Flüchtlinge lernen Rechnen und Busfahren

ASYL ⋅ Seit Mitte Oktober wird in der Stadt Zug die Integrationsklasse für Flüchtlingskinder geführt. Ein Blick in den Unterricht zeigt, dass vieles gar nicht so anders ist als an anderen Schulen – und doch gibt es entscheidende Unterschiede.

27. November 2016, 05:00

«Guten Morgen, Frau Blattmann», tönt es im Eingang der Schule an der Baarer­strasse 120. Hände werden geschüttelt, Jacken aufgehängt, Finken übergestreift. Die Schnappverschlüsse der Schultaschen klicken, aufgeregtes Lachen ist zu hören, und dann beruhigt sich alles. Beatrice Blattmann Endres und die Kinder treffen sich im Kreis auf Hockern vor der Wandtafel zum Morgenritual. «Heute ist Dienstag, der 22. November 2016. Es hat Sonne und Wolken», sagt eine Schülerin mit leichtem Akzent.

Der Tag beginnt im Schulzimmer, das in der ehemaligen Stadtzuger Ludothek untergebracht ist, wohl wie in so manch anderen im Kanton. Und doch ist einiges anders. Nur fünf Kinder sitzen im Kreis. Sie sind unterschiedlich alt, und sie kommen aus verschiedenen Ländern. Omkalthoum (13), Tamam (10), Mareya (8), Hager (10) und Hndrin (12) besuchen die Integrationsklasse für Flüchtlingskinder, die seit Mitte Oktober in der Stadt Zug geführt wird (siehe Box). Hndrin ist derzeit der einzige Knabe. Er stammt aus dem Irak. Hager kommt aus Eritrea, und die drei Schwestern Omkalthoum, Tamam und Mareya stammen aus Syrien. «Wir wissen nicht viel über ihre Geschichte», erklärt Beatrice Blattmann (58), die vor ihrer Tätigkeit in der Integrationsklasse als schulische Heilpädagogin gearbeitet hat. Gewisse Dinge würde man im Lauf der Zeit erfahren, je nachdem, was Kinder und Eltern erzählen wollten. «Wir müssen nicht alles wissen. Es geht ja um den Unterricht», sagt Blattmann, die sich das Unterrichtspensum mit zwei anderen Lehrerinnen teilt.

Spielerisch die neue Sprache lernen

Im Kreis sind die Schüler inzwischen schon einen Schritt weiter. Nachdem zum Aufwärmen noch drei Lieder mit vollem Körpereinsatz gesungen wurden, steht die nächste Portion Unterrichtsstoff auf dem Programm. Es geht um die Possessivpronomen, mein/meine, dein/deine, sein/seine/ihre. «Tamam, ist das dein Rock?», fragt Blattmann und drückt dem Mädchen ein Kärtchen mit entsprechendem Bild und Wort in die Hand. Tamam überlegt und antwortet, während sie das Kärtchen an die Tafel hängt: «Ja, das ist mein Rock.» Rund 20 Kärtchen, auf denen sich Schuhe, Socken, Jacke, ­T-Shirt, Kopftuch, Brille, Gürtel und andere Kleidungsstücke befinden, werden nach und nach mit Magneten an der Tafel festgemacht. Trotz der sichtlichen Anstrengung, die die Übung bietet, wird immer wieder gelacht. Die Schüler wirken aufgeweckt und motiviert. Beatrice Blattmann lobt jede richtige Antwort. Hin und wieder muss sie korrigieren. «Mein T-Shirt, nicht meine T-Shirt», erklärt sie geduldig. Und ab und an fällt auch die Aussprache schwer. «M ü t z e», sagt sie deutlich und in fürsorglichem Ton. «Mütze, Mütze, Mütze», wiederholt Hager, schlägt die Hände auf die Knie und kichert laut.

«Anständige und liebe Kinder»

Der Fokus des Unterrichts der Integrationsklasse liegt einerseits auf der Sprache. Andererseits werden die Schüler auch in Fächern wie Mathematik, Sport handwerklichem Gestalten oder Zeichnen unterrichtet. Ein wichtiger Teil ist zudem das Vertrautmachen mit der hiesigen Kultur. Themen wie Abfallentsorgung, Busfahren, der Schulweg oder das Kennenlernen des Lebensraums fliessen in den Unterricht ein. «Wir erkunden mit ihnen verschiedene Teile der Stadt», sagt Blattmann. Daneben verbringen die Schüler den Freitagnachmittag in der ­Bibliothek, und das Mittagessen gibt es in der Mensa des Gewerblich-industriellen Bildungszentrums (GIBZ). «Dort bekommen sie auch Verhaltensregeln mit, und sie sehen, wie die grösseren Schüler es machen», sagt Blattmann. Die Mädchen und der Bube aus der Klasse seien alle gut erzogen. «Es sind sehr anständige und liebe Kinder.» Die meisten von ihnen hätten in ihrer Heimat – wenigstens während kurzer Zeit – die Schule besucht. «Sie wissen, wie man sich in einem Klassenzimmer verhält, beispielsweise, dass man aufstreckt oder dass man manchmal ruhig sein muss.» Natürlich gebe es auch Herausforderungen. Etwa durch die Schwierigkeiten mit der Sprache. «Aber bisher hatten wir kaum Probleme», sagt Blattmann. Schön sei, dass man in einer solchen Kleingruppe sehr individuell auf die Bedürfnisse und Schwierigkeiten der Kinder eingehen könne. «Das ist wertvoll und vereinfacht die Arbeit.» Nicht nur Blattmann hat Freude an der Arbeit. «Die Schule gefällt mir gut», sagt Omkalthoum. Besonders möge sie den Deutschunterricht. «Es ist gar nicht so schwierig», findet sie und lächelt. «Easy», findet Deutsch auch Hager, obwohl sie, gefragt nach ihren Lieblingsfächern, dann doch vorderhand Malen, Sport und «Spielen» aufzählt. Etwas schwieriger findet Hndrin Deutsch. «Rechnen ist besser», sagt er. Nach spielerischem, aber intensivem «Wörtlilernen» hat sich die Klasse eine Znünipause verdient. Gemeinsam rüsten sie in der Küche Früchte, schneiden Brot, decken den Tisch und setzen sich schliesslich darum. «En Guete», sagen alle im Chor.

Samantha Taylorsamantha.taylor@zugerzeitung.ch


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