Cham: In welche Richtung schreitet der Chamer Bär?

ZUGER WAPPEN (3/11) ⋅ Warum Meister Petz im Chamer Wappen auftaucht, weiss man nicht so genau. Auf welche Seite er blickt, hängt von der heraldischen Auslegung ab – oder hat je nachdem mit Höflichkeit und Anstand zu tun.
18. April 2017, 09:20

Eines ist das Chamer Wappen überhaupt nicht: einzigartig. Den aufrecht stehenden, züngelnden Bären – mit oder ohne Gemächt – finden wir in fast identischer Weise im Stadtwappen von Berlin oder St. Gallen, in den Appenzeller Kantonswappen, in den Gemeindewappen von Bernau/Waldshut, Bäretswil ZH, Bäriswil BE, Crosey-le-Grand/Frankreich und gewiss noch vielen weiteren.

Üblicherweise schaut der Bär als Wappentier aus Sicht des Betrachters stets nach links. In Tat und Wahrheit aber blickt, respektive schreitet er nach rechts, wenn man die Blasonierung heraldisch korrekt ausdrücken will. Die Richtung, in die das Wappentier oder das abgebildete Motiv zeigt, wird in der Wappenkunde streng genommen stets aus der Sicht des Schildträgers beschrieben, der ja in Wirklichkeit hinter dem Wappen steht. Das war nicht immer ganz klar, weshalb man gelegentlich auf Abbildungen des Chamer Wappens stösst, auf denen der Bär für den Betrachter gesehen nach rechts schreitet.

Den Einhörnern nicht den Rücken kehren

In gewissen Fällen war die Ausrichtung des Bären dem Anschein nach pragmatischer Natur, so etwa zu beobachten in der Chamer Pfarrkirche St. Jakob. Das Orgelgehäuse wird vom Chamer und vom Hünenberger Wappen bekrönt, denn bis 1975 gehörte Hünenberg kirchlich zur Pfarrei Cham. Damit der links angeordnete Chamer Bär den Hünenberger Einhörnern, von denen hier demnächst ebenfalls zu lesen sein wird, nicht unfreundlicherweise den Rücken kehrt, schaut er aus Betrachtersicht nach rechts. Selbiges ist auf der Turmmonstranz von 1608 festzustellen.

Wie aber ist die Gemeinde Cham überhaupt zu ihrem Bären gekommen? Wenns so einfach wäre ... Es gibt nur wenige Fälle, in denen die Herkunft des Bären als Wappentier gesichert ist. Oft ging er ins Wappen ein, weil der Ortsname den Wortteil «Bär», «Ber» oder «Urs» enthält – somit handelt es sich um sogenannte sprechende Wappen. Das trifft für die Gemeinde Cham schon mal nicht zu. Dem Chamer Bären liegt – unter anderem – eine Legende zu Grunde, die erzählt, wie in uralter Zeit ein aus dem niederländischen Raum kommender Mann namens Cham (oder ähnlich) hier mit einem Bären gekämpft und dies überlebt haben soll. Der Zuger Historiker Ernst Zumbach (1894–1976) hingegen schreibt im Zuger Wappenbuch, dass der Chamer Bär wohl vom Familienwappen der Freiherren von Sellenbüren übernommen worden sei. Diese hätten in der Region Cham Grundstücke besessen. Der Wappenschild des im frühen 12. Jahrhundert ausgestorbenen Zürcher Adelsgeschlechts zeigte ein Bärenhaupt.

Als weitere mögliche Herkunft des Wappentieres für die Ennetseer Gemeinde dürfte zeitlich in der Ära Karls des Grossen im 8. oder 9. Jahrhundert zu verorten sein, als Cham ein Königshof war. Möglicherweise trug ein ranghoher Beamter der Herren von Cham den Bären in seinem Wappen. Der früheste Nachweis des sogenannten Chamer Bären stammt aus dem Jahre 1348, als der wohlhabende Grossgrundbesitzer Hartmann von Cham einen Niederwiler Hof an die Abtei Kappel verkaufte. Ein Urkundensiegel zeigt den Bären.

Der Chamer Bär ist also schon alt. Viel älter noch, als die niedergeschlagen dastehende Parodie von Angelo Gwerder aussieht: übergewichtig und nikotinsüchtig, an Diabetes und Bluthochdruck leidend.

 

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch



Hinweis

In der Serie «Zuger Wappen» stellen wir in loser Folge die Wappen der elf Zuger Gemeinden vor. und lassen sie durch einen Zuger Künstler neu interpretieren.


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