71-jährige Frau verunfallt in Baar mit E-Bike im Kreisel

OBERGERICHT ⋅ Wegen schwerer Unfallfolgen befindet sich eine Frau heute im Pflegeheim. Auch zweitinstanzlich wird ein involvierter Autolenker verurteilt. Er spricht von einem Selbstverschulden der Frau.
18. Juli 2017, 05:00

Der schwere Unfall hatte sich vor rund zwei Jahren auf dem Kreisel Weststrasse/Neugasse in Baar ereignet. Auf dem Kreisel stiess der damals 67-jährige BMW-Fahrer mit der damals 71-jährigen Elektro-Radfahrerin zusammen. Es regnete stark. Die Frau trug schwarze Kleider und eine Kapuze über den Kopf, aber keinen Helm, was ihr strafrechtlich nicht angelastet werden kann. Auch das Bike war schwarz. «Ich habe die Bikerin erst bei der Kollision gesehen», sagte der Beschuldigte vor dem Obergericht. «Ich war sehr schockiert, war ich doch während 45 Jahren unfallfrei gefahren. Ich bin ein defensiver Autofahrer. Den Unfall bedaure ich zutiefst.»

Er begab sich später ins Spital, schrieb zwei Briefe an die Verunfallte und traf mit ihrem Sohn zusammen. Zu Hause zündete er eine Kerze für die Frau an. Diese musste wegen eines Schädel-Hirn-Traumas ins Kantonsspital Luzern überführt werden.

«Beim Abbiegen Verkehrsregeln verletzt»

Laut dem Verteidiger befand sich die heute 73-jährige Bikerin bereits im Kreisel vor dem Automobilisten, als dieser mit maximal 20 km/h in den Kreisel fuhr. «Beim Abbiegen hat sie zahlreiche Verkehrsregeln verletzt», sagte der Anwalt. «Sie hat nicht zurückgeschaut, bevor sie abbog, sie hat kein Handzeichen gegeben und das Vertrauensprinzip verletzt.» Auch der Lenker sprach von mangelnder Aufmerksamkeit. Bei der Streifkollision gab es an der Stossstange des Autos einen Kratzer von zwölf Zentimetern. «Wenn sie ein Handzeichen gegeben hätte, hätte ich die Frau gesehen.» Seine Sicht sei zudem durch die A-Säule im Auto verdeckt gewesen: «Sie war im toten Winkel.» So forderte der Verteidiger auch vor Obergericht Freispruch von Schuld und Strafe.

Einzelrichterin Svea Anlauf hatte den Beschuldigten wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung mit 60 Tagessätzen zu 1000 Franken bedingt und einer Busse von 5000 Franken bestraft. Der leitende Staatsanwalt Cyrill Widmer forderte in der Anschlussberufung einen Tagessatz von 2000 Franken sowie eine Busse von 10 000 Franken.

«Die Radfahrerin hatte Vortritt»

«Auf der Verzweigungsfläche, auf der die Kollision stattfand, hatte die Radfahrerin Vortritt», führte der Ankläger aus. «Das allenfalls unterlassene Handzeichen hat den adäquaten Kausalzusammenhang zwischen der Sorgfaltspflichtverletzung und dem Unfall mit den fatalen Verletzungen nicht unterbrochen. Es liegt also kein Selbstverschulden der Radfahrerin vor.» Er hätte abbremsen und den Zusammenstoss sowie deren Sturz vermeiden können.

Der Anwalt der Privatklägerin wies darauf hin, dass die Frau nach dem Unfall anderthalb Jahre zu Hause von den Angehörigen und der Spitex fast rund um die Uhr betreut wurde, bevor sie sich ins Pflegeheim begab. Sie war nicht mehr fähig, sich zu waschen und anzukleiden. «Dass der Beschuldigte die Frau vor der Kollision nicht bemerkt hatte, ist allein ihm anzulasten», führte der Anwalt aus. Seine Anschuldigungen seien schlicht Ausreden. Im übrigen sei die Frau mit Licht gefahren.

«Der Lenker hätte sie wahrnehmen müssen»

Im Anschluss an die Verhandlung und Urteilsberatung eröffnete Abteilungspräsident Paul Kuhn das Urteil mündlich. Die Oberrichter wiesen die Berufung ab. «Der Lenker hätte die Frau wahrnehmen müssen», führte Oberrichter Kuhn aus. Mit genügender Aufmerksamkeit hätte er reagieren können. Dass ihm die Sicht durch die A-Säule verdeckt war, liessen die Richter nicht gelten. Die Frau sei quer durchgefahren und zumindest teilweise sichtbar gewesen. Zudem hätte er die Kopfstellung verändern können. Das objektive Verschulden sei mindestens mittelschwer. Mit viel Glück sei die Frau nicht gestorben. Aufgrund der konkreten Umstände wurde subjektiv von einem leichten Verschulden ausgegangen: «Er war einen kurzen Moment unaufmerksam.» So wurde das erstinstanzliche Urteil bestätigt, die Tagessätze aufgrund der aktuellen Angaben auf 2000 Franken erhöht und die Verbindungsbusse auf 6000 Franken. Der Automobilist will das Urteil voraussichtlich ans Bundesgericht weiterziehen. Dieses habe in einem analogen Fall zu Gunsten des Automobilisten entschieden.

 

Jürg J. Aregger

juerg.aregger@zugerzeitung.ch

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