Aus für goldenen Drachen und Blues

ZUG ⋅ Gleich zwei Traditionslokale in der Altstadt müssen Ende Jahr schliessen – weil Wohnungen entstehen sollen.
01. Oktober 2016, 05:00

Es kam einer kleinen kulinarischen Revolution gleich, als vor 36 Jahren in der Altstadt erstmals exotische Gerichte wie Peking-Ente oder Poulet süsssauer serviert wurden. Mit der Eröffnung des China-Restaurants Golden Dragon wurde die Internationalität der Kulinarik in der Stadt angeschoben. Die asiatische Küche wollte entdeckt werden. Bis heute ist das Restaurant für viele zu einer Institution geworden. Doch nun sind dessen Tage gezählt. In drei Monaten ist Schluss. Das «Golden Dragon» schliesst Ende Jahr seine Türen in der Unter-Altstadt 12.

Dies allerdings nicht freiwillig. «Wir hätten gerne weitergemacht, aber unser Vertrag wurde nicht mehr verlängert», sagt Jian Cheng Hu (59). Er führt das Restaurant gemeinsam mit seiner Frau Limin Hu Zhang seit 29 Jahren. Jeweils im Fünfjahresrhythmus wurde der Pachtvertrag erneuert. «Bereits als wir den noch laufenden Vertrag vor fünf Jahren wieder unterzeichnet haben, hat uns der Hauseigentümer gesagt, dass dies das letzte Mal sein werde.» Die Hus hofften jedoch, dass sich die Eigentümerschaft noch umentscheiden würde.

Kommt Kaffeekette Starbucks rein?

Doch dazu kam es nicht. Die Eigentümerschaft hat mit dem Haus und vor allem mit dem ersten Obergeschoss, in dem sich das «Golden Dragon», befindet andere Pläne. «Der Besitzer möchte aus dem Restaurant eine Wohnung machen», sagt Limin Hu Zhang. Dieser Entscheid hat auch Auswirkungen auf die Blues Brothers Bar, die sich im Erdgeschoss befindet. Denn die Gäste der Bar benutzen die Toilette des «Golden Dragon» im ersten Stock, eine andere gibt es nicht. «Der Eigentümer hat mir angeboten, dass ich bleiben kann. Ich hätte aber auf eigene Kosten eine Toilette im Erdgeschoss oder im Keller einbauen müssen», sagt Barbetreiber Ivo De Luca. Das sei für ihn nicht in Frage gekommen. «Der Einbau würde zwischen 30 000 und 50 000 Franken kosten. Eine solche Investition kann ich mir schlicht und einfach nicht leisten», bedauert der 31-jährige Familienvater. Darum wird Ende Jahr auch die Blues Brothers Bar nach elf Jahren in der Altstadt Ende 2016 ihre Türen für immer schliessen.

Seitens der Eigentümerschaft – das Haus befindet sich in der dritten Generation im Familienbesitz – bestätigt man die Pläne. «Wir werden aus dem Restaurant Wohnungen machen. Das Erdgeschoss wird weiterhin publikumsattraktiv genutzt», sagt André Bliggens­torfer, der selbst auch im Haus wohnt. Wer im Erdgeschoss einziehen wird, dazu will der Eigentümer noch nichts sagen. Man stecke mitten in den Verhandlungen. Es werde aber ein «sehr interessanter» gastronomischer Betrieb sein, sagt Bliggenstorfer einzig. Die Gerüchte, dass die Kaffeehauskette Starbucks in dem Altstadthaus eine weitere Filiale eröffnen möchte, dementiert er, räumt jedoch ein: «Das war tatsächlich mal im Gespräch, aber das ist inzwischen vom Tisch.» Zu den weiteren Gründen, weshalb er und seine Schwester sich gegen eine Verlängerung des Pachtvertrags entschieden haben, gibt sich Bliggenstorfer zurückhaltend. «Das ganze Haus soll ein neues Gesamtkonzept erhalten, und da passt ein Restaurant im ersten Stock nicht mehr rein.» Für die Hus ist hingegen klar: «Es hat sicher auch finanzielle Gründe. Wohnungen kann man wesentlich teurer vermieten als das Restaurant», sagt Limin Hu Zhang.

Suche nach neuem Lokal

Was das Ehepaar Hu im nächsten Jahr machen wird, wissen die beiden noch nicht. «Wir würden sehr gerne wieder ein Restaurant betreiben. Und auch wenn es schwierig wird, etwas zu finden, würden wir das am liebsten in der Stadt Zug tun», sagt Jian Cheng Hu. Denn die Gastronomie mache ihnen beiden nach wie vor viel Spass. «Und auch unsere Gäste wünschen sich, dass wir weitermachen.» Viele von ihnen würden die Schliessung des Lokals sehr bedauern.

Auch den Hus fällt der Abschied vom «Golden Dragon» und von der Altstadt nicht leicht. «Seit wir in der Schweiz sind, arbeiten wir in diesem Haus. Das Restaurant ist quasi unser Zuhause», sagt Limin Hu Zhang. Zudem bedauern die beiden, dass aus dem Restaurant Wohnungen werden sollen. «Für die Altstadt ist das sehr schade. Denn durch Wohnungen wird sie sicher nicht mehr belebt», ist Jian Cheng Hu überzeugt.

Dem stimmt auch Ivo De Luca zu, der wohl ab Januar ausserhalb der Gastronomiebranche arbeiten wird: «Man redet zwar davon, dass man die Altstadt beleben will, und dann so etwas. Das verstehe ich einfach nicht.»

Samantha Taylorsamantha.taylor@zugerzeitung.ch


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