Auch Wasser muss atmen

RISCH ⋅ Die Wasserversorgung Rotkreuz und Umgebung hat einen neuen Brunnenmeister. Ein Rundgang mit Josef Hermann entlang dem Kreislauf des wichtigsten Lebensmittels der Welt.
18. März 2017, 07:25

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Was für stille Wasser gilt, gilt auch für manche unscheinbaren Gebäude: Sie sind tief. Das Pumpwerk Berchtwil ist ein Beispiel dafür. Es steht im typischen Funktionsgrau von Elektroverteilern auf einer Wiese in Sichtweite zur Reuss. Drinnen ist es kühl, und es plätschert immerzu. Hier fliesst Grundwasser in einen rund 10 Meter tiefen Brunnen, aus Leitungen, die in 8,5 Metern Tiefe teilweise 30 Meter weit ins benachbarte Feld ragen. Das Wasser ist durch Filter lediglich von Kies und dergleichen gereinigt worden, aber es ist glasklar.

«Man kann das problemlos trinken», sagt Josef Hermann, schaltet die Lampe im Brunnen an und lässt sie an einer Kurbel weiter herunter. Hermann ist seit Jahresbeginn der Brunnenmeister der Wasserversorgung Rotkreuz und Umgebung (WGR). Allein die Bezeichnung verdeutlicht den Traditionsreichtum hinter dieser Aufgabe, bei Wikipedia steht hinter dem Begriff eine Klammer: «historischer Beruf». Im Brunnenmeisterkurs, den Hermann 2012 besuchte, habe man darüber diskutiert, ob man diese Funktion moderner benennen sollte: «Water Manager oder so», sagt der 39-jährige Familienvater aus Sins und lacht.

Die Weltwassermenge ist gleichbleibend

Wie auch immer die Bezeichnung lautet: Die Verantwortung der Brunnenmeister und ihrer Vertretungen ist gross. «Wasser ist das wichtigste Lebensmittel der Welt», sagt Hermann. Es klingt wie aus dem Schulbuch, aber er hat das verinnerlicht. Fasziniert erwähnt er, dass «die Wassermenge auf der Welt immer gleichbleibt, sich aber immer anders verteilt.» Obwohl es trinkbar ist, wird das Grundwasser vom Pumpwerk Berchtwil ins nahe gelegene Pumpwerk Reussschachen befördert, wo es für die Leitung zu Hause aufbereitet wird: Im ersten Becken wartet zum Atmen die Sauerstoffanreicherung, im zweiten wird das Wasser beruhigt und im dritten schliesslich mit Chlor versetzt – «Chlordioxid!», wirft der Brunnenmeister Hermann eilig ein, also die Verbindung aus Chlor und Sauerstoff.

Es ist ein heikles Thema, weil die Leute denken könnten, dass die Beigabe eines Chlorgemischs schädlich ist. Wer in Südeuropa oder den USA Wasser vom Hahn getrunken hat, kennt die unangenehmen Folgen. «Es ist eine Sicherheitsmassnahme, um auch die letzten möglichen Schädlinge zu eliminieren», sagt Hermann, «das Chlordioxid ist nach kurzer Zeit fast ganz abgebaut.» Es handelt sich dabei um den letzten von unerwartet zahlreichen Schritten auf dem Weg zu Wasser ohne Verunreinigungen. Da sind einerseits die Schutzzonen um die Pumpwerke, in denen die Bauern beispielsweise nicht güllen dürfen. Diese eingeschränkte Nutzung von Landwirtschaftsland sorgt für eingeschränkte Freude bei den meisten, aber die Bauern werden dafür entschädigt.

Der Brunnenmeister nimmt monatlich vier Wasserproben, dazu kommen weitere in Zusammenarbeit mit dem Lebensmittelamt. Darüber hinaus messen verschiedene Geräte permanent die Qualität des Wassers, zum Beispiel dessen Leitfähigkeit und den PH-Wert: «Je reiner, desto weniger leitfähig», erklärt Hermann. «Die Geräte sind so sensibel, dass man die Reste eines Würfelzuckers im Bodensee nachweisen könnte», sagt er.

Milchiges aus der Wasserleitung

Für den Fotografen nimmt er eine Wasserprobe aus dem Hahn im Pumpwerk, diese ist milchig. Der Fachmann lässt sich davon nicht beirren, kippt die Probe weg und lässt das Wasser etwas länger laufen, bevor er eine neue nimmt. «Das passiert, wenn sich Luftblasen in einer Leitung befinden. Das kann nach einem Leitungsbau der Fall sein oder wenn wie hier das Wasser ein paar Tage nicht gelaufen ist.» Milchiges Wasser sei ein häufiger Grund für besorgte Anrufe von Bewohnern bei der Wasserversorgung und für klärende Hausbesuche, sagt Hermann – auch das gehört zu den Brunnenmeisterpflichten.

Verschmutzungen heissen im Wasserversorger-Jargon «Störungen». Diese können auch technischer Natur sein. Tritt eine solche Störung auf, wird – verkürzt gesagt – ein Alarm ausgelöst, manche Klappen werden geschlossen und andere geöffnet sowie diese Pumpen abgeschaltet und jene angeworfen. Heutzutage passiert das alles automatisch, der Brunnenmeister kann das zu Hause am Laptop überwachen oder bei grösseren Zwischenfällen in einer Art Kommandozentrale, die unterhalb des Zentrums Dorfmatt in Rotkreuz liegt. Hier finden sich allerlei Schemata und Papiere, hinter denen sich interessante Zahlen verbergen. Das Leitungsnetz der WGR umfasst rund 90 Kilometer, das entspricht der Luftlinie der Strecke von Rotkreuz nach Biel. Und man kann Rückschlüsse ziehen auf die Verhaltensweisen der Menschen in der Gemeinde. «Am Sonntag wird am meisten Wasser zwischen 9 und 10 Uhr verbraucht, weil die Menschen länger schlafen und deshalb später duschen», nennt Hermann ein Beispiel. In der Regel wird wochentags zwischen 7 und 8 Uhr am meisten Wasser verbraucht.

Zur aktuellen Jahreszeit beläuft sich der Verbrauch durchschnittlich auf etwa 2400 Kubikmeter Wasser täglich, das entspricht 2,4 Millionen Litern. An besonders heissen Tagen, wenn die Gärten und auch der Golfplatz in Holzhäusern bewässert werden, kann der Verbrauch auf bis zu 5 Millionen Liter steigen. Dann ist die Kapazität der beiden Reservoire Bachtalen (oberhalb von Küntwil) und Schlossberg (Risch) erschöpft – theoretisch jedenfalls. Denn sobald ein bestimmtes Wasserniveau in einem der Reservoire unterschritten wird, beginnt der Kreislauf vom Pumpwerk Berchtwil über das Pumpwerk Reussschachen in die Reservoirs wieder von neuem.

Das Gute am vielen Kalk

Wenn das eigene System ausfällt, können die Rischer von einer Leitung der WWZ im Bösch Wasser beziehen. Das war im August 2005 der Fall, als die Reuss über die Ufer trat und das Pumpwerk Berchtwil überflutete. «Bis hier hin stand das Wasser», sagt Josef Hermann und zeigt auf eine Markierung neben der Eingangstür, die sich auf Kniehöhe befindet. Der Damm an der Reuss wurde danach erhöht, aber die Arbeit des Brunnenmeisters ist nicht weniger geworden in der schnell wachsenden Gemeinde.

Hermanns Vorgänger Anton Bachmann hat sie 16 Jahre lang verrichtet, er folgte auf seinen Vater. Bachmann führt die gleichnamige Sanitärfirma und ist Hermanns Chef in dessen Haupt­beruf. Jener kennt die Klagen im Kanton Zug über den Kalk im Wasser. Dieser besteht aus den Mineralien Magnesium und Kalzium, die das Wasser vom Gestein aufnimmt. Im Wert von 18 Grad französischer Härte im Rotkreuzer Wasser erkennt der Brunnenmeister zwar den zusätzlichen Reinigungsaufwand für Bad oder Kaffeemaschine, aber er stellt den Beitrag zur Gesundheit in den Vordergrund: «Der Körper braucht die Mineralien zum Leben.»

  • Luzerner Zeitung AG
  • Luzerner Zeitung AG
  • Luzerner Zeitung AG

Josef Hermann ist Brunnenmeister der Wasserversorgung Rotkreuz und Umgebung. Wir haben ihn auf einem Rundgang begleitet.


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: