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Affäre Romer: PUK bemängelt falsche Loyalität

ZUG ⋅ Falsche Loyalität und wenig Fingerspitzengefühl, aber kein absichtliches Wegsehen: Die Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK), die den Fall des zurückgetretenen Zuger Stadtrates Ivo Romer untersucht hat, entlastet zwar den Gesamtstadtrat, kritisiert aber die untaugliche Organisation und die Untätigkeit innerhalb der Zuger Verwaltung.

Ins Rollen kam der Fall im Dezember 2012: Ivo Romer, damals FDP-Finanzvorstand der Stadt Zug, musste seinen Posten räumen, weil die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung wegen Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen ihn eröffnet hatte. Romer wird vorgeworfen, von einer alten Frau mehrere Millionen Franken abgezweigt zu haben. Der Finanzverantwortliche der Stadt Zug arbeitete nebenamtlich als Vermögensverwalter.

Die PUK, deren Bericht am Dienstag veröffentlicht wurde, untersuchte vor allem, weshalb die Frau nicht - wie mehrfach von ihrer Familie gefordert - unter Vormundschaft gestellt wurde. Die Angehörigen hatten gemeldet, dass ein «dubioser Banker» alles für sie regle und dabei wohl Geld unterschlage. Das Amt für Vormundschaft tat jedoch lange Zeit nichts - nicht einmal, als die Pflege-Rechnungen nicht mehr bezahlt wurden und das Geld mutmasslich auf Romers persönlichem Konto landete.

«Heikle Konstellation» zu lange nicht bemerkt

Nach dem Tod der 96-Jährigen wurde der Vorwurf laut, der Gesamtstadtrat habe den Stadtratskollegen machen lassen und absichtlich weggeschaut. Diese Meinung teilt die PUK nicht. Sie sieht das Problem vielmehr bei der Vormundschaft. Diese habe ihre Aufgabe des Abklärens zu wenig wahrgenommen und viel zu lange nichts unternommen.

Ursache für diese Untätigkeit sei aber nicht fachliches Unvermögen gewesen, sondern ungenügende Organisation, falsche Loyalität und schlechtes Kommunikationsverhalten, sagte PUK-Mitglied Urs Bertschi (SP) vor den Medien. Das Problem: Romer war in seiner Funktion als Stadtrat automatisch auch Mitglied der Vormundschaftsbehörde.

Diese heikle Doppelrolle bemerkte aber offenbar lange niemand: Weder der zuständige Stadtrat, Sozialvorsteher Andreas Bossard (CSP), noch der Amtsleiter der Vormundschaft oder der Departementssekretär schienen den Interessenskonflikt zu erkennen oder ansprechen zu wollen.

«Da fehlte eindeutig das Fingerspitzengefühl», sagte Bertschi. Gleichzeitig hält die PUK aber fest, dass man keine Anzeichen für einen «bewussten oder aktiven Schutz» Romers gefunden habe.

Der Gesamtstadtrat erfuhr offenbar erst zwei Wochen vor dem Tod der Frau im September 2011 von den Vorgängen um Ivo Romer. Der ehemalige Finanzvorstand bestreitet die Vorwürfe bis heute und war auch nicht bereit, mit der PUK zusammenzuarbeiten. Das Strafverfahren, das bei der Staatsanwaltschaft gegen ihn läuft, ist noch nicht abgeschlossen.

«Heilsamer Schock» für Stadtrat und Verwaltung

Der Fall Romer und die Ergebnisse der PUK sind für den Zuger Stadtpräsidenten Dolfi Müller (SP) ein «heilsamer Schock», wie er vor den Medien ausführte. Stadtrat und Verwaltung seien jetzt für heikle Konstellationen sensibilisiert. Nur schon der Anschein von Vetterliwirtschaft habe in einer modernen Stadtverwaltung nichts zu suchen.

Der im PUK-Bericht direkt kritisierte Sozialvorsteher Andreas Bossard übte Selbstkritik. Dass er die Brisanz der Doppelrolle von Ivo Romer als privatem Vermögensverwalter und Mitglied der Vormundschaftsbehörde nicht erkannt habe, sei ein Fehler gewesen, sagte er. «Dafür übernehme ich die Verantwortung.» Er habe den Gesamtstadtrat ausserdem zu spät über dieses heikle Geschäft orientiert und das Vormundschaftsamt zu lange damit allein gelassen.

Um ähnliche Fälle künftig zu vermeiden, verpasst sich der Zuger Stadtrat auf die nächste Legislatur einen Verhaltenskodex. Dieser soll unter anderem den Umgang mit möglichen Interessenskonflikten regeln, die durch private Nebenbeschäftigungen entstehen können. Weil das Amt eines Zuger Stadtrates kein Vollzeitjob ist, sind andere Tätigkeiten erlaubt.

Personelle Konsequenzen hat der Fall trotz deutlicher Kritik an den Verantwortlichen keine: Bossard tritt im Herbst ohnehin nicht mehr an, der Departementssekretär ist pensioniert und der Leiter der Vormundschaft wechselte zur kantonalen Verwaltung.

sda

HINWEIS
Abschlussbericht der PUK Romer auf der Website der Stadt Zug.

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Leserkommentare (11)
  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 06.08.2014 17:05

    Es erstaunt nicht wenig, wie Romer, welcher offenbar zu Recht verurteilt wurde, immer noch frei herumlaufen kann.
    Millionen soll er veruntreut haben. Die alte Dame de Beaufort vertraute ihm Ihr Hab und Gut an und er "bearbeitete" nachweislich ihr gesamtes Portefeuille. Immerhin zwischen 10-15 Millionen Franken sollen es gewesen sein. Das Geld ist weg. Frau de Beaufort ist gestorben und die Nachkommen sollen dem Vernehmen nach weit über Fr. 100'000.- alleine für Anwaltskosten ausgegeben haben. Und nun? Da stellt man sich schon Fragen:
    Versteht hier noch jemand die Bedeutung von Gerechtigkeit in unserem Lande? Warum lässt die Obrigkeit es immer noch zu, dass solche Leute - ohne jegliche "Aussen-Kontrolle" - eine derartige Anhäufung von Ämtern "selbst überwachen" dürfen?
    Und wie sieht es - einmal mehr - mit der so genannten „Opfer-Täter-Asymmetrie“ aus? Herren Juristen und Richter – sie sind gefordert! Oder sollte vielleicht das Volk einmal ein Assessment mit Ihnen durchziehen?

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 06.08.2014 11:14

    Ein Zeichen, dass Herr Romer wohl nicht über all Zweifel erhaben ist, ist doch wohl die Tatsache, dass er mit der PUK nicht zusammenarbeiten wollte. Ich finde an diesem Fall gibt es nichts schön zu reden. Wenn ein Vermögensverwalter mehrer Millionen eines Mandanten in den Sand setzt, hat er wohl zumindest keine anständige Arbeit gemacht und moralisch sicher ein Fehlverhalten an den Tag gelegt auch wenn das rechtlich keine Auswirkung haben könnte, was sich noch zeigen wird. Zumal man das Amt eines Stadtrates inne hat. Herr Romer hat wohl auch seine Position als Stadtrat ausgenutzt und muss dafür gerade stehen. Eine solche Person ist meiner Ansicht nach nicht mehr tragbar in einem öffentlichen Amt. Dem Stadtrat sei empfohlen ein besseres internes Kontrollsystem auf die Beine zustellen, damit sich solche Verquickungen in der Zukunft nicht mehr ergeben können, womit man im Voraus solche Fälle verhindern könnte.

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    geschrieben am 06.08.2014 08:56

    Zitat PUK-Bericht Sete 11:
    "Die „Neue Zuger Zeitung“ hat sich zumindest drei schwerwiegende Fehlleistungen zuschulden kommen lassen"
    Das Ganze ist weniger ein Fall Stadtrat sondern eher ein Fall Weltwoche und ein Fall Neue Zuger Zeitung...
    Martin Stuber, aus den Ferien in Guarda

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    geschrieben am 06.08.2014 13:31
    als Antwort auf das Posting von Martin Stuber, Zug am 06.08.2014 08:56

    Du bist ein wie immer ein kleiner "Demagoge", lieber Martin Stuber. Nur will die Grünen mit den Zugr Christlich-Sozialen CSP eine Fraktionsgemeinschaft bilden, sollteest du nicht die Augen vor der Tatsache schliessen, dass die Leiter der ständischen Vormundschaftsbehörden, die hier versagt haben, der abtrende Stadtrat Andreas Bossard und Deine neue Arbeitgeberin Manuela Weichelt sind.

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 07.08.2014 08:19
    als Antwort auf das Posting von Walter Wyss-Walker, Cham am 06.08.2014 13:31

    Lieber Wädi
    Mein Arbeitgeber ist der Kanton Zug, mein Vorgesetzter der Generalsekretär Paul Schmuki und der Kanton hat die Aufgabe des Kindes- und Erwachsenenschutzes am 1. Januar 2013 von den Gemeinden übernommen. Da war Ivo Romer schon als Stadtrat zurückgetreten!
    Die kantonale Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) hat mit dem Fall Romer also nichts zu tun. Und wer den PUK-Bericht liest, erkennt schnell, dass der Systemwechsel bei dieser empfindlichen gesellschaftlichen Aufgabe überfällig war – die Gemeinden waren nämlich zunehmend überfordert. Das schreibt indirekt auch die PUK (Seite 57): ‚Die Gutachterin brachte dies aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung mit anderen Vormundschaftsbehörden auf den Punkt, indem sie feststellte, dass das Vormundschaftsamt der Stadt Zug „eines der Vormundschaftsämter war, das gut funktioniert hat“.‘
    Schade, Wädi – früher kannte ich Dich als jemanden, der sich an den Fakten orientiert. Kehr doch bitte dazu zurück.
    Gruess
    Stubi

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 09.08.2014 15:08
    als Antwort auf das Posting von Martin Stuber, Zug am 07.08.2014 08:19

    Lieber STUBI, ich wohne seit meiner Pensionierung im März 2013 - und auch offiziell seit 1. Juni 2014 - in der Einheits-Gemeinde "Commune delle Centovalli" . Deshalb habe ich weder Zeit noch Lust, die Fakten zur Zuger PARTEI-Politik zu kennen. Ich lese hier nur täglich die Print-Ausgaben des "Tages-Anzeigers" und des "Corriere delle Sera". Was im Zuger Monopol-Blättchen "Neue Zuger Zeitung" verspätet steht, hat mich noch nie besonders interessiert als Profi-Journalist seit 40 Jahren. IICH BEWUNDERE NUR MEINE BERUFS-KOLLEGEN dort. Sie gehen wirklich souverän um mit dem Druck von RECHTEN & LINKEN Politiker & Stündelern wie Du. - - Wieso arbeitest Du, geschätzter Martin Stuber, eigentlich nicht in der Raumplanung und für die Stadtumfahrung des Kantons Zug?
    Grüsse aus der Republik Tessin, Wädi

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 06.08.2014 21:55
    als Antwort auf das Posting von Walter Wyss-Walker, Cham am 06.08.2014 13:31

    Lieber Wädi
    Mein Arbeitgeber ist der Kanton Zug, mein Vorgesetzter der Generalsekretär Paul Schmuki und der Kanton hat die Aufgabe des Kindes- und Erwachsenenschutzes am 1. Januar 2013 von den Gemeinden übernommen. Da war Ivo Romer schon mehr als ein Jahr als Stadtrat zurückgetreten!
    Die kantonale Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) hat mit dem Fall Romer also nichts zu tun. Und wer den PUK-Bericht liest, erkennt schnell, dass der Systemwechsel bei dieser empfindlichen gesellschaftlichen Aufgabe überfällig war – die Gemeinden waren nämlich zunehmend überfordert. Das schreibt indirekt auch die PUK (Seite 57): ‚Die Gutachterin brachte dies aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung mit anderen Vormundschaftsbehörden auf den Punkt, indem sie feststellte, dass das Vormundschaftsamt der Stadt Zug „eines der Vormundschaftsämter war, das gut funktioniert hat“.‘
    Schade, Wädi – früher kannte ich Dich als jemanden, der sich an den Fakten orientiert. Kehr doch bitte dazu zurück.
    Gruess
    Stubi

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 05.08.2014 16:49

    Ivo Romer war von der Presse und der politischen Elite von Anfang an vor verurteilt und hatte keine Chance.

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 05.08.2014 16:13

    Nun scheint der PUK Bericht doch einiges ans Tageslicht gebracht zu haben, das vor Monaten noch von allen möglichen Seiten bestritten wurde. Ist dies der Grund, dass die Pressekonferenz in der 5. Sommerferienwoche statt fand, in der bekannterweise die meisten Zugerinnen und Zuger in den Ferien weilen? Im weiteren staune ich immer wieder, was Behördenmitglieder wissen und nicht wissen (gemäss PUK), wenn man an die immer wieder gelobten kurzen Wege innerhalb der Stadtverwaltung denkt (z.B. Pausengespräche)

  • lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()
    geschrieben am 05.08.2014 15:21

    Gerne hätte ich hier noch etwas über die "groben Fehlleistungen der Presse" gelesen, von welchem im PUK-Bericht die Rede ist.

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    geschrieben am 05.08.2014 15:48
    als Antwort auf das Posting von Jolanda Spiess-Hegglin, Oberwil am 05.08.2014 15:21

    Zu den Leistungen und Fehlleistungen der Medien in der Affäre Romer, insbesondere der Sichtweise des Gutachters und der Sichtweise der PUK, lesen Sie den PUK-Bericht 5, Abschnitt 4.4

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