22 Zentimeter für ein autonomeres Leben

HÜNENBERG ⋅ Bei der ZVB-Haltestelle Seeblick befindet sich die erste barrierefreie Busstation im Kanton Zug. Die Gemeinde im Ennetsee nimmt mit dieser Entwicklung eine späte Vorreiterrolle ein. Rollstuhlfahrerin Manuela Leemann hat sie für uns getestet.
17. September 2017, 05:00

Carmen Rogenmoser

carmen.rogenmoser@zugerzeitung.ch

Sachte fährt der Bus Nummer 8 der Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB) an die Haltekante der Bushaltestelle Seeblick im Hünenberger Industriegebiet Bösch. Der Chauffeur macht einen äusserst konzentrierten Eindruck. Er hat Manuela Leemann entdeckt. Die 36-Jährige lebt seit über 20 Jahren als Tetraplegikerin im Rollstuhl. Fährt der Buschauffeur nahe genug an die Kante und senkt den Bus tief ab, sollte Manuela Leemann ohne fremde Hilfe in den Bus einsteigen können. Beim «Seeblick» handelt es sich um die erste barrierefreie Bushaltestelle des Kantons Zug nach den Vorgaben des eidgenössischen Behindertengleichstellungsgesetzes (siehe Box).

Konkret bedeutet das, dass die Anlegekante mindestens 22 Zentimeter Höhe betragen muss. Trotz der Bemühungen des Chauffeurs bleibt aber eine Lücke zwischen der Tür und der neuen Kante – ein zu grosses Hindernis für Leemann. Sie ist auf die Hilfe des Fahrers angewiesen. Dieser hilft ihr geschickt in den Bus. «Ein Paraplegiker hätte den Absatz wohl ohne Hilfe geschafft», erklärt Manuela Leemann. Sie selber habe aber zu wenig Kraft. Die neue Bushaltestelle, die vor kurzem fertiggestellt wurde, bekommt von der Zugerin ein gutes Zeugnis. Der Buschauffeur selber findet die Haltestelle eine «gute Sache». Sie sei ideal zum Anfahren und bedürfe keiner grösseren Umgewöhnung.

Älteren Bussen nützt die Kante nicht

Als «einwandfrei» bezeichnet sie auch Beat Husmann, Bauberater von Pro Infirmis, Geschäftsstelle Uri, Schwyz und Zug. Auch er nimmt an der Testfahrt der kürzlich umgebauten Haltestelle teil. «Hier stimmt alles. Die Höhe der Haltekante entspricht den geltenden Anforderungen für die autonome Benützung des Busses. Mit der Ausrundung der Kante hat der Bus die Möglichkeit, nahe heranzufahren, ohne die Karosserie zu beschädigen.» Ebenfalls vorbildlich seien die Breite des Trottoirs, das den Rollstuhlfahrern genug Platz für den Ein- und Ausstieg bietet, sowie der abgesenkte Fussgängerstreifen inklusive Inseli, erklärt der Fachmann. «Das Problem bei der zu grossen Niveaudifferenz war, dass dieser ältere Bus noch nicht für diese Haltestelle abgestimmt ist.» Die neueste Generation der Busse könnte die Haltestelle korrekt anfahren, so dass auch Manuela Leemann selbstständig ein- und aussteigen könnte. Den älteren Modellen ist es entweder nicht möglich, stark genug abgesenkt zu werde, oder die Türen öffnen sich nach aussen und stehen dann auf der höheren Kante auf.

«Dieses Problem stellt sich nur vorübergehend», führt Husmann aus. «Eine Bushaltestelle wird für rund 60 Jahre gebaut, ein Bus nur für 10 bis 15 Jahre. Die neuen Busgenerationen werden mit den baulichen Gegebenheiten der hohen Haltekanten gut zurecht kommen.» Wie viele und bis wann die Bushaltestellen in Zug nach dem neuen Standard ausgebaut sein werden, weiss Husmann nicht. «Je nachdem ist entweder der Kanton oder die Gemeinde zuständig, die Vorgaben des Behindertengleichstellungsgesetzes einzuhalten.» Weniger um das Gesetz als darum, den Alltag möglichst autonom zu gestalten, geht es Manuela Leemann. Sie gehört zur Arbeitsgruppe Menschen mit einer Behinderung (AMBZ). Diese gibt es seit 16 Jahren und wird von Mitgliedern mit ganz unterschiedlichen Behinderungen und Beeinträchtigungen gestaltet. «Stehen wir irgendwo an, gehen wir auf die Verantwortlichen zu und versuchen, auf unsere Bedürfnisse aufmerksam zu machen», erklärt sie. Auf Initiative der AMBZ wurde etwa die Nachtspitex in Zug eingeführt. Stets aktuelle Themen sind Parkplätze oder Umbauten, beispielsweise die geplante SBB-Überführung in Rotkreuz. «Es gibt viele Sachen, die mit kleinem Aufwand realisiert werden können, uns aber eine grosse Erleichterung bringen.» Meistens stosse man auf offene Ohren. «Ganz allgemein kann man sagen, dass schon viel passiert ist», sagt Leemann. Anpassungen wie eine höhere Haltekante bringen denn auch nicht nur eine Verbesserung für die Rollstuhlfahrer mit sich, sondern auch für den Chauffeur oder helfende Mitreisende.


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