Gute Chance für den Berufseinstieg

ARBEITSMARKT ⋅ Jugendliche, die integrativ beschult oder gefördert wurden, haben es meist schwer, einen Beruf zu finden. Hier bietet das Berufsfindungsjahr Hilfestellung. Für Basil Möri aus Cham hat sich dieses Jahr ausgezahlt.
20. März 2017, 05:00

Wolf Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch

Im August beginnt der siebzehnjährige Basil Möri seine praktische Ausbildung (PrA) bei der Migros, trotz teilweise lernzielbefreitem Sek-Abschluss und Lernschwäche. Damit das klappt, engagieren sich alle Seiten – Eltern, Behörden, Betriebe und Lehrpersonen und natürlich der Jugendliche selbst.

«In der Primarschule merkte ich bei den ersten Matheaufgaben, dass die anderen Kinder alle viel schneller waren als ich. Da war mir klar, bei mir ist etwas anders», erzählt Basil Möri, der siebzehnjährige Chamer, mit seinem offenen, gewinnenden Strahlen, das sich immer wieder über seine vorsichtig-freundliche Art hinweg auf sein Gesicht stiehlt. Basil Möri durchlief sowohl Primar- wie auch Sekundarschule mit individueller Förderung. In den Fächern Mathematik und Französisch wurde er von den regulären Lernzielen befreit. «Manche Sachen sind für mich einfach schwer zu verstehen», erklärt er. Im Gespräch wirkt er offen, aufgestellt und engagiert.

Zurzeit besucht er das Berufsfindungsjahr (BFJ, siehe Box) im Schulhaus Röhrliberg Cham. Das Ziel dieses Angebots des Heilpädagogischen Zentrums Hagendorn (HZH, www.hzhagendorn.ch ) ist es, Jugendliche der integrativen Schulung (IS) oder nach Abklärung ebenso Jugendliche mit überdauernden Lernzielanpassungen in mehreren Fächern (IF) mit Praktika, lebenspraktischer und schulischer Vertiefung auf eine Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Selbstbild und Fremdwahrnehmung

«In unserer Klasse ist eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ein Thema», erzählt Sandy Schicker. Sie ist eine der beiden Heilpädagoginnen des BFJ. «Manche wünschen sich immer noch, eine gängige Berufslehre machen zu können, obwohl ihre Fähigkeiten dazu schlicht nicht vorhanden sind. Eine unserer Aufgaben besteht darin, diese Jugendlichen über ihre realistischen beruflichen Möglichkeiten aufzuklären.» Kürzlich haben die Lehrpersonen mit ihren Schülern das Thema Behinderung bearbeitet. «Wir haben unter anderem die Verteilung der IQ-Werte der Bevölkerung betrachtet und festgestellt, dass die IQ-Werte der Jugendlichen des BFJ zum unteren Drittel gehören.» Man merkt, wie wichtig es Sandy Schicker ist, klar und direkt über das Thema zu sprechen, ohne zu verletzen. «Es ist für niemanden schön, mit diesen Fakten konfrontiert zu werden. Aber es ist wichtig, dass sich die Jugendlichen darüber im Klaren sind, wo sie stehen, was sie können und was sie nicht können.»

Basil Möri hat das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der ihm kein Leistungsdruck auferlegt wird. «Meine beiden Geschwister sind anders als ich. Sie gehen an die Kanti in Zug und werden mal studieren. Sie mögen mich aber trotzdem», erzählt Basil von zu Hause. «Das müssen sie ja!», fügt er noch neckisch an. «Auch die anderen Jugendlichen auf dem Schulhof sind anders», meint er, «die reden über Hobbys und darüber, dass sie die Aufgaben nicht gemacht haben. Wir machen die Aufgaben alle und sprechen darüber, wie wir sie gelöst haben.» Kontakt zwischen den zwei Welten im Schulhaus Röhrliberg gibt es aufgrund der Schulstruktur, welche sich an die Berufswelt anlehnt, kaum. Die BFJ-Klasse hat kürzere Mittagszeiten als die Regelschulklassen. Dadurch lernen sie, sich an die zukünftigen Arbeitszeiten zu gewöhnen.

Die Suche nach dem Arbeitsplatz

Gegen Ende der obligatorischen Schulzeit der Sekundarstufe schnupperte Basil bei der Migros in Cham im Bereich Detailhandel und fand Freude an diesem Beruf. Auch die Belegschaft der Chamer Migros fand Gefallen an Basil Möri und erklärte sich bereit, ihn als Lehrling in eine praktische Ausbildung aufzunehmen. Zuerst wurde ihm aber empfohlen, das Berufsfindungsjahr des HZH zu machen. Diesem Rat folgte er. Schicker erklärt: «Wir haben zurzeit sechs Schüler. Die eine Hälfte kommt wie Basil aus der Regelschule mit individuellen Lernzielanpassungen, die anderen Jugendlichen wurden integriert beschult.» Das Ziel des BFJ ist, die Jugendlichen in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Oft ist es jedoch für den Jugendlichen geeigneter, in geschützten Arbeitsstätten, wie etwa der Zuwebe oder der Sonnhalde, eine Ausbildung zu beginnen. «Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt ist leider nicht immer möglich, weil sich noch wenige Betriebe dazu bereiterklären, einen Jugendlichen mit Lernschwäche auszubilden», sagt Schicker. Die Jugendlichen leisten ihren Beitrag zur Wertschöpfung im Betrieb, können gleichzeitig aber auch einen Mehraufwand gegenüber einem Regelschüler bedeuten.

Fünf der sechs Jugendlichen sind durch die IV unterstützt

Nikole Ruckstuhl und Sandy Schicker schätzen die äusserst konstruktive, wertschätzende Zusammenarbeit mit der zuständigen IV-Berufsberaterin. Die IV zahlt je nach Leistungsmöglichkeit des Jugendlichen einen ergänzenden Teil an den Lehrlingslohn. Zudem ist die Kooperation zwischen allen involvierten Parteien, wie IV, Arbeitgeber, Elternhaus und Schule, unabdingbar für einen erfolgreichen Berufseinstieg der Jugendlichen aus dem BFJ. Daneben ist das persönliche Engagement des Jugendlichen nicht ausser Acht zu lassen. «Es ist immer wichtig, dass jemand von der Arbeitgeberseite ein persönliches Engagement zeigt und sich bereiterklärt, einen unserer Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen. Genau das ermöglicht Doris Nussbaumer mit ihrem Team von der Migros», fügt Sandy Schicker hinzu. Doris Nussbaumer relativiert das eigene Engagement: «Auch mit regulären Lehrlingen gibt es manchmal schwierige Situationen. Herr Möri ist zum Beispiel äusserst zuverlässig. Ihm liegt es am Herzen, dass er hier arbeiten kann. Das ist nicht selbstverständlich. Mir persönlich liegt am Herzen, dass Herr Möri sich bei uns entwickeln kann und beweist, was in ihm steckt.»


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