Ein hochmoderner Oldtimer

ZUG/LUZERN ⋅ Walter Fassbind hat seinen alten Benziner zum Elektromobil umgebaut. Doch das ist noch nicht alles – der amerikanische Pick-up kann jetzt noch mehr.
19. Juli 2015, 05:00

Dieser Mann hat viele Seiten, und alle passen irgendwie zusammen. Walter Fassbind ist in Zug der «Stadtökologe» und in Luzern der «Musegg-Bauer». Der 48-Jährige leitet in Zug die Abteilung Umwelt und Energie innerhalb des Departements Sicherheit, Umwelt und Soziales (SUS). Erst vor kurzem hat er den Zugern sein soeben zugelassenes Elektromobil präsentiert, das weit mehr ist als ein gewöhnliches Elektroauto.

Spezieller Hof in Luzern

In Luzern bewohnt Walter Fassbind zusammen mit seiner Frau Pia einen stadtbekannten Bauernhof, gerade mal zehn Minuten vom Bahnhof entfernt. Doch die beiden bewohnen den Hof – bekannt unter dem Namen Hinter Musegg – nicht nur, sondern sie führen ihn auch im Auftrag der Stiftung Kultur- und Lebensraum Musegg.

«Meine Frau und ich haben uns im Jahr 2000 bei der Stadt Luzern für den Hof bei den Musegg-Türmen beworben», erzählt der gebürtige Schwyzer. «Acht Jahre lang bewirtschafteten wir das zwei Hektar grosse Areal, dann gingen wir auf die Stadt Luzern zu mit der Frage: Wie weiter? Das alte Haus war faul und grau – der Hof war sanierungsbedürftig», blickt der Naturfreund zurück.

Weil die Stadt sich zu Investitionen nicht in der Lage sah, kamen Pia und Walter Fassbind auf die Idee, eine Stiftung zu gründen, um den Hof langfristig zu sichern. Immerhin besitzt Hinter Musegg eine 400-jährige Geschichte und stellt eine Art Luzerner Kulturgut dar: Kinder haben Freude an den schottischen Hochlandrindern, den Alpakas, den Zwergziegen, Säuli und Hühnern. In der Besenbeiz gibt es Bioprodukte und selbst gebrautes Bier. Zudem soll die grosse Scheune zukünftig kulturell genutzt werden.

Umbau von Haus und Auto

Im März 2013 wurde schliesslich die Stiftung Kultur- und Lebensraum Musegg gegründet – mit dem Ziel, Scheune und Wohnhaus baulich zu erneuern und in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ökologisch und ökonomisch effizient zu betreiben. «Wir wollten ein innovatives Energiekonzept», sagt Walter Fassbind. Schlussendlich darf man das Konzept, das der Ingenieur für Energie- und Umwelttechnik rund um Haus und Auto entworfen hat, aber wohl fast revolutionär nennen. Weshalb die Fassbinds seit einigen Wochen auch immer wieder interessierte Besucher über ihre Liegenschaft führen: Nicht um die Alpakas zu zeigen, sondern um ein hochmodernes Energiekonzept zu erklären, in dem auch ein Oldtimer eine Hauptrolle spielt, der zum Elektromobil umgebaut wurde.

Zwei Jahre hat der Umbau der Liegenschaft gedauert, zwei Jahre auch der Umbau des Oldtimers. Diesen Januar wurde das Hausdach fertiggestellt: Es ist nun vollständig mit Fotovoltaikpaneelen gedeckt. Walter Fassbinds Pick-up aus dem Jahre 1957 wurde am 26. Juni offiziell als Elektromobil zugelassen. Nun ist ein Fotovoltaikdach heutzutage keine Sensation mehr. Ein zum Elektromobil umgebauter amerikanischer Pick-up schon eher. Diese beiden Dinge elegant und umweltschonend zu verknüpfen, hat bislang aber wohl nur Walter Fassbind geschafft.

Ein ausgeklügeltes System

Er kenne weltweit kein einziges Projekt, bei dem ein Elektromobil als Solarstromspeicher genutzt werde, beteuert der Zuger Stadtökologe, der die ­spezielle Verknüpfung von Auto und Haus auch auf der Homepage zu seinem Wohnsitz Hinter Musegg erklärt: «Der Strombedarf im Gebäude wird so weit als möglich mit Solarstrom vom eigenen Dach gedeckt. Der Produktionsüberschuss wird im Elektromobil zwischengespeichert und abends bedarfsgerecht wieder ins Gebäude eingespeist.» Will heissen: Der auf dem Dach produzierte Solarstrom fliesst zuerst ins Haus, überschüssige Energie sodann in den Autospeicher. Was übrig bleibt, kommt ins Netz. Abends kann im Haus Strom vom Auto bezogen werden. Strom vom Netz müssen die Fassbinds nur beziehen, sollte der Speicher des Autos leer sein.

«Unser Dach produziert Strom für rund 30 Haushalte», freut sich der Umweltingenieur. In seine Garage hat er eine Steuerung eingebaut, eine Art Managementsystem, um die Haustechnik mit dem Auto zu verbinden. Dieses Können schüttelt der 48-Jährige nicht einfach so aus dem Ärmel: «Vor etlichen Jahren habe ich für die Industrie Steuer- und Leitsysteme gebaut. Ich kenne daher die technischen Möglichkeiten, habe diese für den Umbau des Autos und bei der Haustechnik genutzt.» Beim Umbau des Pick-ups sei es für ihn als Ingenieur nicht allzu schwer gewesen, den Benzinmotor durch einen Elektromotor zu ersetzen. «Die Herausforderung war, nicht einfach ein Elektromobil zu erschaffen, sondern daraus auch noch einen Speicher für Solarstrom zu bauen.»

Salopp gesagt hat Walter Fassbind nun eine Steckdose am Auto, an die er das ganze Haus anschliessen kann. Der kreative Musegg-Bauer merkt gut gelaunt an: «Das geht nur, weil Strom und Spannung des Pick-ups zur ­Schnittstelle im Haus passen.» Speziell ist natürlich: Walter Fassbind hat für sein Elektromobil nicht nur ein Ladekabel, sondern auch ein Entladekabel.

Und nun – möchte der geniale Ingenieur ein Patent anmelden auf seine Kreation? «Nein», erklärt der Umweltexperte mit einem Schmunzeln: «Ich möchte zeigen, dass es heute möglich ist, ein Auto als Solarstromspeicher zu nutzen und damit die Netzbelastung zu senken und den Eigenversorgungsgrad mit Strom zu erhöhen.» Mit seinem System sei er fast unabhängig vom Netz. «Dank des Pick-ups kann ich die Liegenschaft mehrere Nächte mit Strom versorgen.»

Ein Pick-up wird verschifft

Der Pick-up mit dem Baujahr 1957, der ist eine eigene Geschichte wert. «Ich bin der zweite Besitzer dieses Autos», erklärt Walter Fassbind und hat die Freude des Fahrers im Gesicht. Im Herbst 1989 habe er den Chevrolet Task Force 3100 gekauft, in San Pedro, Los Angeles. Der erste Besitzer sei im Sommer 1989 mit 91 Jahren gestorben und habe den Pick-up bis zuletzt gefahren. «Damals war der Pick-up weiss», blickt Walter Fassbind zurück. «Ich bin nach dem Kauf von Küste zu Küste mit ihm gefahren, von Kalifornien nach Florida – das war die Verwirklichung eines kleinen Traums.» Mit seinen letzten 1000 Dollar habe er das gute Stück verschifft, zwei Wochen später habe er den Oldtimer in Rotterdam abholen können.

Heute steht der Pick-up wieder in seiner Ursprungsfarbe da: in Granitgrau. Sein «zweiter Besitzer» hat das Fahrzeug eigenhändig von Grund auf neu aufgebaut und dann lackieren lassen: «In 22 Jahren bin ich dreimal gezügelt, mit dem Pick-up in Einzelteilen.» Beim Umbau zum Elektromobil hat der Ingenieur einen V8-Motor entsorgt, einen Kühler, eine Auspuffanlage, einen Tank: «350 Kilo Material kamen raus.» Und 450 Kilo kamen rein – das Akkupaket mit dem Wechselstrommotor vorne und die Steuerung. Trotz des grossen Akkupakets sei das Auto nicht zu schwer geworden, so der glückliche Konstrukteur. «Mit 1800 Kilo ist es leicht genug, um mit vollem Akku 250 Kilometer weit zu fahren.»

Walter Fassbind lächelt, mit Blick auf seinen Pick-up, der lange vor den Zeiten der Hightech-Mobilität vom Fliessband lief: «Er ist ein einzigartiges Fahrzeug. Obwohl so alt, ist er eigentlich das modernste Auto, das derzeit gefahren wird.» Und natürlich freut sich der Zuger Stadtökologe und Luzerner Musegg-Bauer auch über seinen Pionierstatus: «Im Grunde redet man schon länger davon, die Elektromobilität zu nutzen, um erneuerbaren Strom zu speichern. Doch direkt realisiert hatte das bislang noch niemand.»

Susanne Holz

 


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