in einem Hotel öffnete dem Benediktiner die Augen. Diese Erfahrung taucht im Buch wiederholt auf. Als repräsentatives Gleichnis für seine Erkenntnis über die beklagenswerte Situation der Kirche führt Werlen die Geschichte des Propheten Jona an, der sich – als er merkt, dass es für ihn zu spät ist – Gott anvertraut und neues Leben geschenkt erhält.

Bei der Lektüre von «Zu spät» erkennt man sofort: Der Autor will weder als Nestbeschmutzer noch als Häretiker auftreten. Im Gegenteil: Er sorgt sich um «seine» Kirche. Er wünscht sich, dass sie wieder als Ort der Hoffnung und Einkehr wahrgenommen wird. Als ein Ort, wo der Mensch Mensch sein darf, ohne Schubladisierung und Verurteilung. Ein Ort, wo man mit den Menschen spricht, nicht über sie. «Ich bin sicher, so würde sich die Kirche wieder füllen», ist Werlen überzeugt. Anzeichen, dass dies kein frommer Wunsch bleiben muss, sieht er bereits jetzt in manchen Pfarreien und Diözesen, wo lebendige christliche Gemeinschaft gepflegt wird, wo man bereits unterwegs ist mit den Menschen. «Ich träume davon, dass noch viel mehr Menschen und Gemeinschaften den Mut finden, Altes loszulassen und aufzubrechen, um die Treue zu Gott zu leben.»

Begegnungen als Gleichnisse

«Zu spät» ist Martin Werlens persönlichstes Buch bisher, wie er selbst sagt. In einem süffig-verständlichen Ich-Erzählstil lässt er immer wieder in sein Innerstes blicken. Er berichtet von Begegnungen und Gesprächen, zieht sie zuweilen als Gleichnisse heran, um seine Botschaft zu unterstreichen. So sind es ausgerechnet ein Atheist und ein Zweifler, die ihm die grösste Inspiration sind. Auch macht der Autor keinen Hehl aus seiner eigenen Fehlbarkeit – der alt Abt pflegt dasjenige, was er sich von der kirchlichen Obrigkeit wünscht: dass sie sich auf die Augenhöhe der Menschen begibt – Demut statt Hochmut.

Am vergangenen Montag hat Martin Werlen sein Buch vorgestellt – im Brockenhaus Arche in Zürich. Da, wo Gegenstände des Alltags stehen, für die es «zu spät» ist. Da, wo Menschen, für die es «zu spät» war, im Rahmen eines Sozialprojektes Chancen auf einen Neuanfang bekommen. Ein symbolträchtiger Ort für die Visionen des Benediktinermönches und seine Hoffnungen für die Kirche.

Das Buch

«Zu spät – Eine Provokation für die Kirche, Hoffnung für alle», Verlag Herder, 192 Seiten, ca. Fr. 24.50.

Martin Werlen stellt sein Buch hauptsächlich in Österreich vor im Rahmen von Lesungen. Eine Gelegenheit in der Innerschweiz gibt es am 14. März. Da ist Werlen um 19.30 Uhr im Neubad Luzern, Bireggstrasse 36, zu Gast.

(fae)

 


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