Das Kolingeviert ist älter als angenommen

ZUG ⋅ Bei der Sanierung der historischen Gebäude sind mittelalterliche Bauteile zum Vorschein gekommen. Diese unerwartete Entdeckung dürfte gar Einfluss auf die dokumentierte Geschichte der Stadtentwicklung haben.

01. Oktober 2016, 05:00

Das so genannte Kolingeviert im Herzen Zugs verleiht dem dortigen Stadtbild einen starken Akzent. Selbstredend, dass jede bauliche Veränderung mit hoher Sensibilität angegangen werden will, damit das historische Erscheinungsbild nicht beeinträchtigt wird. Bekanntlich ist die Liegenschaft «Zum Pfauen» als Teil dieses geschichtsträchtigen Häuserensembles Ende 1999 einem Brand zum Opfer gefallen.

Über Jahre hinweg erinnerte nur noch eine klaffende Baulücke an das einstige Gebäude. Im März 2015 stimmten die Zuger einem Neubau zu, der sich optisch in das Ensemble einfügt und historische Formen zitiert. Im Zuge dessen werden die benachbarten Häuser saniert. Im Frühjahr 2016 begannen die Bauarbeiten – die Gebäude sollten in ihren ursprünglichen Zustand zurückgebaut werden. Dabei kam Überraschendes zutage: Als man in den Räumen die Holzverkleidungen jüngeren Datums entfernte, stiess man auf Bausubstanz, die aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert stammen muss.

Relikte aus dem Mittelalter

Die Archäologen setzen die Entstehungszeit dieser Gebäudeteile nach einer ersten Begutachtung um 1440 fest. Wahrlich eine Überraschung, denn «bislang wurde das Alter des Gebäudeensembles einzig aufgrund seines äusseren Erscheinungsbildes geschätzt», sagt Paul Knüsel, Leiter Hochbau der Stadt Zug. «Man ist demzufolge davon ausgegangen, dass die Häuser aus dem 17. Jahrhundert stammen.» Niemand hätte erwartet, dass die Bebauung an dieser Stelle mittelalterlich ist.

Entdeckt wurde unter anderem eine Wand in Bohlenständerbauweise. «Diese Bauart fand bis ins 16. Jahrhundert Anwendung, danach nicht mehr», weiss Knüsel. Somit lasse sich bereits anhand dieser Erkenntnis sagen, dass die heutige Bebauung dieses Grundstückes nicht erst im 17. Jahrhundert entstanden ist.

Zwischen den Balken über besagter Wand wurden zudem Objekte wie Münzen gefunden, deren Datierungen ebenfalls Aufschluss über die Geschichte des Kolingevierts geben. Auch weitere Bauelemente wie historische Wandbespannungen (Tapeten) oder eine Tür mit typischem Kielbogen der Spätgotik zeugen vom hohen Alter des Gebäudekerns.

Besiedlung ausserhalb der Stadtmauer

Diese unerwartete Entdeckung ist nicht einfach nur interessant für die Archäologie, sondern dürfte womöglich gewisse Anpassungen in der Zuger Geschichtsschreibung nach sich ziehen. Paul Knüsel: «Da diese Gebäude nicht wie angenommen im 17. Jahrhundert entstanden sind, sondern viel früher, so können wir davon ausgehen, dass es einst unmittelbar vor der Stadtmauer bereits eine Besiedlung gegeben hat.» Denn erst ab 1478 liess die Stadt parallel zum Bau der Oswaldkirche ihr Gebiet bis über den heutigen Kolinplatz hinaus erweitern und die neue, halbkreisförmige Stadtbefestigung anlegen, von der noch heute grosse Teile vorhanden sind. Folglich werden die Historiker die bisherige Stadtgeschichte an einigen Stellen überarbeiten müssen, je nachdem, was die genaueren Untersuchungen ergeben. Diese werden derzeit derzeit von der archäologischen Abteilung des Amts für Denkmalpflege und Archäologie vorgenommen.

Hinweis

Mehr Infos finden Sie unter www.zg.ch/behoerden/direktion-des-innern/amt-fuer-denkmalpflege-und-archaeologie.

Andreas Fässlerandreas.faessler@zugerzeitung.ch


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