Flüchtlinge wollten sich etwas antun

STEINHAUSEN ⋅ Zu einem dramatischen Grosseinsatz kam es gestern beim Asylheim. Eine Flüchtlingsfamilie verschanzte sich. Die Zuger Polizei stürmte die Unterkunft.

18. Februar 2015, 18:08

Wolfgang Holz

«Wir sind um 15.03 Uhr alarmiert worden», berichtet Marcel Schlatter, Mediensprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden vor Ort. Ein 39-jähriger Iraner und eine 35-jährige Irakerin verbarrikadierten sich mit ihrem vierjährigen Sohn in der Durchgangsstation Steinhausen dem kantonalen Erstaufnahmezentrum für Asylsuchende. Beide Erwachsenen drohten mit einem Messer, sich selbst und dem Kind etwas anzutun. Einsatzkräfte der Zuger Polizei brachten alle nicht beteiligten Bewohnerinnen und Bewohner in Sicherheit und umstellten das Gebäude.

Zwei Dolmetscher im Einsatz

«Es ist ein sehr schwieriger Einsatz für uns gewesen», so Schlatter, weil sich die Zuger Polizei vor Ort erst einmal habe orientieren müssen, um was es überhaupt gehe. Dafür geschulte Spezialisten der Polizei verhandelten dann mit der Unterstützung von Dolmetschern während dreier Stunden intensiv mit der Familie. Wenige Minuten nach 18 Uhr erfolgte schliesslich der Zugriff, bei dem das Kind in Sicherheit gebracht wurde und die zwei Droher überwältigt wurden. Die beiden Erwachsenen wurden festgenommen. Zwecks medizinischer Begutachtung brachte sie der Rettungsdienst Zug jedoch zuerst ins Spital. Ihre Blessuren dürften leichten Grades sein. Das Kind kam ohne äussere Verletzungen davon, es wurde fremdplatziert.

«Das Drama hat ein glimpfliches Ende genommen», sagt Polizeisprecher Schlatter erleichtert. Es sei laut gewesen, es sei geschrien worden während der Verhandlungen. Die Sicherheitskräfte und die Flüchtlingsfamilie hätten sich in ständigem Sichtkontakt befunden. Insbesondere wegen des Messers und des involvierten Kindes habe sich der Einsatz für die Polizei sehr gefährlich gestaltet. «Die Familie befand sich offensichtlich in einer Ausnahmesituation», sagt Schlatter. Es sei den im Einsatz stehenden Polizisten jedoch gelungen, die Situation zu entschärfen und alle Beteiligten rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

War es ein Suizidversuch?

Was genau der Grund für die bedrohliche Situation gewesen ist, müssen die offiziellen polizeilichen Abklärungen erst noch ergeben, so Schlatter: «Die Umstände des Zwischenfalls werden zurzeit abgeklärt.» Wie von Asylbewerbern zu erfahren ist, die während des Polizeieinsatzes evakuiert und in anderen Heimen kurzfristig untergebracht wurden, handelt es sich bei der Flüchtlingsfamilie offenbar um abgewiesene Asylbewerber.

«Der Mann lebt schon seit rund fünf Monaten mit seiner Familie in der Asylunterkunft in Steinhausen», erzählt eine afghanische Familie. Der Iraner sei sehr sympathisch. Sein Asylgesuch sei wohl abgelehnt worden, und er müsse nun wieder zurück nach Italien wohin er auf der Flucht über die Türkei in die Europäische Union gelangte. «Nach Italien will er aber nicht mehr zurück, weil er dort keine Hoffnung sieht», erklärt ein Tunesier, der den Mann ebenfalls kennt. Zusammen mit anderen Flüchtlingen steht er in der frostigen Dunkelheit an der Zugerstrasse vor der Asylunterkunft und wartet darauf, wieder zurück ins Heim zu dürfen. «Deshalb hat er gedroht, sich umzubringen, und hat seinem Kleinkind das Messer an die Kehle gesetzt.»


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