Tatort hinter verschlossenen Türen

HÄUSLICHE GEWALT ⋅ Es ist eines der grossen Tabuthemen unserer Gesellschaft: Gewalt in der Beziehung. Die Statistiken zeigen einen Anstieg der Fälle an. Bund und Kantone werden nun aktiv.
12. November 2017, 05:00

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

In den eigenen vier Wänden sollten wir uns sicher und geborgen fühlen. Eigentlich. Fälle von häuslicher Gewalt machen jedoch mit trauriger Regelmässigkeit Schlagzeilen. Es handelt sich dabei aber nur um die Spitze des Eisbergs. Hinter verschlossenen Türen nimmt das Problem gewaltige Dimensionen an. Schätzungsweise eine von fünf Frauen in der Schweiz ist im Laufe ihres Lebens physischer oder sexueller Gewalt durch ihren Partner ausgesetzt. Zwei von fünf Frauen erleben psychische Gewalt.

Polizei: Zentralschweiz mit schwankenden Zahlen

Einen gewissen Überblick über die Situation in der Zentralschweiz erlauben die aktuellen Kriminalstatistiken: Im Kanton Luzern musste die Polizei vergangenes Jahr mindestens einmal pro Tag wegen eines Falles von häuslicher Gewalt ausrücken, im Kanton Zug sogar noch öfter (siehe Grafik). Ein prozentual besonders steiler Anstieg von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist im Kanton Schwyz feststellbar. «Es handelt sich jedoch um geringe Fallzahlen», relativiert Hans Blum, Chef Recht der Kantonspolizei Schwyz. «Im mehrjährigen Vergleich mit anderen Kantonen stellt der Kanton Schwyz keine Ausnahme dar.»

Im Kanton Zug waren es 2016 aber immerhin nicht weniger als 402 Fälle – gut 40 Straf­taten mehr als im Vorjahr. «Verschiedene Gründe sind für den Anstieg verantwortlich», sagt Frank Kleiner, Sprecher der Zuger Polizei. Dazu gehöre etwa eine zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung gegenüber dem Thema. «Oftmals haben Opfer und Täter bei häuslicher Gewalt auch einen Migrationshintergrund. Dies darum, weil Männer aus Kulturen mit patriarchalischem Familienmodell mit den westlichen Lebensformen, die ihre Frauen zunehmend annehmen, Probleme haben.»

Prävention: «Immer noch ein Tabuthema»

Die Dynamik, die zu Gewalt in der Beziehung führt, lässt sich allerdings quer durch alle demografischen Gruppen feststellen, wie Renate Gisler, Fachperson Gewaltprävention beim Luzerner Justiz- und Sicherheitsdepartement, weiss: «Was im Privaten passiert, ist nach wie vor ein Tabuthema.» Man gehe davon aus, dass die Mehrheit der Fälle nicht öffentlich werden. Meistens sind Frauen betroffen, «in einem von fünf Fällen ist jedoch ein Mann das Opfer von häuslicher Gewalt», fügt Gisler an.

In den vielen Fällen, in denen die Polizei nicht eingeschaltet wird, sind Hausärzte oder andere Fachpersonen aus dem Gesundheitsbereich die einzigen Ansprechpersonen für Gewaltbetroffene. Sie sind es, die mit verschiedenen physischen und psychischen Anzeichen konfrontiert sind, welche auf häusliche Gewalt hindeuten.

An sie richtet sich denn auch eine neu überarbeitete Broschüre, welche die Koordination Gewaltprävention des Kantons Luzern und die Zentralschweizer Fachgruppe Häusliche Gewalt kürzlich veröffentlichten. Die Schwelle, sich an die Polizei oder spezialisierte Stellen zu wenden, sei für viele zu hoch. «Medizinische Fachpersonen nehmen deshalb eine Schlüsselstellung ein, wenn es darum geht, solche Gewaltspiralen zu erkennen und zu durchbrechen», erklärt Gisler. Der Austausch zwischen Polizei, medizinischem Personal, Opferhilfe und weiteren involvierten Stellen habe sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert, sagt Gisler. «Die Tötungsdelikte der vergangenen Wochen und Monate zeigen jedoch, dass es nach wie vor zu ­viele Opfer gibt.»

Ärzte: Angst, Situation zu verschlimmern

In der neuen Broschüre der Gewaltprävention werden Informationen und Empfehlungen für den oftmals schwierigen Umgang mit gewaltbetroffenen Patienten wiedergegeben. Aus Angst vor Unverständnis, Scham oder aufgrund von Drohungen sprechen Gewaltopfer nur ungern über das Erlittene. «Persönliche Abhängigkeiten, Angst vor Verlust des Sozialstatus und Ängste, die Situation weiter zu verschlimmern, spielen ebenfalls eine Rolle», sagt Henning Fischer, Leitender Arzt des Notfallzentrums am Luzerner Kantonsspital (Luks).

Wie aber bricht man das Schweigen? «Man sollte nicht um den heissen Brei herumreden, die Wortwahl ist aber sehr wichtig», sagt Andreas Lischer. Er gehört zu den Hausärzten der Pilatus-Praxis in der Stadt Luzern. Zudem leistet er regelmässig Dienst in der Notfallpraxis des Luks, die vom Spital und den Hausärzten der Stadt Luzern gemeinsam betrieben wird. «Ich versuche beispielsweise emotional aufgeladene Wörter wie Gewalt zu meiden», erklärt Lischer. «Stattdessen weise ich etwa dar­aufhin, dass für mich das Verletzungsmuster darauf hindeutet, dass noch eine andere Person im Spiel war.» Die Reaktionen auf die Konfrontation mit dem Thema würden extrem unterschiedlich ausfallen. «Vom stillen Annehmen von Broschüren der ­Opferberatung bis zum vehe­menten Abstreiten eines Pro­blems erlebt man alles.»

Wie aber geht man als Arzt damit um, wenn die Person abblockt und Hilfe verweigert? «Solange keine vitale Gefährdung besteht und der Patient entscheidungsfähig ist, besteht kaum eine Möglichkeit, gegen seinen ausdrücklichen Willen Hilfe, Unterstützung oder Schutz anzubieten», sagt Henning Fischer.

Dennoch, die Tatsache, dass man nicht in jedem Fall helfen kann, kann belastend sein. Wie geht man als Ärztin oder Arzt mit Gefühlen wie Empörung, Ohnmacht, Wut und Frustration um? «Die Verarbeitung von solchen Gefühlen wird zum allergrössten Teil durch Gespräche im Team geleistet», sagt Notfallzentrumsleiter Fischer. Hausarzt Lischer ergänzt: «Wichtig ist: Ich habe das mir Mögliche unternommen. Ich habe das Problem angesprochen und die Verletzungen sorgfältig genug dokumentiert, dass sie beispielsweise für die Staatsanwaltschaft brauchbar wären.» So könne man danach auch wieder zu einem gewissen Grad «loslassen» von den Einzelschicksalen der Patienten. Wesentlich schwieriger sei dies jedoch für die Kinderärzte, gibt der Hausarzt zu bedenken. «Dort nimmt das Problem nochmals eine ganz neue Dimension an.»

Tatsache ist, dass Anzeichen auf Misshandlungen auch von medizinischem Fachpersonal nicht immer erkannt werden können: «Gerade in hektischen Situationen mit hohem Patientenandrang müssen wir uns immer wieder zwingen, genau hinzuschauen», mahnt Lischer.

Bund: Sommaruga will weniger Sistierungen

Auf Bundesebene beschäftigt das Thema derzeit ebenfalls. Mitte Oktober verabschiedet der Bundesrat die Botschaft zum Bundesgesetz über die Verbesserung des Schutzes gewaltbetroffener Personen. «Die heutige Situation ist unhaltbar», sagte Simonetta Sommaruga im Rahmen der Pressekonferenz. So soll das Opfer etwa nicht mehr die ganze Verantwortung für die Einstellung eines Strafverfahrens tragen müssen. «Es ist häufig so, dass Frauen von ihrem Partner unter Druck gesetzt werden, das Strafverfahren zu stoppen – das soll es künftig nicht mehr geben», sagte Sommaruga. Bei Verdacht auf wiederholte Gewalt in der Paarbeziehung soll das Verfahren nicht mehr sistiert werden können.

Hinweis

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter der Website www.gewaltpraevention.lu.ch.


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