Humor gegen den Hass

SOCIAL MEDIA ⋅ Die Zugerin Jolanda Spiess-Hegglin kämpft mit Strafanzeigen gegen abwertende Facebook- Kommentare und Hassbotschaften. Eine europaweite Kampagne zeigt jetzt, dass es auch anders geht.

25. September 2016, 05:00

Jolanda Spiess-Hegglin weiss, wie es sich anfühlt, wenn die Hass­lawine aus dem Internet das eigene Leben plattwalzt. In Hunderten Onlinekommentaren wurde die Kantonsrätin nach Bekanntmachung der «Zuger Sexaffäre» als «Hure», «linke Fotze» und Schlimmeres beschimpft.

Nach jedem Medienbericht hagelte es in den Kommentarspalten Häme und Beleidigungen. Niemand unternahm etwas. Bis die Politikerin selbst das Heft in die Hand nahm und sich gegen Hassschreiber – «zu 90 Prozent waren es Männer» – zu wehren begann. Rund 30 Klagen, hauptsächlich wegen Ehrverletzung, hat Spiess-Hegglin bisher eingereicht. So musste etwa der ehemalige SVP-Fraktionspräsident der Stadt Wil, Mario Schmitt, der sie als «Bordsteinschwalbe» und «verlogenes Miststück» bezeichnete, eine Genugtuungssumme zahlen. Spiess-Hegglin, die nun für die Piratenpartei politisiert, hat das Thema Hassrede zuoberst auf ihre politische Agenda gerückt.

Geht die Meinungsfreiheit über alles?

Auch internationale Menschenrechtsorgane beschäftigen sich seit einiger Zeit mit Hassreden («Hate Speech»). Das Problem: Zwei Grundrechte stehen sich gegenüber – auf der einen Seite das Recht auf freie Meinungsäusserung, auf der anderen Seite der Schutz vor Diskriminierung. Allein die Definition, was ein Hasskommentar ist, ist nicht einfach. Alles fällt in diese Kategorie, von juristisch strafbaren Äusserungen wie Morddrohungen bis hin zu einer abwertenden Sprache, die zwar grob sein mag, aber im Rahmen der Meinungsäusserungsfreiheit noch erlaubt ist.

Frauen sind neben Ausländern besonders häufig Opfer von Hate Speech. Die britische Zeitung «The Guardian» hat 70 Millionen Kommentare untersuchen lassen, die seit 2006 auf ihrer Website hinterlassen wurden. Das Ergebnis: Von den zehn am stärksten von Hasskommentaren betroffenen Autoren waren acht Frauen und nur zwei Männer. Sie sind beide schwarz. Die vermeintliche Anonymität im Netz lässt die Hemmschwelle beim Posten von Hasskommentaren sinken. Der Ruf nach weniger Anonymität im Netz wird darum immer lauter. Doch das Soziologische Institut der Universität Zürich kommt in einer aktuellen Studie zu einem anderen Schluss. Viele der Hasskommentare werden unter echtem Namen verfasst, so der Befund nach Durchsicht von 500 000 Kommentaren, die auf der Plattform Openpetition.de verfasst wurden. Laut den Zürcher Soziologen fühlen sich die Verfasser von Hasskommentaren moralisch im Recht. Sie sehen keinen Grund, sich zu verstecken. Aber was kann man selbst tun, wenn man sieht, wie eine Hasslawine über die Kommentarspalten rollt? Wegklicken? Nein, widersprechen. Denn je länger ein fieser Kommentar ohne Widerspruch im Netz steht, desto grösser die Gefahr, dass noch giftigere Sprüche folgen.

Die vom Europarat lancierte Kampagne «No Hate Speech» wendet sich direkt an die Bevölkerung. Auf der deutschen Website erhält man ganz konkrete Tipps, was man selbst tun kann. Der wichtigste Rat auf no-hate-speech.de: «Nicht nur lesen und schweigen. Wer den Hatern das Feld überlässt, lässt Betroffene allein und verpasst es, eine andere Sicht auf Dinge einzubringen.»

Humor ist eine effiziente Waffe

Der zweite Ratschlag: humorvoll Konter geben, weil mit Argumenten allein vergifteten Ideologien und tiefsitzenden Vorurteilen oft nicht beizukommen sei. Auf der Seite findet man unter Rubriken wie «Rechtsextremismus» oder «Sexismus» Bilder, die mit witzigen Sprüchen versehen sind. Wird jemand online attackiert, kann er als Reaktion darauf ein solches Bild downloaden und posten. Die Auswahl der Bilder ist bislang sehr bescheiden, und ob sie sich durchsetzen, wird sich zeigen müssen.

Die Onlineredaktion von Welt.de setzt schon seit einiger Zeit auf Humor im Kampf gegen Hate Speech. Als ein wütender User schrieb, dass «Welt»-Redaktoren alle Sklaven der USA seien, antworteten sie nach ein paar Minuten: Er müsse bitte entschuldigen, dass die Antwort so lange gedauert habe – sie hätten sich alle auf Baumwollplantagen herumgetrieben. Wer laut und deutlich seine Meinung kundtut, muss aber mit Gegenwind rechnen. «Counter Speech kann die Hetze kurzzeitig verstärken, und man sieht sich selbst einem Shitstorm ausgesetzt», heisst es auf no-hate-speech.de. Wenn das der Fall ist, wisse man allerdings, dass die Gegenrede genau ins Schwarze getroffen habe. Einen anderen Weg schlägt die Aktion #organisierteliebe ein. Sie fordert einen Aufstand der Anständigen, die immer dann die Kommentarspalten mit Nettigkeiten fluten, wenn der Hasspegel wieder bedrohlich hoch steigt.

Katja Fischer de Santiredaktion@zentralschweizamsonntag.ch


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