Fall Alain: Schläger wurden verurteilt

ZUG ⋅ Gestern hat das Jugendgericht das Urteil im Falle der drei minderjährigen Schläger verkündet. Es folgt nicht der Jugendanwaltschaft und spricht Gefängnisstrafen unterhalb eines Jahres aus. Das Verfahren geht möglicherweise weiter.

05. Oktober 2016, 08:46

Die gestrige Urteilsverkündung im Verfahren gegen drei Schläger vor dem Jugendgericht hätte sich perfekt als Stoff für eine interessante Fallpräsentation in einem juristischen Seminar geeignet. Marc Siegwart, der Vorsitzende des Gerichts, redet nach der Verkündung des Urteilsspruchs durch die Gerichtsschreiberin nicht nur über das Verfahren und die Urteilsfindung. Vielmehr nutzt er die Gelegenheit, um die Anwesenden darüber aufzuklären, worauf das Richtergremium in diesem Verfahren, das wiederholt durch die Medien neu befeuert worden ist, geachtet hat.

Er sagt: «Das Wichtigste und Schwierigste ist die Feststellung des Tatbestandes. Wir müssen belegen können, wie sich etwas zugetragen hat. Dabei müssen wir darauf achten, dass an die Beweismittel strenge Anforderungen zu stellen sind.» Und das sei gerade bei einem Verfahren wie diesem, von Siegwart als «dynamischer Prozess» bezeichnet, sehr schwierig, weil «es unmöglich ist, den Tatbestand bis ins kleinste Detail nachzeichnen zu können». Wohl seien bei der Untersuchung fast 40 Personen von der Polizei zu 70 Einvernahmen aufgeboten worden.

Von der Qualität von Zeugenaussagen

Doch Marc Siegwart räumt ein, dass von diesem Material «fünf Zeugenaussagen brauchbar waren». Damit will er, wie er betont, die anderen Beiträge zur Erhellung des Tatbestandes nicht entwerten. Vielmehr sagt er, dass es gemeinhin für die Verwertung von Zeugenaussagen von den Befragten eine «gewisse Reife» brauche. Dabei lobt er gleichzeitig die Courage, die einige Anwesende an dem tragischen Abend im September 2015 an den Tag gelegt haben. Sie hätten deeskalierend gewirkt.

Doch Siegwart ist sichtlich bemüht, nicht den Anschein zu erwecken, als habe das Gremium ein mildes Urteil gefällt, indem er sagt: «Wir sind uns sicher, dass die beiden 17-Jährigen auf das Opfer eingeschlagen und eingekickt haben.» Und diese Tritte müssen «hart wie beim Fussball gewesen sein». Dies zeige sich auch darin, dass es gewisse Beobachter «mit der Angst zu tun bekommen» hätten. Und Siegwart fügt dann etwas an, was bis jetzt eher unbeachtet geblieben ist: «Diverse Zeugen sagen, dass auch das Opfer geschubst und geschlagen habe.» Oder anders ausgedrückt: «Das Opfer ist nicht passiv gewesen, sondern hat sich gewehrt.»

Deshalb ist für Marc Siegwart bei der Urteilsbegründung erwiesen: «Es handelt sich um einen klassischen Raufhandel.» Dabei bemerkt der urteilende Richter, dass sich dieser aus einer auf den ersten Blick harmlosen Schubserei entwickelt hat. Dabei sei es «unwesentlich», wie viele Schläge und Tritte letztendlich von den Tatbeteiligten drei minderjährigen Jugendlichen vollführt worden seien.

Verhalten ist «flatterhaft» und «unkonstant»

Die Tathandlung des einen 17-Jährigen beschreibt Siegwart «Menschen verachtend». Dabei vermisse er die «Einsicht». Zudem habe er sich im Verfahren «flatterhaft» verhalten und «unkonstant» ausgesagt. Die gleiche Feststellung gälte auch für seinen gleichaltrigen Kollegen. Und ein solches Verhalten diene nicht für die persönliche Entlastung. Immerhin räumt Siegwart eine «mediale Vorverurteilung» für die drei Jugendlichen ein. Dies sorge für eine Strafreduktion von einem Monat.

Schliesslich werden die beiden 17-Jährigen mit einer Gefängnisstrafe von 11 respektive 10 Monaten bedacht. Diese ist unbedingt. Der heute 16-Jährige erhält wegen seines minderen Beitrags eine Strafe von 2 Monaten bedingt, aber auch er ist wegen Raufhandels verurteilt. Dabei ist zu beachten, dass die Strafen erst vollzogen werden, wenn die zusätzlich angeordneten Massnahmen zu keinem Erfolg führen. Zudem müssen die drei Jugendlichen ihren Beitrag an die Gerichtskosten leisten. Beim Jüngsten ist dieser auf einen Drittel reduziert worden. Den Rest übernimmt der Staat.

Kommen die gestern verurteilten Jugendlichen zu einem Vermögen, müssen sie zudem noch die Kosten für die amtlichen Verteidiger dem Staat zurückerstatten. Diese betragen insgesamt rund 100 000 Franken. Hinzu kommt noch die Begleichung der Entschädigung für den Privatkläger. Es handelt sich dabei um den Vater des Opfers. Dieser hat auch die Urteilsbegründung mitverfolgt. Und dabei äusserlich – wie schon im ganzen Strafprozess – eine ruhige Haltung an den Tag gelegt. «Die Teilnahme an dem Prozess war mir sehr wichtig und hat mir etwas gebracht», sagte er nach der Urteilsverkündung.

Ruhe oder ein erneuter Prozess

Am Schluss der Urteilsbegründung hat Richter Siegwart gesagt: «Sie sind jung und haben die Zukunft noch vor sich, machen Sie das Beste daraus.» Derweil will Jugendanwalt Rolf Meier über das weitere Vorgehen entscheiden, wenn das schriftliche Urteil vorliegt: «Ich bin der Meinung, dass die ‹besondere Skrupellosigkeit› gegeben ist.» Dies unter dem Aspekt, dass es nur wenige solche Fälle gäbe.

Ob die Verurteilten das Verdikt des Jugendgerichts akzeptieren, ist noch unbekannt. Gleich nach der Verhandlung sind sie in alle Winde zerstoben.

Im September 2015 griffen drei Jugendliche den 21-jährigen Alain an, der sich dabei schwer verletzte. Tragisch dabei: Der junge Mann nahm sich vier Tage nach dieser Auseinandersetzung das Leben. Die Jugendlichen standen nun vor Gericht. (Tele1, )

Marco Morosoli

Im September 2015 griffen drei Jugendliche den 21-jährigen Alain an, der sich dabei schwer verletzte. Tragisch dabei: Der junge Mann nahm sich vier Tage nach dieser Auseinandersetzung das Leben. Die Jugendlichen standen nun vor Gericht. (Tele1, )




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