Mehr Wahlbeteiligung – bitte sehr

SCHLAGZEILEN VON DAMALS ⋅ Im November 1866 sind die Nationalratswahlen das Thema, das die Seiten der «Neuen Zuger-Zeitung» füllt. Vor allem die Nichtausübung der staatsbürgerlichen Pflichten ist dem Schreiber zuwider.

01. Dezember 2016, 05:00

Verschiedene Nachrichten aus aller Welt beschäftigten den Chronik-Schreiber der «Neuen Zuger-Zeitung» im November vor 150 Jahren: So zählte Venedig zum Königreich Italien, die Verschuldung Europas war Thema sowie Falschmeldungen aus Mexiko: nämlich, dass Kaiser Maximilian abgedankt hätte. Tatsächlich wurde der Habsburger erst im kommenden Frühling zum Tode verurteilt und am 19. Juni erschossen. Immerhin ging es dem Französischen Kaiser Napoleon III. inzwischen besser, denn dieser war im Oktober krank. Darüber schreibt der Chronist am 17. November 1866: «Er habe die Operation glücklich überstanden; nichtsdestoweniger wird behauptet, seine Stimmung sei unwirsch und bitter».

Spannend ist zudem der Artikel über «das Militärwesen im Jahre 1865», der in der Ausgabe vom 3. November 1866 Platz findet. Der noch junge Bundesstaat hielt am Föderalismus fest. Davon zeugte die Organisation des Militärwesens, das nicht wie heute zentral geregelt wurde. Deshalb versammelten sich im Februar 1865 achtzehn kantonale Militärdirektoren in Aarau. Der Geschäftsbericht der Militärkommission veranlasste den Autor der «Neuen Zuger-Zeitung», darüber zu schreiben. Der Auftrag der «hohen eidgenössischen Räte» an die Kantone: «Es solle untersucht werden, ob nicht im Schweizerischen Militärwesen überhaupt Ersparnisse erzielt werden können». Die Kommission hatte deshalb zwölf Posten übermittelt, wo weniger Geld beansprucht wurde. Im Kanton Zug war der Rückgang der Ausgaben vor allem der Tatsache geschuldet: «Seit 1852 war das Infanterie-Rekruten-Detaschement dieses Jahr das kleinste. Diese tiefe Zahl sowie der gesunkene Preis von Fleisch und Brot haben bei den Übungen dem Kanton bedeutende Ersparnisse erwirkt».

Feldschützen bleiben auf Vorjahresniveau

Insgesamt zählten in besagtem Jahr 738 Männer zum «Auszug», 395 gehörten der «Reserve» an und 570 zur «Landwehr». 155 Männer besuchten die damalige «Rekrutenklasse» – das sind 31 weniger als im Vorjahr. Im sogenannten eidgenössischen Dienst standen 215 Zuger. Das Feldschützenwesen, schreibt der Verfasser, sei auf seinem bisherigen «Standpunkte» geblieben. «Der kantonale Feldschützenverein zählte 130, jener in Baar 70 und derjenige von Unterägeri 34 Mitglieder».

Bei den Wahlen in die Bundesversammlung jonglierte der Chronist ebenfalls mit Zahlen. Diesmal ging es um die Wahlbeteiligung bei den Nationalratswahlen. In den Anfangsjahren der Eidgenossenschaft wurde die Bundesversammlung alle drei Jahre neu gewählt. «Diese Wahlen sind immer ein politisches Ereignis und sollten es in einem noch höheren Masse sein, als sie es wirklich sind», meint der Verfasser am 17. November. «Wir wollen damit sagen, es sollte es sich jeder Schweizerbürger zur Ehre und Pflicht machen, an diesen Wahlen teilzunehmen». Seiner Meinung nach sei «eine auffallende und unheilvolle Teilnahmslosigkeit wahrzunehmen». Dabei ist ihm die niedrige Wahlbeteiligung ein Dorn im Auge. Seine These dazu ist, dass oft nur Politiker zur Wahl gehen und der «gewöhnliche Bürger» sich nicht beteiligt. Dieser sage sich, «ob ich gehe oder zu Hause bleibe, das kommt auf Eins heraus».

Dann rückt der Chronik-Autor mit seinem Problem heraus und wird deutlich: «Aber gerade dadurch wird es der regeren und bewegteren Partei, dem Kliquenwesen, den Escherianern und den übrigen Eisenbahn- und Baumwollenherren ein Leichtes, überall ihre Kreaturen in die eidgenössischen Räte hineinzubringen.» So seien die Veränderungen nach dieser Wahl nicht von der Gesinnung her zu erwarten, sondern höchstens in der zahlenmässigen Zusammensetzung des Rates zu sehen. Als Zuger Nationalrat wurde Wolfgang Henggeler gewählt. In Steinhausen etwa hatte er neun Stimmen für sich gewonnen – mehr haben nicht teilgenommen, ist der Ausgabe vom 3. November zu entnehmen. Henggeler verweilte von 1860 bis 1867 im Nationalrat. Er vertrat eine wirtschaftsliberale Position. Henggeler war der einzige Nationalrat für den Kanton Zug, denn pro 20 000 Einwohnern stand den Kantonen ein Mitglied zu.

Ratssitzung musste verschoben werden

Zurück zur Ausübung der staatsbürgerlichen Pflichten, die nach Meinung des Verfassers der «Neuen Zuger-Zeitung» deutlich besser sein könnte. Bei der Kantonsratssitzung (Grosser Rat) am 22. November fehlten 19 Mitglieder, und der Rat war daher nicht beschlussfähig. Die Sitzung wurde verschoben, «bei welcher dann hoffentlich die Herren Grossräte vollzählig und zu rechter Zeit einzutreffen sich die Mühe nehmen werden».

Weitere Nachrichten

Milch wird zu Pulver

In der Umgebung von Cham wird die Milch in «bedeutenden Quantitäten» aufgekauft. Diese soll zu Pulver verarbeitet und nach England geliefert werden. Denn dort ist «in Folge grossen Viehverlustes dieses unentbehrliche Lebensmittel enorm teuer». 

Billiger Wein

In der Ostschweiz wird scheinbar zu wenig Traubensaft konsumiert, denn dem Weinhandel gehe es nicht besonders gut. «Die Preise scheinen eher fallen als steigen zu wollen.» 

Ungeheuer weggesperrt

Im Norden Frankreichs im Departement Finistère hat sich ein Kindsmord zugetragen. Die Tat: «Ein erst 15-jähriges Ungeheuer, ein Kindermädchen», ermordete die Kinder ihres Dienstherrn. Und zwar «aus keinem andern Beweggrunde als angeborener Bosheit» und «indem sie denselben giftige Stoffe in den Mund gab». Kürzlich musste sich die 15-Jährige vor Gericht verantworten und gesteht ihre Tat, «schreibt es aber dem Einflusse innerer Stimmen zu». Das Urteil wird daraufhin wie folgt gesprochen: «Sie wird für schuldig erklärt, aber in Anbetracht ihrer Jugend wird sie, statt zum Schafott, zu zwanzigjähriger Gefangenschaft in das Zuchthaus verurteilt.» Denn unter einem Alter von 16 Jahren «wird Unzurechnungsfähigkeit angenommen».

Unten durch

Die «Unterseeische Eisenbahn» steht zur Diskussion. Über den Eisenbahntunnel zwischen Dover, England und Calais, Frankreich, sei viel gestritten worden. Dass nun Nägel mit Köpfen gemacht werden, beweist der Schleppdampfer, der zwischen Dover und Calais Vermessungen durchführt. 

Tierisches Experiment

Nur ein tatsächlicher «Versuch» kann etwas beweisen, muss sich ein Bauer gedacht haben. Er sperrte einen Maulwurf zusammen mit 60 Engerlingen und Rotwürmern in ein «mit Erde angefülltes Fässchen». Nach 24 Stunden schaute er nach: «Alles bis auf sieben Engerlingsköpfe war von dem Maulwurf verspeist.» Der Nachrichtenverfasser versteht aber nicht: «Trotz solcher Erfahrungen gibt es immer noch Leute, welche behaupten, dass der Maulwurf keine Engerlinge fresse.»

Dicke Euter

Ein grosses Ärgernis auf den kantonalen Marktplätzen macht sich breit: Denn oft sieht man «Kühe ausgestellt mit so gefüllten Eutern, dass die armen Tiere offenbar grosse Schmerzen leiden». Denn damit wollen die Verkäufer die «Milchergiebigkeit» der Kühe zeigen und «wenig erfahrene Käufer hinter das Licht führen». Der Verfasser spricht sich klar dagegen aus: «Es ist dieses ein Missbrauch, der beseitigt werden sollte.» Dabei lobt er Freiburg, wo es bereits ein Verbot gibt. Dort dürfen nur gemolkene Kühe angeboten werden.

Falscher 40er

In der Stadt nahe der französischen Grenze ist Falschgeld aufgetaucht: «falsche französische 40-Franken-Stücke». Diese seien ausgezeichnet nachgemacht und «auch durch ihr Gewicht nur ganz wenig von den ächten» zu unterscheiden. 

Lust zum Auswandern

Viele junge Männer wandern aus, weil sie «nicht in die preussische Soldatenjacke gesteckt werden wollen». Und weiter: «Die Frankfurter haben scheints wenig Lust, an der preussischen Glorie Antheil zu nehmen.»
 

Andrea Muff 


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