Statt Wunschkonzert ein Ideenwettbewerb

ZUG ⋅ In Sachen Bahnausbau werden bald wichtige Weichen gestellt. Es droht ein Kampf der Regionen um die begrenzten finanziellen Mittel. In einer Veranstaltung präsentieren Experten Lösungsvorschläge. Einige davon sind bahnbrechend.
17. März 2017, 05:00

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

Derzeit werden im Kanton Zug die «Grundzüge der räumlichen Entwicklung» für die Zeit bis 2040 abgesteckt. Bis Ende Februar hat die Bevölkerung Ideen einbringen können. Diese werden jetzt ausgewertet und ins Dokument gepackt, welches dann als Diskussionsgrundlage des Kantonsrats für die Anpassung des Richtplans dienen wird.

Die Verkehrsentwicklung ist dabei einer der wichtigen Eckpunkte dieses Papiers. Dies deshalb, weil Raumplanung und Verkehrspolitik eng miteinander verzahnt sind. Das hat eine Veranstaltung des Komitees Zimmerberg light und von Pro Bahn Zentralschweiz im Swisshotel in der Chollermühle in Zug eindrücklich gezeigt. Gegen 80 Personen haben am Mittwochabend gespannt zugehört, wie zwei Experten die Verkehrsentwicklung in Sachen Eisenbahn in der Schweiz in den kommenden Jahren sehen.

Der profunde Bahnkenner Paul Schneeberger – er ist Redaktor bei der «Neuen Zürcher Zeitung» – hat Wege aufge- zeigt, wie der Bahnausbau mit den zur Verfügung stehenden Mitteln vernünftig gestaltet werden könnte. Derweil hat der Verkehrsplaner Dominic Stucki seine Masterarbeit «Welches Verkehrssystem braucht die Schweiz?» vorgestellt. In dieser hat er verschiedene Bahnnetzwerkideen für die Schweiz untersucht und bewertet.

Es gibt zu wenig Geld für alle gewünschten Projekte

Für Paul Schneeberger ist eines klar: «Zum Bahnausbau in der Schweiz fehlt ein Konzept.» Er stellt nüchtern fest, dass das einzig erkennbare Ziel der «Kapazitäts- und Angebotsausbau» ist. Aktuell läuft der politische Prozess, welche Schweizer Bahnprojekte in einem nächsten Ausbauschritt an die Hand genommen werden sollen. Die Vernehm­lassung zum Ausbauschritt 2030/35 soll noch in diesem Jahr beginnen. Dabei zeichnet sich bei den Projekten ein Hauen und Stechen innerhalb der Regionen ab. Jede beansprucht für sich, die wichtigste zu sein. Der Einspurabschnitt von Horgen Oberdorf bis nach Baar soll dabei in der zweiten Prioritätenkategorie liegen.

Fakt ist: Es liegen schweizweit Projekte vor, die rund 20 Milliarden Franken kosten, im Bahn­infrastrukturfonds stehen allerdings nur 12 Milliarden Franken zur Verfügung. Verlierer sind programmiert. Und der Zuger Kantonsrat hat sich dabei wiederholt dafür ausgesprochen, bald eine Lösung am Zimmerberg zu finden (Ausgabe vom 27. Januar 2017). Er tut dies wohlwissend, dass nach den neuen Regeln der Bahnfinanzierung (Abstimmung vom 9. Februar 2014) der Bund die Zügel in den Händen hält. Was Schnee­berger bei all dem vermisst: «Es gibt kein transparentes Denken und Handeln in Alternativen.» Vielmehr entscheide die Politik über Infrastrukturmassnahmen statt über Konzepte. Darunter ­leide der «eidgenössische Blick aufs Ganze».

Als gutes Beispiel für den von ihm propagierten Ideenwettbewerb nennt Schneeberger die Weiterentwicklung des Basler Tramnetzes. Dort seien vier Teams und die Betreiber geladen worden, Vorschläge für Ausbauschritte zu entwickeln. Aus diesen Varianten sei dann ein neues Projekt entstanden, in welches verschiedene Konzeptvorschläge Eingang gefunden hätten. Als Seitenhieb an die Netzbetreiber sagt Schneeberger, dass deren Vorschlag «der teuerste» gewesen sei. Schneeberger ist sich, so ist seinem Referat zu entnehmen, sicher, dass das Denken in Alternativen vorteilhaft wäre. Er sieht in einem Ideenwettbewerb gar «einen Befreiungsschlag». Und für einen solchen, so betont Schneeberger, sei es noch nicht zu spät. Er macht seine Wettbewerbsstrategie, bei der verschiedene Alternativen gegeneinander abgewogen werden, mit einem passenden Zitat beliebt: «Das ist eine arme Maus, die nur weiss aus einem Loch hinaus.»

Billigerer Zimmerberg und dafür ein Tiefbahnhof?

Regional interessant war bei der Veranstaltung am Mittwoch auch ein von Verkehrsplaner Dominic Stucki in seiner Masterarbeit vorgebrachter Denkansatz. Eine seiner Netzwerkideen sieht einen Tiefbahnhof für Luzern vor. Für Stucki «ein Schlüsselprojekt» in seiner vorteilhaftesten Bahnnetzwerkidee. Hier setzt der ehemalige Kantonsrat Martin Stuber (Alternative-die Grünen) ein, der die Veranstaltung moderiert hat: «Würde das Projekt ‹Zimmerberg light›, das einen zweiten Albistunnel und einen zweispurigen Tunnel zwischen Sihlbrugg und Horgen Oberdorf vorsieht, weiterverfolgt, könnte allenfalls Geld für den Luzerner Tiefbahnhof freigeschaufelt werden.»

Der Verkehrsplaner Dominic Stucki sieht auch einen Segen darin, nicht wie bis jetzt Bahnknoten in den Zentren auszubauen, sondern solche dort zu installieren, wo das Wachstum gross ist. Da wären Zug oder Rotkreuz valable Kandidaten.

In der Diskussion nach den Vorträgen hat sich dann vieles um die aktuellen Probleme der SBB gedreht. Der Rischer Kantonsrat Kurt Balmer (CVP) hat an der Veranstaltung mit «hohem Niveau» viele «neue Ansätze» gehört. Er hat dabei einzig vermisst, dass «zu wenig über regionale Themen» diskutiert worden sei. Für Stuber hat sich der Aufwand mehr als gelohnt: «Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs wie vor 30 Jahren beim Projekt ‹Bahn 2000›. Wir müssen die Diskussion jetzt führen. Dabei gilt es, das schweizerische Verkehrssystem als Ganzes zu betrachten.»

Hinweis

Mehr zum Vortrag finden Sie auf: www.zimmerberg-light.ch


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