Viele Wege – ein Ziel

ZENTRALSCHWEIZ ⋅ Wir haben drei junge Personen besucht, die heuer ihre Lehre abschliessen. Vom geflüchteten Tibeter über eine junge Frau, die in einer Männerdomäne arbeitet, zu einem Fussballtalent, das sich um geistig Behinderte kümmert.
15. Juli 2017, 05:00

Eine Premiere mit tibetischem Charme

Ennetbürgen 7 Uhr morgens auf dem Betriebsgelände der Gabriel Transport AG in Ennetbürgen: Lobsang Tsephel Norbutsang parkiert seinen Lieferwagen, dann geht es zu einem Kaffee. «Jetzt sollten wir wohl klatschen», sagt einer seiner Kollegen, als er mit dem Journalisten eintritt. Alle lachen. «Ein Siebensiech» sei er, sagt sein Lehrlingsbetreuer Klaus Durrer. «Lobsang muss nicht viel tun, um die Leute für sich zu gewinnen.»

Seit zwei Jahren ist er hier, so lange dauerte seine Ausbildung zum Strassentransportpraktiker. Er ist der Erste, der sie absolviert, erst 2015 wurde dieses Eidgenössische Berufsattest eingeführt. «Es handelt sich um eine Anlehre zum Lastwagenchauffeur», erklärt Durrer. Norbutsang ist nun berechtigt, Umzüge und Transporte mit dem Lieferwagen oder einem Anhänger durchzuführen.

Kritik an chinesischer Regierung

Die Geschichte des 23-jährigen Tibeters aus Kham Kardze ist eine spezielle. Vor sechs Jahren kam er als Flüchtling in die Schweiz, weil er sich an seiner Universität kritisch gegen die chinesische Regierung geäussert hatte. «Die Universität wurde geschlossen. Ich musste das Land verlassen, weil mir sonst acht bis zwölf Jahre Gefängnis gedroht hätten», erklärt er. Er fand in die Schweiz. «Es war hart, ich war sehr traurig», erinnert er sich zurück, als er allein und ohne deutsche Sprachkenntnisse hier ankam. Mittlerweile wohnt er in Stans, spielt beim Fussballklub, hat Freunde gefunden und spricht verständlich Schweizer Dialekt: «Jetzt fühle ich mich wohl.»

«Unglaublich, wie er marschiert ist»

Das Team der Gabriel Transport AG hat seinen exotischen Mitarbeiter ins Herz geschlossen. Der Kontakt sei damals über das Migrationsamt zu Stande gekommen, erzählt Klaus Durrer. «Lobsang wurde uns als Aushilfe empfohlen. Es war unglaublich, wie er den ganzen Tag marschiert ist.» Norbutsang machte eine Schnupperlehre und liess sich schliesslich zum Strassentransportpraktiker ausbilden. Arbeitsbeginn ist um 7 Uhr. «Schon am frühen Morgen muss er den Kopf bei der Sache haben.» Er müsse mit Sorgfalt ans Werk gehen. «Dafür hat er ein gutes Händchen.» Nur mit dem frühmorgendlichen Aufstehen happere es ab und zu noch etwas.
Norbutsang hat Gefallen gefunden an seinem Beruf, nichts spricht gegen eine Festanstellung in seinem Lehrbetrieb, «den lassen wir nicht gehen», sagt Durrer. Der junge Mann aus Zentralasien möchte sich nun sogar zum Lastwagenchauffeur ausbilden lassen. Sein grösstes Manko sind seine sprachlichen Fähigkeiten. Doch mit Blick auf den Weg, den er hinter sich hat, ist ihm auch dieser Schritt zuzutrauen. Nur das Heimweh, das wird er so schnell nicht los. «Mein Wunsch ist es, meine Eltern noch einmal sehen zu können», gesteht er. Vorderhand gibt es für ihn aber kein Weg zurück nach Tibet, das er einst als Teenager alleine verlassen hatte.
 

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

 


Eine Frau, die Resultate mag

Zug «Für mich war schon sehr bald klar, dass ich keinen Bürojob ausführen möchte, da mir dabei die Abwechslung fehlte», begründet Nadine Rogenmoser lachend ihre Berufswahl. Die 19-Jährige hat soeben ihre Lehre zur Polymechanikerin bei V-Zug abgeschlossen. Als Abschlussprojekt hat sie ein komplexes Folgeverbundwerkzeug hergestellt, das Blechteile für Backofen herstellt.

«Der Konstrukteur hat die Pläne entworfen, die ich dann umsetzen durfte. Dafür hatte ich eineinhalb Wochen Zeit. Die Arbeit hat mir Spass gemacht, ich habe es als anspruchsvolle und interessante Herausforderung angesehen», erzählt die Merenschwanderin. Im ersten Jahr lernte die junge Frau in der Lernwerkstatt die Grundlagen. «Das zweite und dritte Jahr verbrachte ich in verschiedenen Abteilungen. Ich sah, wo die Teile, die wir herstellen, eingesetzt werden. Und auch in der Reparaturabteilung verbrachte ich Zeit. In dieser Abteilung werden die Maschinen, die für die Produktion eingesetzt werden gewartet und repariert», sagt Nadine Rogenmoser. Für das letzte Ausbildungsjahr wählte Nadine den Werkzeugbau, denn sie ziehe es vor, Teile zu produzieren, die es für die Produktion in der Firma wirklich braucht.

Ein vielseitiger, abwechslungsreicher Job

Bevor sie sich für die Lehre bei V-Zug entschied, hat sie verschiedene Schnupperlehren gemacht: «Doch mir war immer klar, dass ich etwas Handwerkliches machen wollte. Es gefällt mir, dass ich am Schluss jeweils ein Teil in der Hand habe, sehe, was ich gearbeitet habe.» Als Polymechanikerin habe sie einen vielseitigen, abwechslungsreichen Job. «Und die Leute hier haben mir auch zugesagt.»

Dass sie die einzige Frau in der Berufsschule war, spielte für sie keine grosse Rolle. «Meine Eltern und mein Umfeld haben mich immer unterstützt. Durch das Schnuppern in verschiedenen Berufen lernte ich auch den des Polymechanikers kennen, der mir sehr zugesagt hat», sagt sie. Das sei wohl auch der Grund, wieso so wenig Frauen den Beruf ergreifen: Nichtwissen. «Denn der Beruf ist körperlich nicht besonders anstrengend. Für schwere Werkstücke gibt es Kräne, oder man hilft sich gegenseitig», betont sie.

«Alles hat wie gewünscht funktioniert»

Programmieren, fräsen, schleifen: Nadine Rogenmoser musste verschiedene Arbeiten ausführen, um das Folgeverbundwerkzeug herzustellen. «Ich hatte Glück, alles hat wie gewünscht funktioniert», meint sie lachend. Das Werkzeug wird später in Pressen eingebaut. Ich bin sehr zufrieden und erfreut über das gute Resultat meiner Arbeit», so Nadine Rogenmoser, die in ihrer Freizeit Team-Aerobic macht.

Nadine wird der V-Zug sicher noch ein Jahr als Polymechanikerin erhalten bleiben. «Was ich danach mache, weiss ich noch nicht. Vielleicht werde ich mich noch für eine Weiterbildung entscheiden», sagt sie.

Natalie Ehrenzweig

zentralschweiz@luzernerzeitung.ch

 


Fussball und Lehre unter einen Hut gebracht

Luzern Vier bis fünf Mal pro Woche ist Noah Schnarwiler auf dem Trainingsplatz der U21 des FC Luzern anzutreffen. Er trainiert seit acht Jahren dem Ziel entgegen, als Goalie in der 1. Mannschaft spielen zu können. In dieser Zeit habe er gemerkt, wie der Konkurrenzkampf unter den Teamkollegen härter werde. «Bei den jüngeren können sich eher noch Freundschaften bilden, später ist die Rivalität leider gross.»

Die meisten seiner Teamkollegen haben die Frei’s- oder Bénédict-Schule besucht, die mit dem FC Luzern zusammenarbeiten und dessen Talente unterstützen. Nicht so Noah Schnarwiler: Er hat eine Lehre zum Fachmann Betreuung im Wohnhaus der Stiftung Brändi in Sursee hinter sich. Die Arbeit als Betreuer von geistig beeinträchtigten Personen sei unberechenbar: «Den Tag kann man zwar planen, die Menschen aber nicht», erklärt Schnarwiler. Trotzdem sei die Arbeit schön: «Es gefällt mir, wie die Leute auf mich eingehen und auch mir helfen, wenn ich einen schlechten Tag habe», erklärt Schnarwiler. Was ihn ebenfalls beeindrucke, sei die Dankbarkeit, die ihm die Personen mit geistiger Behinderung entgegenbringen.

Lehre und Sport: Grosse Belastung

Obwohl er sich nicht für eine Sportlehre beworben hatte, wurde sie auf seine Trainingszeiten angepasst: «Ich hatte sehr Glück, dass mein Lehrbetrieb mich so unterstützt hat», sagt er. So seien seine Arbeitszeiten möglichst so eingeteilt worden, dass er an allen Trainings dabei sein konnte. Dies ist bei vier bis fünf Trainings pro Woche nicht gerade leicht.

Trotz der Unterstützung sei die Belastung zeitweise gross gewesen. «Ich kann meine Zeit aber gut einteilen, deshalb habe ich immer den Rank zwischen Freizeit, Sport und Beruf gefunden», erklärt Schnarwiler. Für Freunde und Verwandte habe er nach den Trainings und am Wochenende Zeit. Deshalb will er mit einem 80-Prozent-Pensum als Betreuer weiterarbeiten. «100 Prozent wäre zu viel, weil auch Wochenenddienste dabei sind», erklärt der 18-Jährige aus Triengen. Ob er im Wohnhaus der Stiftung Brändi bleibt, sei noch nicht klar. Er hofft aber darauf, da die Suche nach einem anderen Arbeitgeber, der so flexibel ist, relativ schwierig wäre und ihm die Arbeit im Wohnhaus gefällt.

Vorerst bleibt er beim FC Luzern

Wie es mit dem Fussball weitergehen wird, ist für Schnarwiler ungewiss: «Fussball ist so schnelllebig, da weiss man nie, wie es in einem halben Jahr aussieht.» Deshalb ist er froh, dass er eine gute Ausbildung hat, auf die er zählen kann, falls es nicht klappt. Ob er den Sprung ins professionelle Fussballgeschäft schafft, hängt auch von seiner Gesundheit ab: Er hat eine erblich bedingte Fehlstellung der Hüfte. «Mit den Übungen des Osteopathen sollte es aber halten», ist sich Schnarwiler sicher. «In der nahen Zukunft werde ich sicher beim FCL bleiben.»

Jessica Bamford

jessica.bamford@luzernerzeitung.ch


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