«Heustöffel» sagt heute niemand mehr

MATURAARBEIT ⋅ Christian Muche wollte es in seiner Maturaarbeit ganz genau wissen: Wie viel Zuger Dialekt sprechen die Zugerinnen und Zuger überhaupt noch? 60 Personen stellten sich seinem Test. Vor allem von den Jüngeren fielen viele durch.
16. März 2017, 05:00

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Vor einiger Zeit verlangte ein Lehrer von seinen Schülerinnen und Schülern an der Kantonsschule Zug, dass sie einen an der Tafel notierten deutschen Satz ins Schweizerdeutsche übersetzen. «Es kamen die verschiedensten Varianten dabei raus», erinnert sich Christian Muche, ein 19-jähriger Kantonsschüler aus Zug.

Vor einem Jahr dann mussten die angehenden Maturanden ihr Maturaarbeitsthema aussuchen. Themen aus dem Sprachbereich seien eigentlich nicht seine Präferenz, sagt Muche, der nach der Matura wahrscheinlich in St. Gallen BWL studieren wird. Er habe damals aber auch keine Lust gehabt, eine rein theoretische Arbeit abzugeben. «Da erinnerte mich ein Kollege an die überraschenden Ergebnisse des Sprachtests unseres Lehrers.» «Zugerdeutsch – langsames Verschwinden eines Dialekts?» heisst Muches Maturaarbeit, für die er gerade die Bestnote erhielt.

Wie gut sprechen Sie Zugerdeutsch?


Frage 1 von 9:

Was ist ein «Bämsel»?


Als Quelle dienten ihm hauptsächlich Texte des Lehrers Hans Bossard, der Mitte des letzten Jahrhunderts mehrere Analysen zum Zuger Dialekt unter anderem in der Mundartzeitung «Schwyzerlüt» veröffentlichte. Die geografische Lage der Stadt Zug sei nicht unbedingt förderlich für die Erhaltung des eigenen Dialekts, so Bossard, da die Stadt ein Treffpunkt des freiämtischen, des zürcherischen und des schwyzerischen Dialekts sei. Zudem wies er auf die Folgen der rapiden Industrialisierung in Zug hin, die den ursprünglichen Dialekt stark verändert hätten. Auch innerhalb des Kantons gebe es grosse Unterschiede, die mit Prägungen durch die umliegenden Kantone zu tun hätten. «Bei meiner Umfrage konnten deshalb nur Personen mitmachen, die ihren Wohnsitz in der Stadt Zug haben – in Zug geboren zu sein, war aber keine Voraussetzung», sagt Christian Muche.

Seine Umfrage besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil mussten die Teilnehmer die Bedeutung von Zuger Dialektwörtern erklären, die ein Zuger Korporationsbürger für die Umfrage auf Band gesprochen hatte. Im zweiten Teil war die Aufgabe, Gegenstände auf Bildern, für die der Dialekt eigene Wörter kennt, zu benennen. Im dritten Teil sollte die Bedeutung ausgewählter Schweizer ­Redewendungen erklärt werden und im vierten Teil die Handlung auf zwei Bildern erzählt werden, wobei auf die benutzten Dialektwörter geachtet wurde.

Ein Rundbrief an die Nachbarschaft

Doch bevor der Maturand überhaupt testen konnte, wie viele Personen die Überreste eines Apfels noch «Bütschgi» nennen, musste er erst einmal die Teilnehmer für seine Umfrage finden, was nicht einfach war: «Ich probierte es am See, da ich dachte, dort eher Zuger zu finden als am Bahnhof, doch viele wendeten sich schon beim Wort Umfrage ab.» Nach zweieinhalb Stunden hatte lediglich ein Ehepaar sich die Zeit für seinen kompletten Test genommen. Da er aber insgesamt 60 Teilnehmer befragen wollte, wendete er sich hilfesuchend mit einem Brief an seine Nachbarschaft. «Der Brief vervielfältigte sich irgendwann wie von selbst, und etliche Personen machten mit.» Zudem liess ein Lehrer ihn die Umfrage bei seiner Klasse durchführen.

Das Alter spielte eine grosse Rolle

Eines zeigen die Ergebnisse von Muches Umfrage deutlich: «Je jünger, desto weniger wird der ursprüngliche Zuger Dialekt gekannt. Von der ältesten Teilnehmergruppe mit den Jahrgängen 1926 bis 1960 nannten eine Pfütze 7 von 16 Teilnehmern in korrektem Zugerdeutsch «Gunte», von den 13- bis 30-Jährigen dann aber nur noch 5 von 15 und bei den noch Jüngeren nur noch einer von 11 Teilnehmern. Hingegen nannten 9 von 11 Kindern eine Pfütze ans Hochdeutsche angelehnt «Pfützä». Was auf ein schon länger bekanntes Phänomen hinweist: Statt der Verwendung ursprünglicher Dialektwörter werden hochdeutsche Wörter eingesetzt und diese etwas an den Klang des Dialektes angepasst.

Muche verweist in seiner Arbeit auf Peter Dalcher, der schon in seiner Dialektforschung an Primarschulen in den Jahren 1990/91 die Feststellung machte, dass die Mundartsprache der Kinder unter dem Einfluss der Schriftsprache steht. Schon damals fand Dalcher das Wort «Summersprosse» im Kanton Zug doppelt so oft vor wie zum Beispiel den Ausdruck «Merzefläcke».

So gut wie ausgestorben ist Christian Muches Arbeit zufolge anscheinend ein anderes Dialektwort. Dass eine Heuschrecke im Zuger Dialekt eigentlich «Heustöffel» heisst, wusste unabhängig vom Alter keiner der Umfrageteilnehmer. 85 Prozent hingegen verwendeten das Wort «Heugümper». «Dass es nicht einmal mehr einer der älteren Teilnehmer verwendete, hat mich schon überrascht», sagt Muche. «Aber man darf nicht vergessen, dass schon zu Bossards Zeiten manches Dialektwort kurz vor dem Aussterben stand.»

Ältere Menschen verstehen

Anders verhält es sich beim Wort «kauern»: In Muches Umfrage verwenden bei den Ältesten noch 14 von 16 Teilnehmern das eigentliche Dialektwort «huure», bei den Jüngsten aber nur noch 4 von 11. Der Autor gesteht, dass er unter Kollegen auch weniger das Wort «huure» verwenden würde. Er hätte sowieso die Aufgaben seiner Umfrage nicht problemlos bestanden. «Aber seit der Maturaarbeit achte ich mehr darauf, bei dem einen oder anderen Begriff den Zuger Dialektausdruck zu verwenden», führt er aus.

Wäre es aus seiner Sicht sinnvoll, das Erlernen des Dialektes zu fördern? «Ich finde nicht, dass man die ursprünglichen Wörter gebrauchen muss», sagt Muche, «aber sie zu kennen und zu verstehen, wäre vorteilhaft.» Dies hat ganz praktische Gründe: «Es ist doch gut, ­ältere Leute, die noch solche Ausdrücke verwenden, verstehen zu können.»


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