Das Bründlerhaus beim Bahnhof geht auf Reisen

CHAM ⋅ Das alte Gebäude an der Luzernerstrasse 45 wird ab- und auf der anderen Seite der Bahnlinie wieder aufgebaut. Für den beauftragten Unternehmer ist dies eine nicht alltägliche Arbeit.

28. September 2016, 05:00

Rahel Hug

Mit Plastik verpackt und einem Gerüst versehen steht es da – das Bründlerhaus an der Luzernerstrasse 45 macht derzeit einen tris­ten Eindruck. Richtiggehend nackt wirkt das Gebäude beim Bahnhof Cham, dessen dunkle Holzverkleidung und kunstvoll verzierte, leuchtend rot gestrichenen Fenster demontiert werden. Das Gebäude, das seinen Namen übrigens von einem Bahnangestellten hat, der einst darin wohnte, wird jedoch nicht aus Cham verschwinden. Was 2014 erst eine Idee des damaligen Bauchefs Charles Meyer war, wird nun, nach einer langen und komplexen Planungsphase, umgesetzt: Das Haus wird abgebaut und auf der anderen Seite der Bahnlinie auf dem privaten Täubmatt-Grundstück wieder errichtet.

Seit einigen Monaten liegt die Baubewilligung vor. Die Arbeiten für die Demontage laufen seit rund zwei Wochen. «Jene Teile, die wieder verwendet werden können, zum Beispiel die Aussentreppe, der Balkon oder die Dachelemente, sind nun beim Holzbauer und werden restauriert», erklärt ­Alice Funk. Sie und ihr Mann Michael Funk sind Grundeigentümer der beiden Liegenschaften und wohnen in der 1934/35 erbauten Villa Solitude in der Täubmatt am See.

Fundament wird neu gemauert

Die Villa wird bald die Gesellschaft des schmucken Bründlerhauses erhalten. Am neuen Standort wird zuerst das Fundament gemauert, bevor der Holzbauer den oberen Teil des Hauses erstellen kann. Bei diesen Arbeiten werden dann ausschliesslich neue Materialien verwendet, wie Funk informiert: «Ein grosser Teil der Holzkonstruktion im Innern war morsch und muss ersetzt werden.» Es handle sich beim Projekt deshalb nicht um eine klassische Hausverschiebung, sondern eher um einen Ab- und Neubau. Auf das äussere Erscheinungsbild hat dies jedoch keinen Einfluss. «Das Bründlerhaus wird genau so aussehen wie früher, einzig die Erker werden fehlen.» Auf diese verzichte man, weil im Dachstock keine Wohnnutzung vorgesehen sei und deshalb die zusätzlichen Fenster nicht nötig seien.

Geht alles nach Plan, wird laut Alice Funk im November die Aufrichte stattfinden, bevor im Dezember die Dachdeckerarbeiten auf dem Programm stehen. «Wir hoffen, dass wir bis Weihnachten fertig sind und dann mit dem Innenausbau starten können», sagt die Grundeigentümerin. Ziel sei, das Haus an Ostern beziehen zu können. Michael und Alice Funk möchten das ehemalige Angestelltengebäude als Familien- und Gästehaus nutzen. Wie teuer das Projekt ist, kann Alice Funk nicht genau sagen. Die Kosten würden sich «ungefähr im mittleren sechsstelligen Bereich» bewegen.

Ausgeführt werden die Arbeiten vom Baarer Unternehmen Abt Holzbau AG. «Es ist ein nicht alltäglicher Auftrag», sagt Geschäftsführer Daniel Abt. Die Restaurierung der alten Elemente wie etwa des Fensterfutters sei eine Herausforderung. «Im Innern hingegen wird ein ganz neuer Holzelementbau erstellt. Das ist ein spezielles Vorgehen», erklärt Abt. Die Demontagearbeiten sind laut dem Experten nun abgeschlossen. «Nächste Woche beginnen die Arbeiten für den Holzelementbau.»

Verzögerung bei anderem Projekt

Bei einem zweiten Projekt des Ehepaars Funk kam es aufgrund einer Beschwerde zu Verzögerungen. Bekanntlich ist am aktuellen Standort des Bründlerhauses ein Neubau geplant. Wegen «mangelnder architektonischer Eingliederung» wurde das im Oktober 2014 bewilligte Baugesuch schliesslich im Sommer 2015 aufgehoben (Ausgabe vom 2. September 2015). Inzwischen hat die Bauherrschaft ein neues Projekt für ein Mehrfamilienhaus ausgearbeitet. Im Juli hat eine Jury das Siegerprojekt aus einem Architekturwettbewerb bestimmt. «Das neue Gebäude kommt kompakter daher als das ursprünglich geplante», sagt Alice Funk. Sie sei nun guter Dinge, da in der Jury auch die Denkmalpflege vertreten gewesen sei. Das Baugesuch für den Neubau soll gemäss Funk «so bald wie möglich» eingereicht werden: «Die Planung ist bereits weit fortgeschritten.» Die Bauarbeiten sind für das Jahr 2017 vorgesehen.

Unterschutzstellung der Villa war nötig

Der Abbruch und Neubau des Bründlerhauses sowie das Projekt des Mehrfamilienhauses sind zwei voneinander unabhängige Projekte. Beide haben jedoch eine lange Vorgeschichte. Um eine «Verschiebung» überhaupt möglich zu machen, war eine Unterschutzstellung der Villa am See nötig. Dieser Schritt geschah im Sommer 2015. Das Bründlerhaus selber stand früher einmal unter Schutz, heute jedoch nicht mehr. Es wurde vermutlich zwischen 1850 und 1870 erbaut und diente früher zur Lagerung von Heu und landwirtschaftlichen Geräten. 1907 wurde es um eine Wohnung im ersten Stock und einen Dachaufbau ergänzt. Vor einigen Jahren haben Alice und Michael Funk das Gebäude renovieren lassen.


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