Heisse statt warme Luft

CHAM ⋅ Wie lange der geplante Wärmeverbund auf sich warten lässt, steht in den Sternen. Unsere Zeitung hat die Gründe für die Verzögerung in Erfahrung gebracht.

26. November 2016, 05:00

Raphael Biermayr

Die Gemeinde Cham rührt bei jeder Gelegenheit die Werbetrommel für den geplanten Wärmeverbund, dessen Betrieb sie dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) übertragen hat. Doch die Verantwortlichen können nicht sagen, wann dieser umgesetzt wird. Auf Anfrage heisst es stets, dass ein solches Projekt eben Zeit brauche. So auch in einem Artikel in unserer Zeitung vom 19. Oktober. Daraufhin meldeten sich Kunden auf der Redaktion. Sie monieren einerseits Intransparenz seitens der Gemeinde. Andererseits werden dem EWZ falsche Versprechungen vorgeworfen. Der Wärmeverbund Cham produziert aus Sicht dieser Personen bislang statt warmer nur heisse Luft.

Tatsächlich existieren Verträge, die beweisen, dass das EWZ seinen Liefertermin vom 1. Oktober 2016 nicht einhalten konnte. In einem unserer Zeitung bekannten Fall wurde im August 2015 ein Vertrag unterschrieben, in dem sich der Zürcher Anbieter auf genannten Termin festlegt. Gemäss dem involvierten, namentlich nicht genannt werden wollenden Hauseigentümer sei das Angebot des EWZ «preiswert» im Vergleich zur bisher eingesetzten Gasheizung. Da aber der Termin nicht eingehalten werden konnte, worüber das EWZ ihn in einem Schreiben informierte, habe er den Vertrag gekündigt und die alte Gasheizung ersetzt. Der Hausbesitzer ­bedaure die Situation, denn er stehe aus ökologischen Überlegungen hinter dem Wärmeverbund.

Das EWZ begründete die Nichteinhaltung des Termins in besagtem Schreiben mit einer Verwaltungs- und Aufsichtsbeschwerde, die die Wasserwerke Zug (WWZ) beim Verwaltungsgericht eingereicht hätten. Die WWZ, die gegenwärtig drei Wärmenetze in Cham betreiben und diese verbinden wollen, bestätigen das auf Anfrage. Und darüber hinaus auch, dass sie kürzlich mit einer neuerlichen Verwaltungsbeschwerde nachgedoppelt haben. «Wir stören uns daran, dass wir bei den Ausbauplänen unserer bestehenden Wärmeverbünde in Cham übermässig eingeschränkt würden. Auch andere Drittanbieter wären davon betroffen», schreibt Andreas Widmer, der CEO der Wasserwerke Zug auf die Frage nach dem Grund für die erste Beschwerde. Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts vom 27. Juli 2016 ist der Konzessionsvertrag zwischen der Gemeinde Cham und des EWZ zwar angepasst worden, WWZ und Dritte seien aber «noch immer in ihrer unternehmerischen Entfaltung übermässig eingeschränkt», schreibt Widmer weiter.

Zu wenige Kunden

Wegen dieses über einjährigen Rechtsstreits ruht die Umsetzung des Wärmeverbunds im bereits Anfangsstadium. Die Verzögerungen ­haben Verunsicherung bei po­tenziellen Kunden ausgelöst, ­weshalb die Anzahl von unterschriebenen Verträgen gegenwärtig zu gering ist. Das bestätigt Marc Amgwerd, der Abteilungsleiter Verkehr und Sicherheit der Gemeinde Cham. Darüber hinaus würde die Gewinnung von Neukunden wegen des laufenden Rechtsstreits erschwert. Im April 2015 war von 150 Offerten die Rede, die das EWZ an interessierte Eigentümer versandt habe. Die Euphorie jener Zeit ist längst dahin. Nach Angaben von Christoph Deiss, dem Leiter Energielösungen des EWZ, seien zwar wegen der Nichteinhaltung des ersten Wärmeliefertermins lediglich zwei der abgeschlossenen Verträge gekündigt worden. Infolge der Verunsicherung dürften aber zahlreiche gar nicht erst unterschrieben worden sein.

So auch in einem unserer Zeitung vorliegenden Fall. Der enttäuschte Vertreter einer Stockwerkeigentümerschaft spricht von einem übereilten Handeln der Gemeinde bei der Vergabe des Auftrags. Sie hätte dabei nur an den tiefsten Preis gedacht, nicht aber an die bereits vorhandene Infrastruktur etablierter ­Anbieter. Dieser Vorwurf ist in Gesprächen mit potenziellen Kunden des Wärmeverbunds mehrfach zu hören. Was sagt die Gemeinde Cham dazu? Marc ­Amgwerd antwortet, dass die Basis der Ausschreibungskriterien «eine umfassende Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2013» bildete, «welche die bestehende Infrastruktur berücksichtigte».

Genannter Stockwerkeigentümer äussert grundsätzliche Bedenken an der Realisierung des Wärmeverbunds, der auf der Abwärmenutzung der Pavatex sowie der Abwasserreinigungsanlage Schönau (ARA) fusst. «Dass die Pavatex ihren Betrieb einstellen wird, ist kein Geheimnis. Und ich bezweifle, dass die ARA technisch gar nicht in der Lage ist, die benötigte Menge an Energie zu liefern», sagt er. Die Frage dazu geht an das EWZ: Wie lange rechnet sie mit einer Abwärmegewinnung bei der Pavatex? Christoph Deiss schreibt dazu: «Hierzu können wir keine Angaben machen. Die Versorgung der Kunden mit ökologischer Wärme wird aber immer sichergestellt bleiben.» Das bedeutet also im Bedarfsfall ein Umschwenken auf die ARA. Deren technischer Ausbau sei Bestandteil des Konzepts des EWZ, heisst es dazu.

Notaggregate in der Papierfabrik?

In Cham macht die Geschichte die Runde, dass die Papierfabrik wegen der Nichteinhaltung der Wärmelieferung ihre Räumlichkeiten durch Notaggregate beheizen muss. Das klingt dramatischer als es sich in Wahrheit darstellt: Das EWZ habe eine vorübergehende Heizzentrale errichtet, die an das bestehende Erdgasnetz angeschlossen sei, erklärt Andreas Friederich, der Leiter Geschäftsbereich Immobilien der Cham Paper Group. Die Gemeinde Cham selbst ist auch betroffen, will sie doch einen Teil ihrer Gebäude an den Wärmeverbund anschliessen. Diese Gebäude würden gegenwärtig weiterhin «hauptsächlich mit Erdgas beheizt», teilt der Abteilungsleiter Amgwerd mit.

Nicht an den geplanten Wärmeverbund angeschlossen werden vorläufig hingegen eine ganze Reihe grosser Gebäude im Ortszentrum: Der Lorzensaal, die Bibliothek, der Mandelhof, das alte Gemeindehaus, die Schwingerhalle und das alte Spritzenhaus, die allesamt von der Totalenergieanlage Cham mit Wärme versorgt werden. Diese wird von der WWZ betrieben. Der Gesamtanteil fossiler und damit weniger umweltfreundlicher Energie liege bei 90 Prozent, schreibt Amgwerd. Der Vertrag mit den WWZ laufe noch bis am 1. Oktober 2021. Gemäss Amgwerd bestehe anschliessend ein Vertrag mit dem EWZ, damit «möglichst alle» gemeindlichen Gebäude mit nachhaltiger Energie versorgt werden. Jene soll vom gegenwärtig ruhenden Wärmeverbund geliefert werden.

Wann und wie geht es weiter mit dem Wärmeverbund? Weder das EWZ noch die Gemeinde Cham prüften den Ausstieg daraus respektive eine Neuausschreibung, heisst es auf Anfrage. Beide Seiten drücken ihre Zuversicht aus, dass die Zusammenarbeit weitergeführt wird. Auf einen Zeitpunkt, wann endlich Fernwärme geliefert wird, lässt sich das EWZ mit Verweis auf den laufenden Rechtsstreit nicht festlegen.

«Neue Ausschreibung ist nicht das Ziel»

Fakt ist: Die WWZ verfolgt mit der Verwaltungsbeschwerde nicht die Übernahme des Betriebs des Wärmeverbunds Cham. «Eine neue Ausschreibung ist nicht das Ziel», stellt CEO Andreas Widmer klar. Für das EWZ geht es dabei auch um eine Menge Geld. Für den Aufbau des Verbunds hat Zürichs Stadtrat dem EWZ einen Kredit in der Höhe von 19,3 Millionen Franken gewährt. Der Gemeinde Cham erwachsen indes keine finanziellen Konsequenzen, da sie gemäss Marc Amgwerd weder Investitionen für den Aufbau des Wärmeverbunds leistet noch Gebühren dafür erhebt. Gleichwohl nagt die Situation am Stolz der viel gerühmten Energiestadt Cham.


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