«Gejasst wird schon lange nicht mehr nur im Altersheim»

ZUG ⋅ Jassen: Jeder kann es, jeder tut es – so scheint es jedenfalls. Wer den Anschluss verpasst hat, lernt den Schweizer Nationalsport am besten in kleinen Gruppen mit Gleichgesinnten. In Zug bietet eine Tanzlehrerin entsprechende Kurse an – mit Erfolg.
19. März 2017, 09:24

Banner, Bock und Bieter: Viele verstehen da nur Bahnhof. Kann man nicht jassen, verzieht man sich beim Familientreffen lieber in die Küche und macht freiwillig den Abwasch. Dem Jassen auszuweichen, ist schwierig: Die Arbeitskollegin verabredet sich regelmässig zum Jassabend, und der Ehemann hat seinen monatlichen Jasstermin sogar in der Agenda eingetragen. Egal ob beim Feierabendbier im Dorfrestaurant oder beim gemütlichen Wochenende mit der Familie: Die Jasskarten gehören dazu.

Für Nichtjasser gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder lässt man sich Ausreden einfallen, oder man stellt sich der Herausforderung und lernt jassen. Am besten bei jemandem, der genau weiss, was er tut. Wie etwa die Baarerin Cornelia Plaz.

«Am Schluss kann es jede, das garantiere ich»

Plaz bietet seit kurzem Jasskurse für Anfänger mit oder ganz ohne Vorkenntnisse an. «Gejasst wird schon lange nicht mehr nur im Altersheim», sagt sie und lacht herzlich. Momentan führt sie die achte Ausgabe ihres Kurses durch. Angemeldet haben sich vier Frauen. Eine ideale Gruppe, wie Plaz findet. So hat sie für jede Teilnehmerin genügend Zeit, um auch individuell auf Fragen einzugehen. Einen Monat lang treffen sich die Frauen nun jeden Mittwochabend und lernen jassen – ganz strukturiert. Plaz hat einen 14-Punkte-Plan, den sie eisern verfolgt. «Am Schluss kann es jede, das garantiere ich», ist sich die 63-Jährige sicher. Plaz empfängt die Kursteilnehmer in den Räumen der Tanzschule Baar/Zug, deren Inhaberin sie ist. Sie wollte als Tanzlehrerin etwas zurückschrauben. Jasskurse seien da die ideale Lösung. Ein kleiner Tisch mit vier Stühlen steht mitten im Tanzsaal, der Jassteppich liegt bereit. Es geht los – beim ganz Elementaren. «Es gibt vier Farben: Rose, Schelle, Schilten und Eichel», erklärt sie. Das wissen alle. Punkt 1 kann abgestrichen werden.

Anschliessend legt Plaz die Karten einer Farbe der Reihe nach auf dem Teppich aus. «Das ist die Hierarchie, die ist wichtig.» Sie erklärt den Wert jeder Karte. Nun zücken die Teilnehmer ihre Bleistifte und notieren emsig. Alle sind bei der Sache. «Das ist ja wie im Fernsehen», meint eine Teilnehmerin. «So weit sind wir schon noch nicht», mahnt die Lehrerin. «In homöopathischen Dosen», so Plaz, soll das Jassen gelernt werden. «Erzählt ja niemandem, dass ihr einen Jasskurs macht», impft sie den Frauen ein und erklärt: «Jeder wird euch mit Begriffen eindecken, die ihr noch nicht kennt, und die Motivation lässt sofort nach.» Der Ansporn der Frauen hier, jassen zu lernen, ist für jede etwa der gleiche: Man will mitjassen und nicht nur danebensitzen. Die Stimmung ist gelöst, die Hemmungen haben sich gelegt. Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn jetzt werden die Karten ausgeteilt. Jede muss sie in der Hand nach Farbe und Hierarchie ordnen. Cornelia Plaz, die sich selber als «spielsüchtig» beschreibt, geht von einer zur anderen und kontrolliert. Sie ist begeistert: Keine hat einen Fehler gemacht. «Wir jassen jetzt Oben­abe. Das ist die Grundform des Jassens, die muss man gut beherrschen.»

Eine Runde und noch eine Runde

Die Karten werden so auf den Jassteppich gelegt, dass sie von allen gesehen werden können. «Merkt euch, welche Karte Bock ist.» Bock? «Die höchste Karte einer Farbe, die noch auf der Hand ist und einen sicheren Stich bringt», erklärt Plaz geduldig. Diesen ersten Fachbegriff nehmen die Frauen sofort auf. Punkt 2 ist abgeschlossen. Plötzlich geht es schnell: Immer wieder werden die Karten gemischt und ausgegeben, noch eine Runde und noch eine Runde. Zwischendurch schielen die Frauen auf ihre Notizen. Welche von den tiefen Karten hat einen hohen Wert? Wie viele Punkte bringt der Under? Die Frauen fangen an, richtig zu spielen. Sie ziehen an und machen den Sack zu. Punkt drei kann abgehakt werden. Das Selbstbewusstsein steigt. Doch Cornelia Plaz ist unerbittlich: «Ihr könnt erst Obenabe», mahnt sie. «Aber ich merke schon, dass es bei euch klick gemacht hat.» Die Vorfreude auf die Fortsetzung des Kurses ist jetzt schon spürbar – das Jass­fieber hat alle ergriffen.

 

Carmen Rogenmoser

carmen.rogenmoser@zugerzeitung.ch


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