Skifahrer unterschätzen das Tempo

WINTERSPORT ⋅ Allen Kampagnen und Schutzausrüstungen zum Trotz: Die Zahl der verletzten Skifahrer und Snowboarder nimmt nicht ab. Am gefährlichsten leben Gelegenheitsfahrer.
13. Februar 2018, 04:40

Christian Glaus

christian.glaus@luzernerzeitung.ch

Die Kanten sind geschliffen, die Ski gewachst, die Pisten präpariert, und die Schule macht Pause. Tausende zieht es in diesen Wochen, während der Sport- oder Fasnachtsferien, auf die Pisten. Es herrscht Hochbetrieb. Skifahrer und Snowboarder ziehen genüsslich ihre Kurven im Schnee.

Doch gerade jetzt ist Vorsicht geboten. Nicht nur, weil es auf den Pisten eng wird. Seit Wochen hat es nicht mehr ausgiebig geschneit. Die Pisten sind zwar vielerorts perfekt präpariert, doch durch das Ausbleiben des Pulverschnees werden sie Tag für Tag härter. Das verleitet dazu, schneller zu fahren. Und das wiederum erhöht das Verletzungsrisiko. «Ob es mehr oder weniger schwere Unfälle gibt, hängt stark von den Verhältnissen ab», weiss Peter Reinle, Mediensprecher der Titlisbahnen. «Bei Pulverschnee kann man gar nicht so schnell fahren. Harte Pisten hingegen verleiten eher zum Rasen.» Je höher das Tempo und damit die Energie bei einem Sturz, umso grösser ist das Risiko von schweren Verletzungen (siehe Kasten).

Am stärksten gefährdet sind laut Peter Reinle Gelegenheits­skifahrer. «Sie schätzen ihr eigenes Können und die Geschwindigkeit falsch ein und fahren öfter über ihren Verhältnissen.» Dies bestätigt Carlo Danioth, Pisten- und Rettungschef bei der Skiarena Andermatt-Sedrun. «Auf den anspruchsvolleren Pisten im Gebiet Gemsstock verletzen sich weniger Leute als in Sedrun oder am Nätschen, wo mehr Familien und Anfänger unterwegs sind.» Reinle fügt an: «Die höchste Sicherheit bietet eine gute Technik.»

Höheres Tempo, mehr Leute, gleich viele Verletzte

Erstaunlich bei den Verletzungen: «Das Ausmass an Unfällen auf den Pisten hat in den letzten 15 Jahren weder zu- noch abgenommen», schreibt die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) in ihrem Bericht «Verletztentransporte im Schneesport», der sich auf die vergangene Skisaison bezieht. Auch die Rettungschefs stellen fest, dass die Zahl der Verletzungen trotz Kampagnen und besserer Schutzausrüstung nicht abnimmt. Marcel Ziswiler, Co-Chefarzt Chirurgie und Leiter Traumatologie und Orthopädie am Kantonsspital Uri, erklärt dies damit, dass die bessere Ausrüstung ein falsches Sicherheitsgefühl vermittle. Als Beispiel nennt er die Kopfverletzungen: «Obwohl heute fast jeder einen Helm trägt, ist die Zahl der Fälle gleich bleibend.» Ein Grund dafür dürfte das höhere Tempo sein. Knieverletzungen hätten sogar zugenommen, weil bei modernen Carvingski grössere Kräfte wirken.

Eher abgenommen hat die Zahl der Kollisionen auf Skipisten. Zusammenstösse sind klassische Raserunfälle, die oft zu schweren Verletzungen führen. «Dazu gehören Gehirnerschütterungen, Prellungen oder Brüche an Oberarm, Ober- und Unterschenkel sowie Becken», sagt Andreas Remiger, Chefarzt Orthopädie/Traumatologie am Kantonsspital Nidwalden. In der Regel seien Snowboarder an Kollisionen beteiligt. Remiger stellt aber fest: «Die Zahl der Verletzungen durch Raserunfälle ist bei uns rückläufig.» Die meisten Wintersportler seien sehr rücksichtsvoll, betonen die Verantwortlichen der Zentralschweizer Skigebiete. So sagt etwa Daniel Dommann, Geschäftsführer der Sportbahnen Melchsee-Frutt: «Grösstenteils ist das Verhalten der Wintersportler auf den Pisten vorbildlich.» Wer sich nicht an die Regeln hält, wird verwarnt oder muss im schlimmsten Fall gar sein Ticket abgeben.

Die Skigebiete sorgen auch selber vor, um Unfallschwerpunkte zu entschärfen. So wird jeder Unfall erfasst, welcher der Pistenrettung gemeldet wird. Stellen die Verantwortlichen fest, dass sich Unfälle immer wieder am gleichen Ort ereignen, versuchen sie diesen zu entschärfen. Dazu kann eine bessere Signalisation gehören. Als letztes Mittel sind auch Terrainverschiebungen denkbar.

Dunkelheit und Müdigkeit erhöhen Unfallrisiko

Erhöhtes Unfallrisiko bestehe beim Nachtskifahren, halten die Kantonsspitäler Nidwalden und Uri fest. Als Grund nennt Andreas Remiger vom Spital Nidwalden das mangelnde Licht: «Die Skifahrer sehen nicht deutlich, wohin sie fahren, und verunfallen daher.» Sein Urner Kollege Marcel Ziswiler ergänzt: «Das Unfallrisiko beim Nachtskifahren ist erhöht, weil zur generellen Verletzungsgefahr noch die Müdigkeit hinzukommt.» Die Konzentration lasse nach. Alkoholkonsum sei hingegen nur selten ein Problem. «Es kommt nicht oft vor, dass wir alkoholisierte Wintersportler behandeln müssen.» Ziswiler rät, sich vor dem Nachtskifahren gut auszuruhen.

Die von unserer Zeitung befragten Skigebiete sind hingegen der Meinung, dass sich beim Nachtskifahren nicht mehr Unfälle ereignen als tagsüber. So betont etwa Daniel Dommann, dass sich das Angebot auf einen speziell präparierten und ausgeleuchteten Hang beschränke. Zudem würden viele «gemütlicher Ski fahren», weil das Nachtskifahren «eher dem Bedürfnis nach Geselligkeit entspringt».


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