Die Füsse haben ihn weit getragen

JAKOBSWEG ⋅ Martin Gadient, ehemaliger Gemeindeleiter von Menzingen und Neuheim, hat seinen Lebenstraum verwirklicht und spricht nun darüber.
18. März 2017, 08:03

Julian Koller

redaktion@zugerzeitung.ch

 

Am 11. August 2016 machte sich Martin Gadient von Menzingen auf den Weg zur Kathedrale Santiago de Compostela in Spanien. Eine Destination, die er mit zig Millionen anderen Pilgern im Laufe des letzten Jahrtausends teilte. Mit vollgepacktem Rucksack begann seine Reise direkt auf der eigenen Türschwelle und sollte erst 96 Tage und gut 2220 Kilometer später enden. Dieses ambitionierte Projekt, so möchte man meinen, bietet Stoff für eine Reisenovelle.

Und tatsächlich wirkte der Heimkehrer, als sei er direkt einem Abenteuerroman entsprungen. Braungebrannt, gewohnt bärtig und voller Elan ­berichtete Martin Gadient am vergangenen Donnerstag im Altersheim Maria vom Berg in Menzingen noch in den gleichen Wanderschuhen, in denen er die Strecke zurückgelegt hat, von seinen Begegnungen und Erlebnissen auf der langen Reise.

Umkehren war undenkbar

Zu erklären, was ihn auf die Idee zu seiner Pilgerreise gebracht hat, fiel Gadient nicht schwer. «Der Weg ist mein Lebensthema. Und der Jakobsweg war mein ­Lebenstraum», sagte er. Die Pension sah er als Chance, die es wahrzunehmen gilt. Allein die Strecke nach Genf nahm mit rund sieben Stunden Marsch pro Tag gut zwei Wochen in Anspruch. «Es gilt, seinen eigenen Rhythmus zu finden. Wenn man den einmal hat, dann kann man fast endlos weitergehen», erklärte er. «Und wenn ich fast keine Kraft mehr hatte, dann dachte ich manchmal daran, dass ich ja schlecht abbrechen kann, weil ich den Leuten zu Hause bei meiner Abreise ja schon einen grossen Vortrag über den Weg versprochen hatte», fügte er augenzwinkernd hinzu.

Allgemein sind Gadient das Umkehren und Aufgeben zuwider. Wenn er sich einmal ver­laufen habe, so sei er nie den ­gleichen Weg zurückgegangen, sondern sei notfalls auch querfeldein durch das Gelände gestakst. So halte er es nicht nur auf Wanderungen, sondern auch im Leben generell, «und bislang hat es noch immer funktioniert».

Einer symbolischen Last entledigt

Bei manchen besonders eindrücklichen Bildern der Reise, wie der Kathedrale von Léon, ging ein andächtiges Raunen durch die Zuschauermenge. Das wohl eindrücklichste von allen scheint auf den ersten Blick allerdings eher unscheinbar. Ein ­kleiner Hügel in der Landschaft mit Christuskreuz obendrauf, etwa 150 Kilometer vor dem Reiseziel. An dieser Stelle deponierte Gadient in alter Pilgertradition einen Stein, den er den ganzen Weg von Menzingen dabeihatte, obwohl er schon früh lernen musste, jedwedes unnötige Gewicht aus dem schweren Rucksack loszuwerden. Es handelt sich bei dem Stein um eine symbolische Bürde, die den Träger an der Verbindung zu Gott hindert. Inzwischen ist dieser Hügel über fünf Meter hoch. «Und dann steht man auf diesem Platz, schaut sich um, macht vielleicht ein Foto. Und plötzlich wird einem bewusst, wie viele Reisende aus aller Welt genau hier an dieser Stelle so viel Glück gefunden hatten – und das ist ein wunderbares Gefühl», versucht Gadient sein Empfinden in Worte zu fassen.

Seine Füsse mögen zwar noch müde sein, aber im Geiste, so erwähnte er abschliessend noch, denke er schon über das nächste Projekt nach.


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