Grundsatzentscheid der SBB zur Ausschreibung 29 neuer internationaler Züge

Künftig ganz ohne Neigetechnik in den Süden

Die SBB verzichten im internationalen Verkehr via Neat auf Neigetechnik. Diesen Grundsatzentscheid haben sie im Hinblick auf die Ausschreibung von 29 neuen Zügen gefällt. Die einst angestrebte Reisezeit nach Mailand ist Makulatur.

Neue Zürcher Zeitung

Paul Schneeberger

Die SBB werden für den internationalen Verkehr via Neat definitiv keine neuen Neigezüge bestellen. Sie bestätigten auf Anfrage eine Meldung der Zeitschrift «Eisenbahn-Amateur», wonach ihr Verwaltungsrat diesen Grundsatzentscheid gefällt hat. Ende des ersten Quartals 2012 werden sie die Lieferung von 29 konventionellen einstöckigen Triebzügen für hohe Geschwindigkeiten im grenzüberschreitenden Nord-Süd-Verkehr ausschreiben.

Lieferung 2016 bis 2019

Die ersten neuen Kompositionen, die auch die schadhaften Cisalpino-Neigezüge der ersten Generation (ETR 470) ersetzen, sollen ab Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels Ende 2016 eingesetzt werden; Ende 2019 soll die ganze neue Serie verfügbar sein. Zwischen Ende 2014, dem Zeitpunkt, auf den die SBB die Ausserbetriebnahme der über den Gotthard verkehrenden ETR 470 versprochen haben, und Ende 2016 soll ein noch zu definierendes Übergangskonzept umgesetzt werden.

Für diese beiden letzten Jahre, in denen der Italienverkehr über die Gotthard-Bergstrecke abgewickelt wird, bieten sich zwei Möglichkeiten: die Rückkehr zu konventionellen Zügen, was durchwegs um 30 Minuten längere Reisezeiten Zürich–Mailand zur Folge hätte (4 Stunden 10 Minuten statt 3 Stunden 40 Minuten), oder eine Verlegung der Cisalpino-Neigezüge der zweiten Generation (ETR 610) an den Gotthard. Diese verkehren auf der Simplonachse, wo seit der Inbetriebnahme des Lötschberg-Basistunnels die aus der Neigeeinrichtung resultierenden Beschleunigungen marginal sind.

Hinsichtlich des Nord-Süd-Verkehrs via (Gotthard-)Neat haben sich die SBB aus zwei Gründen gegen die erneute Beschaffung von Neigezügen ausgesprochen: zum einen, um technische Risiken zu minimieren, und zum anderen, weil sich die einst in Aussicht genommene Fahrzeit von 2 Stunden 40 Minuten zwischen Zürich und Mailand wegen fehlender Ausbauten auf den Zufahrtsstrecken ohnehin nicht realisieren lasse. Zwischen Zürich und Lugano wird durch die Basistunnel auf der Gotthardachse vorerst die vom Bund vorgegebene minimale Verkürzung der Reisezeit um 52 Minuten erreicht, wodurch eine Fahrt Zürich–Lugano noch rund 1 Stunde 50 Minuten dauern wird.

Aus für «Technik statt Beton»

Der Grundsatzentscheid gegen neue Neigezüge scheint von den Traumata mit den Cisalpino-Zügen beeinflusst. Indessen stellt sich die Frage, ob er betrieblich – insbesondere auch über die Neat-Achsen hinausgedacht – klug ist. Abgesehen davon, dass es durchaus technisch stabile Neigezüge gibt (die ICN der SBB), vergibt man so die Chance, Beschleunigungen gemäss dem einst populären Slogan «Bahntechnik statt Beton» gerade auch auf den kurvenreichen Neat-Zufahrtsstrecken im Norden und im Süden zu erreichen, deren Neuanlage auf Jahrzehnte hinaus nicht realistisch ist. Hinzu kommt, dass auf zahlreichen ausländischen Strecken (nach Stuttgart, München und Innsbruck), die für den Verkehr von und nach der Schweiz relevant sind, Reisezeitverkürzungen auf Dauer nur mit Neigezügen zu realisieren sein werden.


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: