Maturand evaluiert ein Millionenprojekt

BAAR ⋅ Die Renaturierung der Lorze hinter der alten Spinnerei wurde vom Kanton nie einer kritischen Evaluierung unterzogen. Kevin Keiser, Schüler an der Kanti Menzingen, hat sich jetzt dieser Aufgabe angenommen.
15. März 2017, 05:00

Wolf Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch

Kevin Keiser reichte vergangenen Herbst eine herausragende Maturaarbeit über die Renaturierung der Lorze in Baar ein. Der Fluss wurde dort 2011 für 4,8 Millionen Franken aus seinem Kanal befreit und in ein grosszügiges, natürlicheres Bett gelegt. Dieses sollte vielen Tier- und Pflanzenarten einen neuen Lebensraum bieten, aber auch als Hochwasserschutz und Naherholungs­gebiet der Bevölkerung dienen.

Da der Kanton das Projekt nie evaluiert hat, wollte Keiser untersuchen, ob der ökologische Teil dieser Zielsetzung erreicht wurde, ob also die Biodiversität des Gebiets gesteigert werden konnte. Seine Arbeit wurde von seinen Betreuern für die Prämierung der besten Maturaarbeiten 2016 nominiert. Über mehrere Monate untersuchte er die Biodiversität des Gebiets. «Wasser ist ganz einfach mein Element», erzählte der 18-jährige Naturwissenschafter vergangene Woche auf der Ziegelbrücke. Die Brücke markiert das untere Ende der Renaturierung. Hinter ihr erstreckt sich das 600 Meter lange Stück Idylle entlang der alten Höllhäuser: ein breites Kiesbett, in dem der Fluss frei mäandern kann, natürliche Flussbiegungen, in denen sich an Prall- und Gleithang unterschiedliche Terrains entwickeln. Ganze Bäume, sogenanntes Totholz, die in den Fluss gehängt werden, schaffen Stillwasserstellen, die für verschiedene Fische und Wasserwirbellose ein geeignetes Habitat bilden. Eine Vielzahl verschiedenster Tiere und Pflanzen findet hier gute Voraussetzungen, um sich anzusiedeln. Diese Vielzahl und ihre Entwicklung durch die Renaturierung wollte Keiser genauer untersuchen und mit eigenen Methoden verlässlich quantifizieren.

Eine intensive Entwicklung

Etwas weiter flussaufwärts zeigt Keiser eine seiner vier Messstellen, an denen er Fliessgeschwindigkeit, Fischdichte, Kolmation und andere Parameter des renaturierten Flusses untersucht hat. «Viele der Operationalisierungen, die ich hier verwendet habe, um die Biodiversität oder die Struktur des Gebietes zu messen, habe ich selber kreiert. Natürlich sind die Daten eher grobkörniger Natur. Es liesse sich überall noch mehr ins Detail gehen. Ich glaube aber, dass meine Arbeit in gewissen Bereichen zu aussagekräftigen Befunden gekommen ist.»

Keiser hat rund 60 000 Datenpunkte gesammelt und ist einerseits äusserst kreativ, wenn es darum geht, sich das eigene wissenschaftliche Rüstzeug zu schustern, schaut sich selbst andererseits aber gleichzeitig sehr kritisch auf die Finger, wenn er seine Methoden anwendet. So liest sich ein grosser Teil seiner Arbeit wie der Kommentar einer bereits erfahreneren Version seiner selbst, die auf die lobenswerten, aber, im Lichte der neuen Erkenntnisse betrachtet, doch leider mangelhaften Versuche seines jüngeren Ichs zurückblickt. «Kevin hat uns stets mit seiner selbstständigen Arbeits- und vor allem auch Denkweise überrascht», beschreibt Heinz Wäspi den Arbeitsprozess seines Schützlings. Wäspi unterrichtet Geografie an der Kantonsschule Menzingen (KSM) und hat Keisers Arbeit zusammen mit der Biologielehrerin Regula Walti betreut. «Probleme oder Unzulänglichkeiten seiner Methoden hat er oft schon im Voraus erkannt und seine Ideen verfeinert, ohne dass wir ihn darauf hinweisen mussten.» Auch von privater Seite erhielt Keiser Unterstützung. «Besonders Joachim Hürlimann von der Firma Aqua Plus AG konnte mir sowohl mit seiner Erfahrung als auch mit seinen wertvollen Messinstrumenten helfen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.»

Keiser interessiert sich seit jeher für den Lebensraum Wasser. In Amerika geboren, verbrachte er mehrere Jahre seiner Kindheit in Singapur, wo er viel Zeit am Meer zubrachte. Später absolvierte er Tauchkurse und machte ­seine «Advanced open water diver»-Lizenz. Auch in Zukunft soll sein Leben mit dem Blau des Planeten in Verbindung bleiben: «Die Überfischung der Meere ist ein grosses Problem unserer Generation. Die meisten Fischzuchten verwenden heute noch Fischmehl aus Wildfischen als Futtermittel. Damit belasten auch Zuchtfische die Wildbestände der Meere. Eine Lösung für das Problem bietet die Umstellung auf Insekten als Futtermittel. In einem solchen Forschungsprojekt zu arbeiten, fände ich sehr spannend.» Um Träumen wie diesem etwas näherzukommen, will sich Keiser als Nächstes einem entsprechenden Studium an der ETH widmen. «Umweltnaturwissenschaften oder Agrarwissenschaften würden mich interessieren.» Der junge Mann ist zuversichtlich und entschlossen. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mit guter Planung so ziemlich alles funktioniert.» Vorerst gönnt er sich nach getaner Arbeit ein Zwischenjahr: einerseits, weil ihn das Militär ruft, andererseits aber auch, weil er ein Volontariat in einem Meeresbiologieprojekt in Indonesien machen will. Von der Lorze bei den Höllhäusern ab zu Korallenriffen bei Raja Ampat, einem paradiesischen Archipel Indonesiens.

Das volle Potenzial braucht noch Zeit

Keisers Fazit für die Renaturierung in Baar wirkt zwar zögerlich, aber positiv. Vor allem im strukturellen Bereich kann Keiser grosse Verbesserungen im Vergleich zum immer noch kanalisierten Kontrollabschnitt weiter flussabwärts nachweisen. So schreibt er in der Diskussion seiner Resultate: «Das im Durchschnitt flachere und deutlich natürlichere Ufer weist nicht nur einen höheren ökologischen Wert auf, sondern dank der geringeren Neigung der Böschung auch ein höheres Retentionsvermögen und vermag somit auch eher einem Hochwasser die Spitze zu brechen.» Durch die grössere Vielfalt an Lebensräumen in der Renaturierung lässt sich auch auf eine grössere Artenvielfalt schliessen. Das volle Potenzial des Projekts werde aber erst in einigen Jahren erreicht sein, wenn sowohl Flora als auch Fauna Zeit genug hatten, sich in den neuen Lebensräumen zu etablieren.


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: