Arbeit mit Hunden bietet Jugendlichen eine zweite Chance

MORGARTEN ⋅ In der Hundepension von Adrian Blättler sind täglich rund 30 Vierbeiner zu Gast. Das Herz des umtriebigen 47-Jährigen schlägt aber auch für Jugendliche, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Sie erhalten bei ihm eine neue Perspektive.
14. Januar 2018, 05:00

Es ist ein kleines Paradies, das sich dem Besucher an der Sattelstrasse 41 eröffnet: ein Paradies für Hunde. Da eine grüne Wiese, dort eine kleine Wanne zum Baden, daneben ein Gelände mit Spielzeug, Holzhütten und zahlreichen Bäumen. Und auch die Vierbeiner fehlen nicht: Gebell ist zu hören, und der behäbige Berner Sennenhund Mitch, begleitet von weiteren Hunden, kommt einem zur Begrüssung schwanzwedelnd entgegen.

Der Chef dieser grosszügigen Anlage ist Adrian Blättler. Er führt seit fünf Jahren im «Sydefade», wie das Gebiet am Dorfende von Morgarten heisst, die Hundepension V.I.Pets. Rund 30 tierische Gäste werden hier Tag für Tag versorgt und beschäftigt. «Sie kommen aus Zug, Schwyz, aber auch aus Luzern, Zürich oder Glarus», sagt Blättler. Gut die Hälfte seien Ferien-, die andere Hälfte Tageshunde.

«Hunde müssen ihr Naturell ausleben können»

Der 47-jährige gebürtige Nidwaldner nimmt kein Blatt vor den Mund. Er hat eine klare Meinung über den Umgang unserer Gesellschaft mit ihren Haustieren. «Der Mensch hat dem Hund vieles weggenommen», sagt Blättler und spricht etwa die an einigen Orten geltende Leinenpflicht an. Oder die Haltung der Tiere: «Es gibt nach wie vor Besitzer, die ihre Hunde in vier Quadratmeter grossen Zwingern einsperren. Das ist nicht zeitgemäss.» Blättler ist überzeugt: «Hunde müssen ihr Naturell, ein wildes Naturell, ausleben können.»

In der Hundepension in Morgarten haben sie dafür viele Möglichkeiten: Sie können sich austoben, sich balgen, spielen und bei Bedarf auch zurückziehen. Fünf Angestellte, darunter eine Auszubildende, kümmern sich um die Tiere. «Hunde, die nicht miteinander auskommen, werden räumlich getrennt», schildert Blättler. «Wir richten unseren Alltag komplett nach den Tieren aus.»

Besonders ist die Hundepension aber vor allem wegen eines anderen Umstands. Adrian Blättler beschäftigt in seinem Kleinunternehmen Jugendliche, die im Berufsleben nicht klarkommen, schulmüde sind oder Drogenprobleme haben. Er arbeitet dabei mit dem Jugendbewährungshelfer Philipp Suter aus Baar, einem ehemaligen Schulkollegen, zusammen. Suter vermittelt Jugendliche im Alter zwischen 14 und 25 Jahren an Blättler, die dann wochenweise oder auch länger in der Hundepension arbeiten. «Viele von ihnen kommen zu Beginn nur widerwillig hierher», berichtet Blättler. «Doch bei der Arbeit mit den Hunden merken sie, dass sie gebraucht werden und dass die Tiere ihnen etwas zurückgeben.»

Wichtig ist ihm auch der fami­liäre Umgang in seinem Team: «Viele der Jugendlichen wohnen temporär hier, wir kochen und essen gemeinsam.» Ein Beispiel für eine erfolgreiche Wiedereingliederung ist der 20-jährige Nici Achermann. Der junge Baarer hatte zuvor eine Lehre auf dem Bau absolviert und startete dann vor rund einem Jahr in Morgarten seinen Arbeitseinsatz. Heute ist er fest angestellt und blüht in seiner Arbeit regelrecht auf. «Es gefällt mir richtig gut hier», bestätigt der junge Mann, der zurzeit die Ausbildung zum Hundetrainer absolviert und sich auch seine berufliche Zukunft in der Hundepension sieht, wie er sagt.

Etwa 20 Jugendliche pro Jahr erhalten die Möglichkeit, bei Adrian Blättler einen Einsatz zu leisten. «Oft erreichen Eltern, Lehrer oder Psychologen diese jungen Menschen nicht mehr», berichtet Blättler. «Hier müssen sie mit anpacken, und ich rede offen und ehrlich mit ihnen. Das öffnet ihnen die Augen.» Und der Mentor weiss, wovon er spricht – weil er viele Probleme aus eigener Erfahrung kennt. Denn Blättlers Leben verlief ebenfalls nicht immer in geordneten Bahnen. «Ich habe auf jeden Fall meinen Rucksack», erklärt er. Dass er sich mit seinem Unternehmen selbst verwirklichen konnte, hat ihm geholfen, die schwierige Zeit hinter sich zu lassen: «Hier kann ich meiner Leidenschaft nachgehen, bin unabhängig und habe eine Beschäftigung. So komme ich nicht auf schlechte Gedanken.» Genau dies wolle er auch den Jugendlichen vermitteln.

Beruflich komplett neu orientiert

Adrian Blättler ist gelernter Konstruktionsschlosser, hat danach die Weiterbildung zum Betriebstechniker absolviert und schliesslich das Nachdiplom als Wirtschaftstechniker erlangt. «Doch ich war nie der Typ für einen geregelten Arbeitsalltag.» Während er sein eigenes Geschäft in Morgarten aufbaute – Blättler wohnt übrigens gleich neben der Hundepension –, liess er sich zum Hundetrainer ausbilden. Inzwischen hat er gemeinsam mit seinem Geschäftspartner zwei weitere Tierpensionen in Altendorf SZ und Gossau ZH eröffnet. Und Blättler hat weitere Pläne. So möchte er beispielsweise ein Tierheim im Kanton St. Gallen übernehmen, die Verhandlungen dazu sind am Laufen. Zudem könnte er sich vorstellen, ein Buch zu schreiben – über die Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Auf den Hund gekommen ist der Tierliebhaber übrigens ziemlich spät: durch seine Ex-Partnerin, mit der er die Pension in Morgarten aufbaute. «Als sie das erste Mal mit ihren Hunden zu mir kam, wollte ich die Vierbeiner nicht in meiner Wohnung haben», erzählt Blättler und fügt mit einem Lachen an: «Heute schlafen meine vier Hunde bei mir im Bett. Etwas anderes wäre für mich nicht mehr vorstellbar.»

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch


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