Mit Mulden das Licht eingefangen

ÄGERI ⋅ Der Künstler und Wahlzuger Paul Stillhardt schuf ein einzigartiges Werk, das seine Wirkung vor allem durch die Einfachheit entfaltet. Ein besonders repräsentatives Beispiel birgt die reformierte Kirche in Mittenägeri.
15. März 2017, 04:29

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Neben dem Altar, einem Holzkreuz, einem Lesepult und dem geschnitzten Radfenster mit den vier Evangelisten gehören sie zu der bescheidenen Ausstattung der reformierten Kirche in Mittenägeri: vier rechteckige Bronzereliefs. Teile von ihnen sind vergoldet, sie sind ein Blickfang und von ebenso künstlerischem Wert wie das erwähnte Radfenster von Otto Münch, über das an dieser Stelle im vergangenen November zu lesen war.

Im Gegensatz zu Otto Münch war der Urheber der Bronzereliefs ein in der Region stark verankerter Künstler. Paul Stillhardt (1921–1996) lebte und arbeitete lange Zeit als Gold- und Silberschmied im Kanton St. Gallen. 1952 zog er um nach Zug und konzentrierte seine künstlerische Tätigkeit hauptsächlich auf sakrale Gegenstände. Ab 1965 lebte Stillhardt in Walchwil. Die Beschaffenheit seiner Kunstwerke – eigenwillig, einfach, geschmeidig und elegant – machten den Neozuger bald international bekannt. Eine vorerst hauptsächlich bei Stillhardt festgestellte Arbeitstechnik war die Muldentechnik. Ins Material getriebene Vertiefungen sollen das Licht zu einer wesentlichen Komponente für die Wirkung des Kunstwerkes machen. Während bei der herkömmlichen Relieftechnik die erhöhten Formen das Dargestellte ausmachen, sind es bei Paul Stillhardt jetzt die vertieften «negativen» Formen. Indem diese das Licht reflektieren respektive einfangen und bündeln, wirken die dunkleren «positiven» Flächen wie ein Träger, ein Rahmen. Durch die Vergoldung wird das Licht noch intensiver eingefangen und die Wirkung verstärkt.

Die vier Bildtafeln in der reformierten Kirche in Mittenägeri bilden einen Höhepunkt dieser Muldentechnik in Stillhardts Schaffen. Vollendet waren sie 1978. Am 29. April desselben Jahres stellte sie der Künstler persönlich der Öffentlichkeit vor. Sie zeigen wichtige Stationen im Leben Jesu – ein Thema, das für Stillhardt stets eine grosse Bedeutung hatte. Dargestellt sind die Taufe, die Verkündigung, das Abendmahl und die Auferstehung. Einzig die Taufe zeigt zwei Figuren, von denen nur die passive in Gold gefasst ist. Diese Tafel ist etwas tiefer platziert als die restlichen drei. Stillhardt beabsichtigte damit ein optisches Spannungsfeld innerhalb der Positionierung. Durch die einfache abstrahierende Formensprache und die Muldentechnik wollte Stillhardt den Figuren eine zeichenhafte Ausstrahlung verleihen. Die matte Goldtönung erhöhe den geistigen und frohen Charakter des Werks, sagte der Künstler selbst dazu.


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