Auch ein Rohrtransport kann Spektakel bieten

ZUG ⋅ Ein Teil der Kanalisation ist sanierungsbedürftig. Die Riedmatt erfordert ein besonderes Vorgehen für die Übergangslösung.
11. Oktober 2017, 08:27

Ein Helikopter schwebt zwischen zwei Häusern und zirkelt an einem langen Seil Rohre an einen bestimmten Punkt am Boden, wo behelmte Männchen in gelben und orangen Westen die Feinarbeit übernehmen. Auf den Balkonen der angrenzenden Setzkastenbauten stehen staunende Statisten.

Aus der Ferne beobachtet sind es Szenen wie aus einer Playmobil-Welt, die sich gestern Nachmittag in der Riedmatt abgespielt haben. Ein Stück des Hauptkanals der Kanalisation wird saniert. Währenddessen fliesst das Abwasser durch einen provisorischen Kanal, dessen 100 Rohre à je 12 Metern Länge und 1,2 Tonnen Gewicht besagter Helikopter gestern anlieferte – vom bloss wenige hundert Meter entfernten Lager im Rank.

Eine besondere Baustelle

Den möglichen Vorwurf des Verhältnisblödsinns räumt Klemens Bannwarth schnell aus. Der Bauingenieur arbeitet bei der Winterthurer Firma, die diese Spezialarbeit im Auftrag des Gewässerschutzverbands der Region Zugersee-Küssnachtersee-Ägerisee (GVRZ) ausführt. Er zeigt auf, dass ein Tieflader für den Transport der Rohre in diesem engen Gebiet viel länger haben und deshalb teurer kommen würde. Dar­über hinaus hätte man den Chamer Veloweg für diese Variante sperren müssen – «und das ist nie einfach durchzubringen», weiss Bannwarth.

So betätigten sich der Bau­ingenieur und die Arbeiter des Baukonzerns auch als Verkehrsdienst, was in der von Zugängen durchzogenen Riedmatt zeitweilig mehr schlecht als recht funktionierte. Zumal einige unvorsichtige Fussgänger und Radfahrer unter dem anfliegenden Helikopter Halt machten, um einen besonders guten Platz für ein Handyvideo zu ergattern. «Vorsicht, es könnte Äste herunterwehen!», benennt Bannwarth eine der möglichen Gefahren. Der Deutsche ist selbst fasziniert von diesem Auftrag. «Ich habe noch nie eine schwerer zugängliche Baustelle gehabt», sagt er.

Der grosse Aufwand ist nötig, weil das mitunter ätzende Abwasser die an dieser Stelle fast 50 Jahre alten Betonwände des Kanals angegriffen hat. «Die Tragsicherheit ist nicht mehr zu 100 Prozent gewährleistet», steht – erfrischend offen – in einer Medieninformation zum Sanierungsprojekt. Gemäss dem Bauingenieur Bannwarth ist es noch nicht fünf vor zwölf. «Wenn das so wäre, würden andere Teile der Kanalisation erst um viertel nach zwölf saniert werden, also zu spät.»

Ein besonderer Mörtel

Der einstweilige Kanalabschnitt aus zwei parallel verlaufenden Rohrleitungen fasst deutlich weniger Wasser als der zu sanierende. Das sei kein Problem, versichert Bannwarth. Die Betonwände des alten, 2 Meter hohen und 1,70 Meter breiten Kanals werden von der angegriffenen Schicht befreit und mit einem besonderen Mörtel beschichtet. Die Sanierungsdauer ist auf ein Jahr veranschlagt – Kostenpunkt: 2,5 Millionen Franken. Die muss der GVRZ berappen, dem – ausser Neuheim – zehn Zuger Gemeinden angehören.

Für den Gewässerschutzverband ist es ein Pilotprojekt. Wenn sich das Verfahren bewährt, wird es in Zukunft wohl auch an anderen sanierungsbedürftigen Stellen der Zuger Kanalisation zum Einsatz kommen. Bedarf gibt es genug – der vom GVRZ verantwortete Abwasserkanal ist 75 Kilometer lang: Das entspricht – auf direktem Weg – ungefähr der Strecke vom Riedmattschulhaus nach St. Gallen.

 

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: