Solidaritätsbeitrag für Verdingkinder: Aufruf und Entschuldigung zugleich

ZUG ⋅ Heim- und Verdingkinder können bis zum 31. März 2018 beim Bund Gesuche stellen, um einen Solidaritätsbeitrag zu erhalten. Die Gemeinde Cham erinnert mit einem speziellen Flyer an diese Ablauffrist.
20. Dezember 2017, 05:00

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Seit diesem Jahr können Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 für das ihnen angetane Unrecht eine finanzielle Genugtuung erhalten. Die Gemeinde Cham geht nun mit Flyer, Poster und dem Angebot einer Sprechstunde mit Gemeinderätin Christine Blättler-Müller (CVP) in die Offensive. «Wir möchten Opfer und Betroffene ermutigen, dass es richtig und wichtig ist, ein Gesuch einzureichen», sagt die Vorsteherin Soziales und Gesundheit. Denn im September 2016 verabschiedete das eidgenössische Parlament ein Gesetz, das neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung einen Solidaritätsbeitrag von höchstens 25 000 Franken für jeden Betroffenen vorsieht. Dies aus einem Fonds in einer Gesamthöhe von 300 Millionen Franken. Bis spätestens am 31. März 2018 können entsprechende Gesuche gestellt werden. Im Kanton Zug sind das Staatsarchiv und die Opferberatungsstelle von Eff-Zett Anlaufstellen für Betroffene.

Besagtes Thema fand Eingang in die Traktandenliste des Chamer Gemeinderats, und Ende November wurde beschlossen, einen Beitrag von 50 000 Franken an den Solidaritätsfonds zu leisten und sich bei den Opfern und Betroffenen zu entschuldigen. «Wir möchten damit als Gemeinde ein Signal der Wiedergutmachung und Solidarität senden», betont die Gemeinderätin.

«Hürde senken» und «Hemmungen abbauen»

Denn die Rolle der Gemeinden sei beim Vollzug der Fremdplatzierungen und fürsorgerischen Zwangsmassnahmen von entscheidender Bedeutung gewesen, weiss Blättler-Müller. In der Gemeinde Cham steht das ehemalige Kinderheim Hagendorn im Fokus, wobei die Fremdplatzierungen oft über die Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg erfolgten. Bei der Suche nach den Dokumenten hilft das Staatsarchiv: «Man muss nicht selber wissen, wo sich welche Akten befinden. Die Koordination läuft über das Staatsarchiv, die Archive sind gut untereinander vernetzt», erklärt sie. Nach Information der Archive habe es keine grösseren Aktenvernichtungen gegeben. Jedoch seien Qualität und Aussagekraft der Akten unterschiedlich gut.

Die Sprechstunde ist indes nicht für die Aktensuche gedacht. «Uns geht es um das Zuhören und die persönlichen Geschichten der Opfer», erklärt Blättler-Müller. Sie sei sich bewusst, dass diese sehr schmerzhaft und schwer verdaulich sind: «Im Dialog können wir uns auch persönlich entschuldigen und im besten Fall mithelfen, das Erlebte zu verarbeiten.» Sie ergänzt: «Was wir heute noch machen können, ist Mitgefühl und Empathie zeigen und das möchten wir mit diesem ‹Aufruf› tun.» Die Initiative dafür sei aus der Abteilung Soziales gekommen. Dazu beigetragen habe auch, dass schweizweit erst wenige Gesuche eingegangen seien. Christine Blättler-Müller ergänzt: «Wir möchten damit die Hürde senken und Hemmungen abbauen, sich bei uns oder der Opferberatungsstelle zu melden.»

Die Flyer mit dem «Aufruf» und die dazu passenden Poster werden über das gemeindliche Netzwerk «Altern in Cham» an die ihm angehängten Institutionen, Vereinen und Organisationen verteilt. «Wir würden uns sehr freuen, wenn sich unsere Massnahme auch in der Anzahl Gesuche ausdrücken würde», sagt die Sozialvorsteherin.

39 Anfragen im Staatsarchiv

Im Staatsarchiv Zug sind laut Ignaz Civelli, Leiter des Staatsarchivs, im laufenden Jahr bis Mitte Dezember 39 Anfragen im Zusammenhang mit dem Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 gestellt worden. Pro Anfrage wende das Staatsarchiv zwischen 2 bis 2,5 Arbeitstage auf. Civelli macht darauf aufmerksam: «Vielfach sind es Anfragen von ausserkantonalen Personen, die als Kinder im Kanton Zug in einem Heim oder einer Familie platziert worden waren.» Eine gewisse numerische Häufung ergebe sich für Menzingen, da sich dort das Kinderheim Marianum befand.

Um ein Gesuch einzureichen, empfiehlt Civelli, sich an die Opferberatungsstelle von Eff-Zett zu wenden. «Die Institution arbeitet sehr professionell, nimmt formulargestützt die Aktensuchanliegen auf, holt eine Vollmacht ein und beschafft eine Kopie des Identitätsausweises. Mit diesen Angaben kann das Staatsarchiv dann effizient arbeiten.» Auch der Kanton Zug geht nochmals in die Offensive. Frau Landammann Manuela Weichelt sagt: «Der Kanton wird Mitte Januar nochmals einen Aufruf via Medien lancieren, um erneut auf die ablaufende Frist aufmerksam zu machen.»

Hinweis

Die Opferberatung Eff-Zett ist unter 041 725 26 50 erreichbar.


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