«Viele sparen sogar beim Essen»

ALTER ⋅ Die Mietzinse steigen, die Ergänzungsleistungen aber nicht. Im Kanton Zug geraten deshalb immer mehr Rentner in eine Notlage. Die Situation im Kanton verbessert sich aber nicht – im Gegenteil.

14. Oktober 2016, 05:00

Die Tendenz bleibt unverändert: Kosten für Krankenkassenprämien und Mietzinse steigen in vielen Regionen der Schweiz im Vergleich zum Geld, das der Durchschnittsbevölkerung zur Verfügung steht, überproportional stark an. Besonders von dieser Entwicklung betroffen sind Rentner, welche auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, um die Wohnungsmiete zahlen zu können. Die monatliche Mietzinslimite im Kanton Zug liegt bei 1416 Franken für Alleinstehende und 1656 Franken für Ehepaare. Das Problem: Dieser Wert ist seit 15 Jahren unverändert.

Eine von der Pro Senectute publizierte Statistik zur landesweiten Mietzinsentwicklung lässt nun aufhorchen: Nirgends in der Schweiz sind die durchschnittlichen Bruttomieten in besagter Zeitspanne so stark angestiegen wie im Kanton Zug. Kurzum: Finanzschwache IV- und AHV-Rentner, die Ergänzungsleistungen beziehen, können beispielsweise im Falle eines Umzugs eine Wohnung hier kaum mehr bezahlen. Sie stehen vor einem existenziellen Problem. Die Kommissionen für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) des National- und des Ständerates aber weigern sich, die Mietzinslimiten anzupassen. Auch Pro Senectute plädierte mit Nachdruck auf ein Vorziehen dieses Punktes. Vielmehr aber will die SGK das Problem nicht separat angehen, sondern es im Rahmen der anstehenden Reform des Ergänzungsleistungsgesetztes behandeln. Bis diese aber über die Bühne ist, dürften noch Jahre ins Land streichen – und die Mietzinse im Kanton Zug werden derweil weiter steigen.

Die Pro Senectute Zug stellt zwar trotz der überdurchschnittlich angestiegenen Mietzinse keine Extremsituation fest, zumal viele ältere Menschen seit langer Zeit in derselben Wohnung wohnen. Aber dennoch hat die Organisation zahlreiche Zuger Klienten, welche Ergänzungsleistungen empfangen und die plötzlich eine neue Wohnung brauchen – aber keine finden. In manchen Fällen kann Pro Senectute fruchtbare Unterstützung bieten. «Wir können vorübergehend Mietzuschüsse leisten. Weiter stellt das Bundesamt für Sozialversicherungen Gelder für Notsituationen zur Verfügung, welche über Pro Senectute punktuell eingesetzt werden», erklärt Gabriele Plüss, Geschäftsleiterin Pro Senectute Zug. «Abgesehen davon führen wir einen internen Solidaritätsfonds, dessen Gelder ebenfalls unter bestimmten Voraussetzungen für solche Fälle zur Verfügung stehen.»

Umzug ins Heim als einzige Lösung

Das grösste Problem aber bleibt: dass Rentner, die aus irgendeinem Grund eine neue Wohnung brauchen, in Zug kaum was finden. «Manchen bleibt nichts anderes übrig, als den Kanton zu verlassen» sagt Gabriele Plüss. «Oder aber sie entscheiden sich für den Einzug ins Heim – ohne dass dies überhaupt nötig wäre.» Hierzu hat eine aktuelle Studie, welche von den Alterszentren Zug in Auftrag gegeben worden ist, gezeigt, dass ein anstehender Wohnungswechsel immer öfter der Grund für Rentner ist, den Weg ins Heim zu wählen, obwohl sie kaum oder gar nicht pflegebedürftig sind. «Solche Situationen bedeuten für Betroffene immer auch eine psychische Belastung», weiss Gabriele Plüss.

Stefanie Waldburger, Fachperson für Altersfragen bei Pro Senectute Zug, kennt zahlreiche Fälle, bei denen die Betroffenen die fehlende Differenz für die Wohnungsmiete mit dem Geld ausgleichen, welches sie für den täglichen Lebensbedarf beziehen – dies sind für eine Einzelperson aktuell 1607.50 Franken monatlich. Und wenn diese Mittel nicht ausreichen, so sparen viele sogar bei ihren Grundbedürfnissen wie beispielsweise beim Essen. «Sie sparen an der sozialen Teilhabe, und unvorhergesehene Ausgaben können sie schnell in Bedrängnis bringen», ergänzt Stefanie Waldburger. Oft sei das für Aussenstehende gar nicht erst sichtbar, weil die Betroffenen den Schein wahren wollen, ja sich sogar für ihre Lage schämen. Am häufigsten betroffen seien alleinstehende Rentnerinnen.

Die Lage wird sich verschärfen

«Das alles kann für diese Menschen sehr problematisch werden. Es drohen persönlicher Rückzug und Isolation», weiss Stefanie Waldburger und stellt fest, dass sich solche Fälle tendenziell häufen. So befürchtet auch sie eine Verschärfung der Situation im Kanton Zug. Nicht nur, weil die Mieten weiter steigen werden, sondern weil beim geplanten kantonalen Sparprogramm auch Kürzungen bei den Ergänzungsleistungen vorgenommen werden sollen.

Andreas Faessler


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