Fliegen und Bremsen – für Kühe mehr als nur eine Plage

LANDWIRTSCHAFT ⋅ Warme Temperaturen, viel Sonnenschein und wenig Regen: Die Bedingungen für Fliegen und Bremsen könnten derzeit kaum besser sein. Was für den Menschen nur lästig ist, kann für Nutztiere deutlich gefährlicher werden.
16. Juli 2017, 08:09

Urplötzlich kommt er, dieser stechende, beissende Schmerz, wenn eine Bremse zum Saugen angesetzt hat. Für den Menschen sind sie vor allem eines: ein Ärgernis – wie ihre Verwandten, die Fliegen auch. Zum Glück gibt es Mittel und Wege, sich den Biestern zu entziehen. Und wenn kein Insektenspray mehr nützt, bleibt einem immerhin noch die Flucht ins schützende Heim.

Den Tieren auf der Weide oder Alp, den Kühen, Rindern und Pferden also, bleibt diese Möglichkeit freilich verwehrt. Besonders bitter: Diesen Sommer sind mehr Quälgeister unterwegs als normalerweise: «Seit etwa drei Wochen geht das jetzt so», sagt Markus Duss, Tierarzt aus Escholzmatt, spezialisiert auf Nutztiere. Der Schüpfheimer Landwirt Armin Emmenegger sieht das genauso: «Vor allem hat es viele Pferdebremsen. Die Tiere auf unserem Betrieb werden arg geplagt», sagt er.

«Aufkommen kann von Gebiet zu Gebiet variieren»

Für Markus Duss ist klar, weshalb die Insekten im Entlebuch derzeit so zahlreich vorkommen: Verantwortlich seien die warme Witterung der letzten Wochen und gleichzeitig die langen Perioden ohne Niederschläge. «Die Bedingungen sind wie geschaffen für die Insekten.» Von einer «wahrhaften Fliegen- und Bremsenplage» spricht die «Bauernzeitung» in einem Onlineartikel von vergangener Woche. Diese Meinung teilt Marco Bernasconi indes nicht. Der Insektenexperte leitet die Abteilung Entomologie beim Natur-Museum Luzern. Er sagt, selber habe er nicht den Eindruck, dass derzeit viele Bremsen und Fliegen durch die Lüfte schwirren. «Aber das Aufkommen kann von Gebiet zu Gebiet stark variieren.»

Für die Tatsache, dass sich die Insektenpopulation je nach Region stark unterscheiden kann, sprechen auch die Aussagen von Thomas Maurer. Der Tierarzt aus Malters sagt auf Anfrage unserer Zeitung: «In unserem Einzugsgebiet hatten wir besonders Anfang Juni ziemliche Probleme. Mittlerweile ist die Plage aber wieder etwas abgeebbt.» Die teilweise starken Regenfälle von vergangener Woche hätten dafür gesorgt, dass sich die Insekten verzogen haben. Nur: Welche Auswirkungen hat eine Fliegenplage auf das Vieh? Tierarzt Maurer liefert die Antwort: «Fliegen können verschiedene Krankheiten übertragen.» Wie zum Beispiel infektiöse Augenentzündungen. «Es kann so weit kommen, dass die Horn- und die Bindehaut angegriffen werden», so Maurer weiter. Schlimmstenfalls käme es zur Erblindung. Besonders gefährdet sind laut dem Veterinär die Tiere auf den Alpen. In den kleineren Ställen steht das Vieh häufig nahe zusammen, zudem sei die UV-Belastung im Sommer höher. Diese beiden Faktoren begünstigten die Ausbreitung einer solchen Krankheit. Doch es droht gar noch Schlimmeres. Das sagt Markus Niederberger, der im nidwaldnerischen Dallenwil als Tierarzt amtet. «Wenn die Tiere auf der Alp weiden, können sie die vielen Fliegen und Bremsen so sehr stören, dass sie unruhig werden.» Es könne gar so weit kommen, dass die Tiere aufgrund ihrer Unruhe unaufmerksam werden, einen falschen Schritt machen – und mit viel Pech abstürzen. «Natürlich», so Niederberger, «ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es so weit kommt. Aber passieren kann bekanntlich immer etwas.»

«Einige Tage Regen würden enorm helfen»

Bei den Nidwaldner Landwirten sei die Insektenbelastung ein grosses Thema, viele hätten ihn darauf angesprochen, sagt Niederberger. Doch allen Umständen zum Trotz: Die Kühe und Rinder müssen nicht ewig unter der Fliegen- und Bremsenlast leiden. «Wenn die Getreidefelder abgemäht sind, fehlt den Insekten der Unterschlupf. Dann werden sie automatisch weniger», sagt Tierarzt Thomas Maurer.

Landwirt Armin Emmenegger aus Schüpfheim hofft derweil auf einen baldigen Wetterumschwung: «Einige Tage Regen und kühlere Temperaturen würden enorm helfen. Dann hätten die Tiere wieder Ruhe.»

 

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch


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