Wenn Sex wieder gefährlich wird

GESUNDHEIT ⋅ Elf Zuger haben sich in diesem Jahr mit dem HI-Virus angesteckt. Auch andere Geschlechtskrankheiten in Zug nehmen zu. Sexuelle Gesundheit ist daher immer wichtiger, sagen Experten.

26. November 2016, 05:00

Wolfgang Holz

Der junge Mann kriegt es plötzlich mit der Angst zu tun. Er bekommt Ausschläge, kann nicht mehr richtig schlafen. Und das nur wegen dieses einen Mals. Wegen dieses spontanen One-Night-Stands. Dabei ist es nicht sein Gewissen, das ihn plagt und bei ihm zu psychosomatischen Störungen führt. Nein, es ist die Tatsache, dass er bei dem Sex neulich einfach kein Kondom benützt hat und sich jetzt vor dem Ergebnis des HIV-Tests fürchtet.

Das ist kein Einzelfall, wie Sara Garrote, Leiterin der Fachstelle Aids-Hilfe Zug, berichtet. «Die Verbesserung der Medikamente, die heute HIV-Betroffenen in der Schweiz quasi eine normale Lebensdauer ermöglicht, hat das Bewusstsein für die Anwendung von Kondomen in den Hintergrund gerückt.» Hinzu komme, dass heutzutage Personen mit wechselnden Sexualpartnern die Gefahr verschärfen, sich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken oder diese zu übertragen – wenn man kein Kondom nehme.

Gonorrhoe und Syphilis sind deutlich angestiegen

Ungeschützter Sex zeitigt seine Konsequenzen. Auch in Zug. In diesem Jahr haben sich laut Statistik des Zuger Amts für Gesundheit elf Personen mit dem HI-Virus angesteckt – deutlich mehr beziehungsweise doppelt so viele als jeweils in den vier Jahren zuvor. Kantonsarzt Rudolf Hauri sieht zwar «keine Trendwende» bei den Ansteckungszahlen mit HIV. «Dafür sind die Fallzahlen viel zu klein», beruhigt er. Zudem liege die Zahl von HIV-Infektionen schweizweit bei rund 500 pro Jahr – Tendenz sinkend. An der Immunschwächekrankheit Aids selbst, die in den 1980er-Jahren oft tödlich verlief und in Afrika Tausende dahinraffte, erkrankten 2016 in der Schweiz 59 Personen – in Zug war es eine einzige. Hauri bekennt aber: «Aids hat unterm Strich sicher seinen Schrecken verloren.»

Das ist verhängnisvoll. Auch aus anderem Grund. Denn, wie der Zuger Kantonsarzt warnt, es treten nun andere Geschlechtskrankheiten auch in Zug infolge ungeschützten Sex immer häufiger auf. Stichwort Hepatitis B und C: Lebererkrankungen, die beim Geschlechtsverkehr, aber auch durch Blut und Spritzen übertragen werden. Stichwort Herpes-Viren – «mit denen man sich infolge oraler Sexpraktiken infizieren kann», so Hauri. Diese Herpes-Viren, die am Penis, an der Vagina oder im Mund als Aphten auftreten, würden einem das ganze Leben lang bleiben, könnten immer wieder ausbrechen und die Erkrankung an schweren Hirnhaut- und Lungenentzündungen erleichtern. Auch Clamydien treiben ihr Unwesen in den Betten von Personen mit wechselnden Sexualpartnern – jene Bakterien, die verschiedene Erkrankungen der Schleimhäute im Augen-, Atemwegs- und Genitalbereich auslösen. «Gerade auch den gefährlichen Gebärmutterhalskrebs darf man nicht vergessen. Auch dessen Viren können beim Sex übertragen werden», sagt Hauri. Gegen diesen virusbedingten Krebs gibt es inzwischen eine gut wirksame Impfung.

Aber auch bei den klassischen Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe (Tripper) und Syphilis, Leiden mit teils gravierenden Folgeschäden, steigen die Krankheitszahlen in Zug – diese sind ebenso meldepflichtig wie HIV-An­steckungen. «Bei diesen Infektionen ist seit 2011 ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen», sagt Hauri. Sprich: Bei Syphilis sind es konkret 13 Fälle gewesen in diesem Jahr, 16 Infektionen waren es 2015. In Sachen Tripper registriert das Amt für Gesundheit dieses Jahr 27 Fälle, 2015 waren es 28. Wenig erfreuliche Zahlen.

«Kondome werden nicht selten als Lustkiller eingestuft»

Dabei könnte der Schutz der eigenen Gesundheit bei sexuellen Kontakten so leicht sein – indem man einfach ein Kondom gebraucht. Doch die «Gummis», mit denen man in den 1980er-Jahren im Rahmen der Aids-Prävention nicht nur in der Werbung geradezu bombardiert wurde und die für eine Generation quasi zum Muss avancierten, haben «heutzutage oftmals ein Imageproblem», erklärt Kantonsarzt Rudolf Hauri. Zum einen seien Kondome nicht attraktiv, weil sie von Sexualpartnern als «stigmatisierend» empfunden würden. Nach dem Motto: Wenn ein Mann ein Präservativ vor dem Verkehr zücke, könne der Eindruck entstehen, dieser sei von vornherein nicht treu.

Zum anderen unterstreicht Sara Garrote von der Aids-Hilfe Zug, dass Kon­dome nicht selten als «Lustkiller» eingestuft werden. «Männer haben auch häufig Angst vor einem Erektionsverlust oder glauben, einen nicht so intensiven Orgasmus zu erleben, wenn sie ein Kondom benützen sollen. Dabei müsste es wie selbstverständlich sein, ein Kondom beim Sex zu gebrauchen.» Zum Wohl der sexuellen Gesundheit. Wobei die Geschäftsleiterin der Fachstelle auch noch einen anderen Grund für den laschen Umgang mit der sexuellen Gesundheit ortet – die mangelnde Kommunikation über das private Sexleben. «Denn trotz der immensen Präsenz von Sex in der Öffentlichkeit, in den Medien, im Internet und in der Werbung wird über die ei­gene Sexualität, über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche nach wie vor viel zu wenig gesprochen.» Sie erlebe es immer wieder, dass Männer bei ihr in Beratungen nicht mal das Wort «Penis» aus­sprechen könnten, sondern etwa von «Schnäbli» redeten.

Ein weiteres Problem in den Augen von Kantonsarzt Rudolf Hauri ist, dass Sex heutzutage eben auch ein Stück weit zum «Konsumgut» geworden ist. «Deswegen bleibt das ganze Thema eben nur an der Oberfläche, anstatt in die Tiefe zu gehen.»

Aufklärungs-Workshops in den Schulen gefragt

Dass wenigstens die Jugend dem Kondom treu bleibt, dafür sollen künftig die sexuellen Aufklärungsveranstaltungen an der Sekundarstufe II sorgen. Diese übernimmt ab 2017 die Abteilung Kinder- und Jugendgesundheit des kanto­nalen Amts für Gesundheit. «Wir wollen diese zwei- bis zweieinhalbstündigen Workshops den Schulen nicht aufzwingen. Aber bisher sind solche Veranstaltungen von den Schülern stets gut auf­genommen worden», versichert Zugs Gesundheitsdirektor Martin Pfister. «Für die junge Generation ist das Thema Kondom kein Tabu mehr.»

Aids-Hilfe Luzern übernimmt Beratungen

Die Dienstleistungen des Vereins Aids-Hilfe Zug werden ab 2017 vom Zuger Amt für Gesundheit und von der Aids-Hilfe Luzern übernommen. Grund: Die Aufgaben der Aids-Hilfe Zug, die es seit 28 Jahren gibt, haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt – weg von der reinen Aids-Beratung hin zur Beratung über sexuelle Gesundheit. Im Rahmen der Kürzung von Leistungsvereinbarungen seitens des Kantons wird die Zuger Fachstelle – auch wegen ihrer kleinen Grösse mit nurmehr zwei Personen – nun geschlossen und in Luzern zentralisiert. Die sexuelle Bildung auf der Sekundarstufe II der Zuger Schulen ist dabei künftig Aufgabe der Abteilung Kinder- und Jugendgesundheit des Amtes für Gesundheit des Kantons Zug. Die Beratung und Begleitung für HIV-Positive und ihr persönliches Umfeld, die HIV-Testberatung und -vermittlung sowie die zielgruppenspezifische Information von besonders exponierten Gruppen geht an die Aids-Hilfe Luzern. Aids-Tests kann man aber nach wie vor in der Andreas-Klinik in Cham und bei Hausärzten machen lassen. (red)


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