Sie blickt auf bewegte 102 Jahre zurück

JUBILÄUM ⋅ Im Alterszentrum Herti durfte Lina Eigenmann-Röllin gestern einen hohen Geburtstag feiern. Ihr Gedächtnis funktioniert noch immer bestens – und sie hat eine Menge zu erzählen.
19. April 2017, 08:01

Der Stadtpräsident kommt nicht alle Tage zu Besuch. Dazu braucht es einen guten Grund. Oder eben einen hohen Geburtstag: Zwei Jahrhunderte, zwei Weltkriege und neun Päpste hat Lina Eigenmann-Röllin schon erlebt. Gestern Dienstag durfte sie nun ihren 102. Geburtstag im Alterszentrum Herti feiern.

Neben ihrer Familie und ihren Freunden besuchte auch der Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller die Seniorin und überreichte ihr einen Blumenstrauss. Zum Jubiläum hatte er sich über das Jahr, in dem Lina Eigenmann-Röllin geboren wurde, informiert. Bei seinen Recherchen zu Ereignissen aus dem Jahr 1915 fand er einige interessante Tatsachen: «Damals wurde das Frauenstimmrecht in Dänemark eingeführt, Albert Einstein schrieb seine Relativitätstheorie und, eine etwas traurigere Tatsache, Doktor Alzheimer starb», zählt der Stadtpräsident auf. Die Nichte der Jubilarin grinst: «Deshalb hast du keinen Alzheimer, der hat ihn mitgenommen!» Auch das Geburtstagskind grinst: «Ja, ich erinnere mich noch an alles. Ich weiss zum Beispiel noch», sinniert Eigenmann-Röllin, «als mein Blinddarm entfernt wurde, kostete die Operation nur vier Franken fünfzig.»

Das hervorragende Gedächtnis bestätigen auch ihre zahlreichen Gäste: «Sie konnte immer alle Telefonnummern auswendig», wird erzählt. In ihrer Geburtstagsrunde erzählt die humorvolle und schlagfertige Dame Geschichten aus ihrem langen Leben: «Ich wurde an einem Sonntag in Baar geboren. Als ich zehn Jahre alt war, sind wir nach Neuheim umgezogen.» Lachend verrät sie dem Stadtpräsidenten: «Ich war immer eine artige Bürgerin.» Eigenmann-Röllin wuchs dort als jüngstes von drei Kindern auf. Zur Schule ging sie nach Menzingen. Zu Fuss, versteht sich: «Das dauerte etwa eine Stunde.» Wie ihre Mutter lernte auch Eigenmann-Röllin den Beruf der Weissnäherin. «Wir stellten Unterwäsche und Leintücher her», erklärt sie. Nebenbei war sie Mitglied im Kirchenchor und ging gerne an die Fasnacht. «Ich liebe diese bunten Kleider.» Ihre besten Fasnachtserinnerungen seien jedoch nicht jene von der Luzerner, sondern von der Zuger Fasnacht. «Zweimal im Jahr sind mein Mann und ich mit dem Auto auf Reisen gegangen», erzählt sie. «Aber wir waren nie weit weg. Denn in Zug gefällt mir alles am besten.»

Katzen, Blumen und gute Gesellschaft

Mit 29 Jahren heiratete Lina Eigenmann-Röllin. «Es war mitten während des Kriegs, da hatten wir kein grosses Fest», erzählt das Geburtstagskind. Mit ihrem Mann eröffnete sie eine Reinigung an der Grabenstrasse in Zug, die sie zehn Jahre lang betrieben. Danach setzte sie sich zur Ruhe: «Wir kauften eine Attikawohnung an der St.-Johannes-Strasse. Im 14. Stock des grössten Blocks», erinnert sie sich. Dort wohnte sie insgesamt 39 Jahre, bis sie vor zwei Jahren ins Alterszentrum umzog. «Ich habe zwar keine Kinder, aber hatte immer Katzen. Hier haben wir ebenfalls ein weisses Büsi, das oft mit mir kuschelt», erzählt Lina Eigenmann-Röllin. Und auch für etwas anderes war die Dame in ihrer Nachbarschaft bekannt: «Auf ihrem Balkon hatte sie immer Tröge mit den schönsten Blumen», erzählt ihre Nichte. «Sogar noch mit 80 Jahren beschäftigte sich Lina immer mit ihren Blumen.» Jetzt konzentriert sich die 102-Jährige auf andere Dinge: «Ich habe gerne Menschen um mich, mit denen ich mich unterhalten kann.»

 

Chantal Gisler

chantal.gisler@zugerzeitung.ch


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