Virginia Koepfli sorgt mit BH-Verbrennung für Schlagzeilen

POLITIK ⋅ Mit 22 Jahren hat sie bereits eine steile Politkarriere hinter sich: Virginia Koepfli aus Hünenberg steht für die Rechte der Frauen ein – und sorgte mit einer BH-Verbrennung für Schlagzeilen.
16. April 2017, 15:09

Interview: Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

Virginia Koepfli gehört zu den Organisatorinnen des Frauenmarsches im März in Zürich, an welchem über 10'000 Personen teilgenommen haben. Die 22-Jährige hat mit 16 Jahren die Zuger Juso gegründet und bezeichnet sich als eine der derzeit aktivsten jungen Feministinnen der Schweiz.

Virginia Koepfli, andere 16-Jährige gehen in ihrer Freizeit ins Jugendzentrum oder an einen EVZ-Match. Sie haben eine Jungpartei gegründet. Wie kam es dazu?

Die Ungerechtigkeit in dieser Welt war für mich schon immer sehr stossend, und ich wollte etwas dagegen machen. In der Schule in Immensee hatte ich gute Lehrer. Sie haben bei mir die Leidenschaft für Politik entfacht.

Haben Sie sich von Anfang an als Feministin bezeichnet?

Nein, im Gegenteil. Anfangs, als ich in die Politik einstieg, fand ich Feminismus nicht sehr attraktiv. Doch nachdem ich einen sexuellen Übergriff erleben musste, wurde ich zur Feministin. Dies hat mich stärker politisiert, als mich sonst je etwas anderes politisiert hat.

Wo stehen wir Ihrer Meinung nach im Frauenkampf?

Durch den Rechtsrutsch der letzten Wahlen sind wir in einem Backlash – einem Rückschlag. Das ist nicht nur in der Schweiz so, sondern auch in vielen anderen Teilen der westlichen Welt. US-Präsident Trump ist Ausdruck dieses Backlashs. Auch hier werden die Rechte der Frauen angegriffen. Beispielsweise die Frage, ob eine Frau überhaupt ein Studium machen soll, da sie mit grosser Wahrscheinlichkeit später trotzdem zu den Kindern schauen wird. Auch wird in der Familienpolitik gespart, wie etwa beim Mittagstisch. Man geht wieder zurück zum klassischen Rollenbild. Solche Tendenzen finde ich gefährlich.

Was sollte der Frauenmarsch bewirken?

Der «Womens-March» sollte zum Ausdruck bringen, dass man sich von dieser Tendenz befreien soll. Ich bin sehr hoffnungsvoll, auch wenn ich sehe, wie viele feministische Akteure es in der Schweiz gibt und wie stark sie sind. Es geht nicht nur um Frauenrechte, sondern auch um die Rechte von Personen, die von den Normen abweichen, wie beispielsweise schwule, lesbische, bisexuelle oder transgender Personen.

Noch fast mehr als der Marsch hat das Bild ausgelöst, mit welchem Sie für den Anlass geworben haben. Es zeigt Sie mit vier Kolleginnen oben ohne, wie sie BHs verbrennen. Es folgte eine Empörungswelle in den sozialen Medien. Ist BH-Verbrennen Feminismus?

Es gibt unterschiedliche Arten, Feminismus zu leben. Es gibt nicht richtig oder falsch. Wenn sich etwas für eine Frau befreiend anfühlt, dann ist das ihr Feminismus. BHs verbrannte man ja schon früher – der BH als Symbol des Korsetts der Gesellschaft. Das heisst nicht, dass der BH das Antifeministischste ist, was es je gab. Aber er ist zur Norm geworden, und sich von solchen Normen zu befreien, ist für uns ein feministisches Zeichen.

Wenn wir schon auf der Ebene des BHs sind: Lassen Sie denn auch Ihre Achselhaare oder Beinhaare spriessen?

Nein, das mache ich nicht. Aber ich finde es wichtig, solche Sachen zu diskutieren und sich bewusst zu sein, weshalb man sich für oder gegen etwas entscheidet. Feminismus ist etwas sehr Intimes. Weil es darum geht, wie ich mein Leben führe. Jeder muss selber entscheiden, wie er leben will. Nur per se gegen etwas zu sein, weil es eine Norm ist, macht für mich keinen Sinn.

Beispielsweise aus Protest die Achselhaare wachsen lassen.

Genau. Wenn es für mich so stimmt und ich es mir überlegt habe, kann ich gerne die Haare wachsen lassen oder auch nicht. Aber die meisten Menschen konfrontieren sich gar nicht damit, sondern halten sich an den Rahmen, den die Gesellschaft vorgibt.

Zurück zum BH-Bild: Haben Sie mit einer solch heftigen Reaktion gerechnet?

Nein. Wir wollten einfach mobilisieren. Uns war zwar klar, dass es Hass-Kommentare geben wird, denn wir Frauen auf dem Bild entsprechen nicht der Norm. Nicht nur von den Körpermassen. Eine von uns ist eine Transfrau. Genau, weil wir nicht dem Idealbild entsprechen, fielen die Reaktionen so heftig aus. Dies zeigt, wie verzehrt und widersprüchlich die Logik hinter unseren Normen ist. Die Gesellschaft ist breiter als diese Normen, und trotzdem messen wir uns dran. Diesen Widerspruch haben wir aufgezeigt und damit unser Ziel erreicht.

Provokation als Mittel zum Zweck?

Ja, so sehe ich auch die Rolle der Juso. Dass wir etwas machen, das provoziert, aber schlussendlich etwas auslöst.

Das war aber etwas zu viel Reaktion?

Mein Problem bei der Diskussion um das Foto ist, dass sie sehr fest von Seiten der Kommentatoren geführt wurde, die Hass verbreiteten. Den Betroffenen, wie mir, wird der Raum weggenommen und gesagt «ihr seid selber schuld», anstatt dass man Opfern von Hass-Kommentaren den Raum zum Handeln und Reagieren gibt. Denn wenn Menschen etwas nicht mehr schreiben, weil sie Angst vor solchen Kommentaren haben, leidet und zensiert sich unsere Demokratie. Das finde ich ziemlich gefährlich.

Bereuen Sie das Bild?

Nein.

Gibt es etwas im feministischen Kampf, wofür Sie sich speziell einsetzen?

Wir brauchen eine Bildung, die Normen hinterfragt. Über Bildung kann man eine Gesellschaft stark verändern und deshalb finde ich, muss man dort ansetzen, um aus Korsetts auszubrechen.

Für Sie ist Feminismus nicht nur der Kampf der Frauen?

Feminismus heisst für mich, dass man die Unterdrückung und Marginalisierung von Gruppen aufhebt. Und Machtstrukturen in Frage stellen. Eigentlich ist es eine Befreiungsbewegung gegen Privilegien.

Was verstehen Sie unter Privilegien?

Die Privilegien sind der schwierige Teil. Es geht darum, welche Vor- oder Nachteile man in der Gesellschaft hat, ohne etwas dafür gemacht zu haben, alleine auf Grund des Geschlechtes, der Hautfarbe oder eines anderen Faktors. Will beispielsweise ein Mann Feminist sein, muss er sich seiner Privilegien bewusst sein. Zum Beispiel, dass er nachts, wenn er nach Hause geht, nicht überlegen muss, ob der Weg beleuchtet ist oder nicht.

Auf Ihrer Facebook-Seite hat es einen EVZ-Post. Gibt es noch eine andere Virginia Koepfli, eine ausserhalb der Politik?

(Lacht) Nein, ausser Politik hat in meinem Leben eigentlich nicht viel anderes Platz. Ich sage immer «mein Studium ist mein Hobby». Ich geniesse es, mich in Theorie-Unterlagen zur Islamwissenschaft und Geschichte einzugraben. Doch als Zugerin bin ich schon auch ein EVZ-Fan.


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